Rethink Mobility – Wie Mobilität der Zukunft aussieht

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Die Welt verstädtert - heute schon lebt jeder zweite Mensch in Städten, im Jahr 2030 werden es bereits 70 Prozent sein. Die Lebensqualität einer Großstadt misst sich in Zukunft mehr denn je darin, wie effizient diese Infrastruktur und Wege-Netze organisiert und dabei den ökologischen Fußabdruck minimiert. Die großen städtischen Ballungsräume sind schließlich nicht nur für 80 Prozent der weltweit erbrachten Wirtschaftsleistung verantwortlich, sondern auch für 80 Prozent der emittierten Treibhausgase. Intelligente Verkehrssysteme optimieren nachhaltig die Mobilitätskette von Bürgern und Unternehmen und entlasten so deren Zeit-Budget (EU-weit verursachen Staus Kosten von immerhin 1,5 Prozent des BIP).

Städtischer Verkehr erfährt einen Paradigmen-Wechsel: der Anteil des Öffentlichen Verkehrs nimmt stetig zu (in Wien z.B. macht er bereits 39 Prozent aus), der private Auto-Anteil hingegen sinkt (in Wien auf aktuell 27 Prozent). Die Stadt kommt auf Schiene.

wien_fußgängerDiese Entwicklung ist nicht nur von oben (also klima-/politisch) getrieben, in ihr spiegelt sich auch ein gesellschaftlicher Wertewandel. Pragmatischer Nutzen eines Verkehrsmittels geht immer öfter vor persönlichen Besitz. ÖPNV-Nutzung und Car-Sharing erhöhen ihren Anteil am urbanen Verkehr, das eigene Auto hingegen verliert an Prestige – ein Imagewandel, der Autoproduzenten in Europa zu schaffen macht. Ein Viertel der unter 25-Jährigen kann auf ein eigenes Auto verzichten, drei Viertel der 20-29-Jährigen haben einen Führerschein, aber die Hälfte fährt kaum Auto (Quelle: Center of Automotive Management bzw. Timescout).

Zudem nimmt das Umweltbewusstsein zu, Städte werden grüner. In Kopenhagen und Amsterdam fährt jeder Zweite mit dem Fahrrad zur Arbeit, eigene Fast Lanes für Radfahrer priorisieren die Mobilität auf zwei Rädern, in Amsterdam werden im Winter demnächst sogar Fahrradwege (mit Geothermie) beheizt. Ob freilich ein Fußgängerbeauftragter! wie künftig in Wien die Mobilität auf zwei Beinen erhöht, darf bezweifelt werden. 

Das Mobilitätsverhalten ändert sich, wird flexibler. In einer dynamischen Nonstop-Gesellschaft agieren Konsumenten zunehmend situativ, wechseln je nach Bedarf die Verkehrsträger. Dies erfordert eine Neuorganisation des städtischen Verkehrs hin zur integrierten Mobilität. Intermodale Verkehrsnutzung heißt das Passwort für effiziente Verkehrssysteme und flexible Mobilitätsmuster von morgen.

kopenhagenKommunale Verkehrsbetriebe vernetzen sich mit Car-Sharing-Anbietern, vor den Bahnhöfen stehen Mietfahrräder bereit, Hotels bieten ihren Gästen E-Bikes an, vor stark frequentierten Lebensmittelgeschäften sind Elektroautos abgestellt. Von diesen Drehscheiben, die öffentlichen mit individuellem Verkehr verschränken, hängt in Zukunft funktionierende Mobilität – und diese heißt on demand – ab.

Urbane Intelligenz zeigt sich einerseits im Einsatz smarter Technologien wie

  • z.B. lückenlose Sensorennetze im städtischen Raum, die Staus und freie Parkplätze an das App im Auto melden)
  • elektronische Leitsysteme, die den Verkehrsstand überwachen und so etwa Busse je nach aktueller Passagierzahl an Haltestellen in höherer oder niedrigerer Taktung los schicken oder bei erhöhten Feinstaubwerten im voraus den privaten Verkehr zugunsten des öffentlichen umschichten
  • Car-to-Car-Kommunikation und autonomes Fahren (Auspark- und Stauassistenten etc.).

Es geht jedoch nicht nur um den Einsatz smarter Technologien und Leitsysteme, sondern vor allem auch um die prozessorientierte, strategische Vernetzung von Akteuren so unterschiedlicher Branchen wie ÖPNV, Bahn, Handel, Energie, IKT, private Mobilitätsanbieter, Garagenbetreiber usf. rund um das Thema Mobilität. Schließlich suchen Kunden bequeme und einfache One Stop-Lösungen – wie z.B. eine Mobilitätskarte für alle in der Stadt angebotenen Verkehrsmittel oder eine App für das Smartphone, die den schnellsten Weg von A nach B und das dafür geeignetste Verkehrsmittel ermittelt. Selbst schwerfällige Tanker wie DB (Flinkster) oder ÖBB (Smile) machen die ersten Schritte hin zur Vernetzung mit externen Partnern. Neue Mitspieler aus dem Telekom – und IKT-Sektor drängen künftig als Mobilitätsanbieter auf den Markt (im Finanzsektor sind Google  (Google Wallet) & Co. ja bereits Angreifer auf die traditionellen Finanzdienstleister wie Banken etc.).

Die Asiaten sind da schon weiter. In U-Bahn-Stationen von Seoul und Shanghai können Metro-Passagiere in virtuellen Supermarkt-Regalen (über QR-Codes) ausgestellte Produkte bestellen und sich nach Hause liefern lassen – so werden Wartezeiten bequem genutzt. Haltestellen als Schnittpunkte von Verkehrsmitteln kommt hier künftig eine noch größere strategische Bedeutung zu einerseits als inszenierter Point of Sale und andererseits als Markenkontaktpunkt, der die Markenwelt und das städtische Corporate Design konsistent übersetzt (Barcelona ist hier ein First Mover, aber auch Innsbruck ist mit seinen Designer-Stationen auf die Hungerburg gut unterwegs). Wartezeiten müssen im Sinn der Kunden optimiert werden, Haltestationen sind ideale Umschlagplätze, Touchpoints für Infotainment, Einkaufen etc.

tirolcitymap_frontside_low1Damit Mobilität effizient über Branchengrenzen hinaus angeboten wird, müssen Räume neu gedacht und re-kombiniert werden. Ein wunderbares Beispiel lieferte hier, bereits vor einigen Jahren, die Architekten-Gruppe YEAN (Young European Architects Network), die eine Region wie Tirol umdefinierte zur TirolCITY.

COLLAGE_YEAN3Ausgehend vom Inntal, einem ohnehin stark urbanen Agglomerationsgebiet, wird die Gebirgsregion als Ganzes zum städtischen Ballungsraum erklärt: durch das Inntal fährt die TirolMETRO, am Eingang zu den Seitentälern verlinkt jeweils eine Gondel die Bahnstation mit den einzelnen Orten im Tal. Integrierte Mobilität eben, wie sie derzeit in Vorreiter-Städten in ersten Pioniermodellen erprobt wird.

Dieser Beitrag erschien in seiner ursprünglichen Form als Trend-Kommentar von Andreas Reiter im Heft 05/2013 „Österreichs Energie“ (http://oesterreichsenergie.at/), dem Magazin der österreichischen E-Wirtschaft, und wurde hier erweitert und modifiziert.

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Andreas Reiter sprach vor kurzem auf einer Tagung für ÖPNV in Berlin über „Mobilität der Zukunft“.

Wer Räume neu denkt, erfindet auch Mobilität neu. Kreatives Redesign am Beispiel Tirol City von der Gruppe YEAN: http://www.nextroom.at/publication.php?id=1032

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Next Exit Europe – die neuen Job-Nomaden aus dem Süden

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In Europa nimmt die Fragmentierung zu, der Graben zwischen den hoch verschuldeten Staaten im Süden und den prosperierenden im Norden wächst. Der Riss geht aber nicht nur quer durch die Gesellschaft, sondern auch mitten durch ein- und dieselbe Generation.

Während in wohlhabenden Ländern wie Österreich oder Deutschland die Generation Y – also die nach 1980 Geborenen – im Job vor allem sich selbst verwirklichen will, geht es bei vielen ihrer Alterskollegen in den Krisenstaaten ums nackte Überleben. Ist in den Mittelmeerländern die Lage am Arbeitsmarkt generell trostlos, so implodiert unter den Jungen die Arbeitslosigkeit geradezu: in Griechenland sind derzeit 59,1 Prozent der unter 25-Jährigen ohne Arbeit, in Spanien sind es 55,9 Prozent, in Portugal und Italien sind knapp vier von zehn jungen Leuten arbeitslos. Stabilität und soziale Sicherheit sehen anders aus.

Bringt die Schuldenkrise eine „verlorene Generation“ hervor? Werden im Süden Europas in gewaltigem Ausmaß Talente vernichtet? Bilden Spanien und Griechenland die künftigen Fachkräfte für den reichen Norden aus? Die Frage nach den Gewinnern und Verlierern dieser Entwicklung ist nicht eindeutig zu beantworten.

Für die maroden Süd-Staaten ist die dramatisch hohe Arbeitslosigkeit speziell ihrer Jugend folgenreich: vor allem Hochqualifizierte verlassen mangels Perspektiven ihr Land und suchen ihr Glück anderswo. Ein Aderlass, der den eigenen Standort auf Dauer schwächt und die soziale Schieflage weiter verstärkt. Europaweit verursacht die Jugendarbeitslosigkeit einen Schaden von ca. 118 Milliarden Euro. Jeder zweite Schulabgänger in Griechenland denkt, laut Umfrage, ans Auswandern. Solange in den Heimatländern keine neuen zukunftsträchtigen Wachstums-Branchen wie Green Tech oder Life Science aufgebaut werden, werden die einmal Ausgewanderten wohl kaum wieder zurückkommen – Olivenöl und Sonnenschirme allein machen keinen Staat.

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Für die jungen Krisenflüchtlinge hingegen ist der grenzenlose europäische Arbeitsmarkt ein Glücksfall – die wirtschaftlich dynamischen Länder empfangen sie mit offenen Armen. Nicht umsonst werben deutsche und österreichische Unternehmen aktiv auf Job-Messen in Südeuropa um junge Fachkräfte (gesucht sind nicht nur Krankenpfleger, sondern auch Elektriker, Mechatroniker u.a.). 2012 wanderte insgesamt über 1 Million Menschen in Deutschland ein, die meisten zieht es in die großen Ballungszentren in Bayern, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen. Aber auch kleine Gemeinden, die an Fachkräftemangel leiden, können von den Migranten profitieren – so umwirbt das oberfränkische  Wunsiedel etwa – für eine Kleinstadt verblüffend – strategisch Fachkräfte in Spanien mit speziellen Incentives (günstige Miete etc.).

Noch nie hat es eine so gut ausbildete Generation an Zuwanderern – an Fachkräften wie an High Potentials – gegeben. Die Wirtschaft in den Wachstumsländern profitiert von dieser mediterranen Völkerwanderung nachhaltig – die Länder nördlich der Alpen werden bunter und dadurch auch wettbewerbsfähiger.

Schon einmal, in den 1960er Jahren, spülte eine starke Einwandererwelle Arbeitskräfte en masse aus dem Süden heran und machte das Wirtschaftswunder erst möglich. Im Gegensatz zu ihren Großeltern ist die heutige Migranten-Generation jedoch meist gut ausgebildet (beinahe die Hälfte der jungen Auswanderer sind Akademiker), beruflich ambitioniert und, wie viele ihrer Altersgenossen in Europa, international ausgerichtet – Europa ist ihnen durch Städtetrips, Erasmus und Praktika vertraut. 84 Prozent der Jungen, so die letzte Shell-Jugendstudie, verbinden mit Globalisierung vor allem die Freiheit, in der ganzen Welt reisen, studieren und arbeiten zu können. Es ist paradox: während die wirtschaftliche Entwicklung in vielen europäischen Ländern asynchron verläuft, wächst Europa andererseits durch den gemeinsamen Arbeitsmarkt wieder stärker zusammen.

Um nicht nur kurzfristig als Krisengewinnler dazustehen, ist von der Politik strategisches Talente-Marketing gefordert. Auch in Österreich wird – endlich – eine Talente- und Fachkräftestrategie politisch umgesetzt, nachdem man dieses Thema – Migration als Recruting – lange fahrlässig verschlafen hatte. Die Rot-Weiß-Rot–Karte ist – bei aller berechtigten Kritik an einzelnen Zulassungskriterien – ein erster Schritt, gut ausgebildete Arbeitskräfte aus Drittstaaten anzuziehen. Denn auf diese ist Österreich mit seinem demografisch bald ausgedünnten Arbeitsmarkt (2030 sind hierzulande schon mehr als 30 Prozent über 60 Jahre alt) morgen mehr denn je angewiesen. Es sind schließlich meistens die Besten, die gehen um zu bleiben.

Die jungen Krisenflüchtlinge aus dem Süden sind die Vorboten einer neuen ambitionierten Einwanderer-Generation, die Europa verändern wird. Wer sie nicht mit offenen Armen empfängt, kann seinen Laden zusperren. Oder einen historischen Themenpark aufmachen.

Dieser Beitrag erschien in seiner ursprünglichen Form als Trend-Kommentar von Andreas Reiter im Heft 04/2013 „Österreichs Energie“, (http://oesterreichsenergie.at/) dem Magazin der österreichischen E-Wirtschaft, und wurde hier leicht modifiziert.

 

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Plädoyer für die Peripherie

Stuben21, Wien, 2013, copyright www.peterrigaud.com

Cindy Crawford hat eines – ein Muttermal. Dieser vermeintliche „Schönheitsmakel“ über der Lippe wurde ihr Markenzeichen und ist bis heute ein Eyecatcher. Selbst in Hollywood gilt das Perfekte, das Durchgestylte inzwischen als langweilig.

Für Städte gilt dies erst recht. Feel the difference! Natürlich schätzen wir die atmosphärische Schönheit von Städten, den Magnetismus eines belebten Marktplatzes, die Symmetrie eines Boulevards, die futuristische Kühnheit eines modernen Gebäudes usf. Aber gleichzeitig reichen fünf Minuten auf einer mitteleuropäischen Einkaufsstraße und uns schwirrt der Kopf vor dem globalen Einheitsbrei der Mainstream-Marken und Flagship-Stores. Nachdem wir unsere Städte in den letzten Jahren Viertel um Viertel geliftet und den öffentlichen Raum mit Grünzonen, adretten Stadtmöbeln und Waterscapes zur Public Lounge umfunktioniert haben, nachdem Romantiker jeden zweiten Laternenpfosten mit ihrem bunten Strickwerk verzierten (Urban Knitting) und gut erzogene Familienväter Gemüsebeete auf einstigen Autoabstellplätzen hochzogen (Urban Gardening), wenden wir uns nun – aus strategischen Gründen – den Hinterhöfen zu.

Denn dort, in den postindustriellen Fabrikhallen und zugigen Werkstätten an der Peripherie wird an der Zukunft gebastelt. In Friedrichshain und Hernals, in East London wie in Istanbul-Cihangir. Innovation kommt nicht aus den Chefetagen in der City, sondern meist von den Rändern, von dort wo die bunte Phantasie auf graue Mauern trifft und das Provokante auf das Provisorische. Ja, unterm Pflaster wächst auch 2013 noch der Strand. Die Kreativen sind nicht nur ein wichtiger Wertschöpfungsfaktor der Wissensgesellschaft, sie sind auch die Speerspitze der Stadtraum- und damit Immobilienentwicklung, die Trojanischen Pferde der Aufwertung des öffentlichen Raums.

DSC_1735Die ästhetische Performance einer Stadt ist bekanntlich ein wichtiger Standort- und Imagefaktor. Ebenso wichtig ist es aber auch, periphere und prekräre Räume – neben der Gentrifizierung – zu bewahren. Die Peripherie ist das Muttermal im sonst zu perfekten Gesicht. Was täte Berlin ohne seine maroden Hinterhöfe, ohne seine leistbaren Werkstätten für Kreative? Die Stadt würde zur Beliebigkeit „vermittet“ und ihrer Schwäche (die ja eine Stärke ist) beraubt – viele Jahre als „arm aber sexy“ durchgewinkt, hat sich Berlin in letzter Zeit als der Hub für die Start-up-Kultur gemausert, nach dem Sillicon Valley gibt es nirgendwo so eine Dichte an jungen IT-Firmen. Das Image macht die Begehrlichkeit macht das Image.

Wo sich die Gesellschaft verändert, in neue Möglichkeiten aufbricht, brechen auch ihre Räume auf, werden mit neuen Funktionen ausgefüllt. Stadträume werden zu interaktiven Spielplätzen, aus Kirchen werden Klettergärten (etwa in den Niederlanden) oder Restaurants wie das „Glück und Seligkeit“ (Bielefeld). In leerstehende Geschäftsflächen in der Vorstadt ziehen – strategisch gelenkt – Designer und Wissensarbeiter ein, Galerien und Science-Labs u.a. Alles räumliche Umcodierungen, die erst allmählich ihre Ernte einspielen.

riverside_1Kreative Leitmilieus treibt auch als Stadt-Konsumenten die richtige Mischung aus Inspiration und Irritation. In der Mode (Raw Denim) und im Interior-Design (Shabby Chic), aber immer öfter auch in touristischen Produkten ist der Wertewandel zu spüren – wenn es um Luxus geht, dann bitte um Rough Luxury (Best-Of das Rough Luxe Hotel in London: „Half rough, half luxury. A little bit of luxury in a rough part of London. A little bit of rough in a luxurious London“). In Berlin erfüllt das Cookie – der Name ist Programm – ja eine ähnliche Erwartungshaltung. Feel the Difference. Austauschbare städtische Erlebnisräume wie die geklonten Waterfronts stehen genug herum in europäischen Städten – umso kostbarer Ausnahmen wie Glasgow Riverside: brüchiger. Echter.

Das Rudimentäre zählt. Die Gebrauchsspuren. Die gespeicherte Identität.

Und das bedeutet: Umwege auf sich nehmen. Die Hauptstraßen waren ja schon immer ein langweiliges Pflaster für moderne Performer. Wer mehr erkennen will, bewegt sich abseits des Mainstreams. Durch die Peripherie. Urbane Abenteurer wie die Place Hackers pirschen durch Industrieruinen, kraxeln auf Brücken und kriechen durch Kanäle – Erlebnis als Statusgewinn, Experience Value. Die Gebrauchsspuren. Das Muttermal. An der Peripherie der Städte.

 

Periphere Empfehlung: http://www.gschwandner.at/
Einige Häuserblöcke von unserem Büro in Wien-Hernals entfernt liegt „Das Gschwandner“, eine historische Entertainment-Marke der Wiener Vorstadt, behutsam revitalisiert und seit kurzem wieder für Events und künstlerische Acts genutzt sowie als Präsentationsraum – wie im Foto oben von der Möbelmanufaktur Stuben 21 (www.stuben21.com)

http://www.placehacking.co.uk

http://www.roughluxe.co.uk/

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Tourismus: radikale Innovationen braucht das Land

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Der Wettbewerbsdruck im Tourismus nimmt drastisch zu. Sinkende Aufenthaltsdauer, beschleunigte Urlaubszyklen (heute hier, morgen dort) und eine massive Konzentration starker Destinations-Marken erfordern eine klare Differenzierung vom Wettbewerb und damit die Forcierung – markenzentrierter – Innovationen.

Innovation ja – aber nur wenn sie die Marke stärkt

Wer  Wachstum erzielen will, muss raus aus der Komfortzone und sich ins Ungewisse wagen. Erfolgreiche Unternehmen brechen Regeln, überschreiten Branchengrenzen und definieren ihre Märkte neu. Dies erfordert Kreativität, Mut sowie Fehler-Bereitschaft. Und ein Denken in Alternativen.

Denn Innovation ist der Wechsel vom Standbein zum Spielbein, von der Kernkompetenz hin zu neuen Profilfeldern – etwa wenn der Seilbahnbauer Doppelmayr sich als Mobilitäts-Anbieter in Städten (zuletzt etwa in London) positioniert, wenn der Garten-Architekt Patrick Blanc vertikale Gärten auf Häuserwänden wachsen lässt, wenn der Babynahrungshersteller Hipp vitalisierende Obstgläschen für Erwachsene produziert oder wenn sich der Autohersteller Daimler als Mobilitäts-Dienstleister definiert – mit Car2go, dem „ersten eigenen öffentlichen Verkehrsmittel“.

  •  Innovationen im Tourismus

Wie sieht es mit der Innovations-Kraft im (alpinen) Tourismus aus – einer Branche, die ja ihren Kunden stets „was Neues bieten“ und durch Kreativität und Emotion begeistern soll? Der Innovationsgrad des Tourismus kann schwerlich mit dem anderer Branchen (etwa den Start-ups im IT-Sektor) verglichen werden – zum einen aufgrund der  

  • (im heimischen Tourismus) vorwiegend kleinteiligen Strukturen und – damit verbunden – begrenzten Eigenmittel  
  • Komplexität der Entscheidungen und Interessensvielfalt (im Spannungsfeld Attraktion – Wirtschaftlichkeit – Natur / Umwelt – Werte – regionale Wertschöpfung usf.)
  • Komplexität des „Produkts“, eines soft goods, bei dem es um die Erzeugung von Emotionen und Glücksgefühlen geht.

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Die Innovationstätigkeit der  Touristiker bezieht sich in erster Linie auf die Hardware (Hotellerie, Thermen, Seilbahnen etc.) und/oder auf die Service-Kette vor Ort. Die Kurzlebigkeit touristischer Lebenszyklen verstärkt die rein „ikonographische“ Produkt-Entwicklung – die Akteure begeben sich in den Wettbewerb der Symbole: die höchstgelegene Haubenküche, die steilste Skipiste der Alpen usf. Sie fokussieren dabeizu sehr und zu ausschließlich – auf Attraktionspunkte. Diese sind zwar als Imageträger wichtig und ziehen vor allem Erstkunden an. Zur Wettbewerbsstärkung und Differenzierung auf den Märkten dienen sie jedoch nur selten. Fact ist, die Tourismuslandschaft  reproduziert sich häufig selbst (denken wir nur an die neue Generation der cool gestylten Alm-Designerhütten, die alle unisono dem Cover von Wallpaper entsprungen sein könnten). Die Produkt-Semantik ist repetitiv–  der erste Sky Walk in den Bergen ist noch interessant, der 24. langweilt.   

Es überwiegen im Tourismus insgesamt inkrementelle Innovationen, die das Bestehende sukzessive optimieren: das Spa mit Cabriodach, die Fun-Therme mit der Mega-Speed-Rutsche, der Performance-Sensor auf der Skipiste, die VIP-Gondel im Luxus-Design des BMW-7er-Modells usf. Inkrementelle Innovationen werden schnell zu Basics, langfristig erreicht man darüber keine Wettbewerbsvorteile.

Radikale Innovationen – die den Markt verändern – sind im Tourismus selten. Die braucht es ja gar nicht, höre ich von so manchem Touristiker fälschlicherweise, wir haben genug damit zu tun, die Qualität in der Destination anzuheben. Es ist natürlich wichtig, die weichen Faktoren, die Ambiente- und Service-Leistungen laufend zu optimieren, doch das alleine reicht nicht. Erstens ist Urlaub mehr als nur ein Wohlfühl-Programm (und Fluchthilfe aus dem Alltag). Zum zweiten werden heute, mittels strategischem Service Design, die Bedürfnisse der Kunden ohnehin (zumindest in den Premium-Destinationen) meist sehr gut abgedeckt, Best-Of-Beispiel Serfaus-Fiss-Ladis, mit z.B. seinen Helping Hands.

Eine orchestrierte Performance aller Akteure ist viel wert – doch sie ist nur die Grundmelodie des Erfolgs. Nachhaltige Wertschöpfung erzielen nur Innovationen, die sich an den Sehnsüchten der Gäste ausrichten – und diese in markenzentriertes Story Telling verpacken. Erst im harmonischen Zusammenspiel weicher und harter Faktoren entsteht die Magie eines Ortes.

  •  Erlebnis-Prestige

Urlaub ist, so die Erwartungshaltung der Gäste, Paradies auf Zeit. Dieses Paradies gibt es, seit der Vertreibung von Adam & Eva nicht mehr, aber umso mehr sucht man es – im Extremen: dort, wo es ganz leise ist (wo man ganz bei sich ist) und dort wo es laut und fröhlich ist (unter anderen Menschen). Die touristische Dramaturgie hat somit zwei große Handlungslinien, zwei Story Lines: die Destination Ich und die Magie des Ortes, das Place Setting.

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Um die Sehnsüchte der Gäste in neue Produkte zu übersetzen, müssen zwei Gefühlszonen aktiviert werden: Serotonin (Glück) und Adrenalin (Kicks). Die touristische Hardware (Hotel, Berg etc.) ist dabei die Bühne, auf der die Geschichte (Place Spirit) erzählt und der Gast als Mitspieler aktiviert wird. 

Innovation auf gesättigten Märkten zielt insbesondere auf das Erlebnis-Prestige des Kunden ab. Dieses erfordert künftig mehr denn je ein außergewöhnliches Setting, das wenig mit herkömmlichem Luxus zu tun. Schließlich sind moderne Performer auf der Jagd nach exklusiven Erlebnissen, die ihr Ego emporheben. Diese sind die neuen Status-Symbole – eine codierte Form des Luxus (z.B. die First Track-Angebote, für die frühmorgens die Skipiste exklusiv für eine kleine Gruppe reserviert wird).

Dort, wo Erlebnisse Emotionen wachrufen und der persönlichen Differenzierung dienen, kommt Innovation ins Spiel. Und das Urlaubsglück. Darum: Innovate, don’t hesitate.

Andreas Reiter zum Thema: http://derstandard.at/1362107389322/Touristiker-auf-der-Suche-nach-Antiblockiersystem

dialoge_13_teaserVortrag von Andreas Reiter bei den Kleinwalsertaler Dialogen über Innovation im Tourismus: http://www.ztb-zukunft.com/pdf/innovation_tourismus_.pdf

http://www.raiffeisenholding.at/files/20130328-rfraiffe-013-a-w.pdf

Tipp: Spannende Outdoor-Produkte für die Bergwelt entwickelt die italienische Designfirma leapfactory, z.B. ihre Mini-Lodge für Abenteurer (Fotos siehe Blogbeitrag): die Survival-Röhre ist schnee- und sturmsicher, enthält Schlafkojen für 2-12 Personen, Tische, Stühle, Toiletten und Waschbecken, Fotovoltaikanlage auf dem Dach: http://www.leapfactory.it

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Crowd Sourcing erreicht die Energiewirtschaft

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Wenn ein Begriff unsere Zeit charakterisiert, dann ist es jener der Netzwerke: ob in der Wirtschaft oder in unserem Privatleben. Die Grundmelodie einer Netzwerkkultur – Verbindung von Eigennutzen mit Gemeinschaftsnutzen – bringt neue kooperative Geschäftsmodelle hervor.

In einer Netzwerk-Ökonomie werden aus Wertschöpfungsketten Wertschöpfungsnetze. Kunden und andere Stakeholder (Partner, Lieferanten etc.) werden in Geschäftsprozesse integriert, Produktentwicklung erfolgt zunehmend in Wertschöpfungsnetzen und nicht mehr in hermetischen Ökosystemen. Zum einen hat die Welt eine derart hohe Komplexität erreicht, dass diese nur noch gemeinsam reduziert werden kann. Zum anderen verstärken Netzwerk-Technologien wie das Cloud Computing generell partizipative Entwicklungen.

Neue flüssige Geschäfts-Modelle brechen die Grenzen zwischen Unternehmen und Kunden auf. Die Netzwerk-Wirtschaft erfordert kooperative Organisationen, die ihr soziales Kapital ebenso klug einsetzen wie ihre unternehmerischen Ressourcen. Die vernetzten Märkte werden dynamischer, aber auch fragmentierter. Wo es früher einige große Anbieter gab, treten heute zusätzlich viele kleinere Akteure auf. Immer wieder mischen auch Branchenfremde den Markt auf – so verkaufte jüngst der Lebensmittel-Diskonter Hofer Ökostrom an seine Kunden.

Die Wettbewerbslandschaft wird auch in der Energie-Wirtschaft bunter. Aufgrund des wachsenden Anteils der Erneuerbaren Energien und eines breiteren Energie-Mixes nimmt auch hier die Fragmentierung der Märkte zu.

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Signifikant ist der Trend zur Dezentralisierung im Windschatten der Erneuerbaren Energien. Gemeinden wie Konsumenten streben vermehrt eine Energie-Autarkie an. Konsumenten betreiben ihr eigenes Kraftwerk im Keller, Gewerbebetriebe versorgen sich über Blockheizkraftwerke. In Deutschland, wo die Energiewende von oben durch die (Markt verzerrende) Förderpolitik massiv angeschoben wurde, kontrollieren Bürger inzwischen ca. 40 Prozent der Solar-, Wind- und Biogasanlagen – die großen Energiekonzerne Eon, RWE, Vattenfall und EnBW hingegen halten gemeinsam nur sechs Prozent.

Die Idee der dezentralen Energieversorgung ist nicht neu, es ist das alte Match David gegen Goliath. Schon vor zehn Jahren träumte Jeremy Rifkin, Hohepriester der Wasserstoff-Energie, von der eigenen Brennstoffzelle in jedem Haushalt. „Millionen lokaler Kleinstkraftwerke mit Brennstoffzellen“, so seine Vision, werden „zu günstigeren Preisen mehr Energie erzeugen als die heutigen Großkraftwerke“ (J. Rifkin, Die H2-Revolution, 2002).

Für Energieversorger ist die wachsende Dezentralisierung jedenfalls eine strategische Herausforderung. Die Schwarmintelligenz schläft nicht, das Crowd Sourcing erreicht nun auch den Energiesektor. Bürgerbeteiligungen nehmen bei Erneuerbaren Energieträgern zu. In Wien plante Wien Energie vier „Bürgerinnen-Solarkraftwerke“, zwei davon sind bereits in Betrieb. Die Bürger vermieten ihre erworbenen Paneele an Wien Energie und erhalten dafür eine jährliche Rendite von 3,1 Prozent ihres Investments. Nach Ablauf der Lebensdauer der Anlage kauft Wien Energie die Paneele zurück, der Beteiligungsbetrag fließt wieder zurück an die Bürger. Wien Energie betreibt die Kraftwerke. Ein win-win-Modell, das man mit gutem Gewissen kopieren sollte.

Bürgerbeteiligungen im Energiesektor können unterschiedliche Formen annehmen. So will das Land Schleswig-Holstein die BürgerInnen erstmalig am Ausbau einer Stromleitung finanziell beteiligen. Ein Hybrid-Modell wie es typisch ist für eine Netzwerk-Ökonomie: der Bürger wird zum Kleininvestor (das von Privaten zu zeichnende Kapital ist begrenzt auf 15 Prozent der Gesamtinvestition, die Verzinsung beträgt rund 5 Prozent), mögliche Widerstände gegen neue Stromtrassen lassen sich damit auch besser umgehen.

Der Wertewandel hin zu partizipativen Geschäftsmodellen ist offensichtlich – er verspricht auch im Energiesektor eine spannende Zukunft für Energiekonsumenten und Betreiber: smart, dezentral, nachhaltig.

Dieser Beitrag erschien zuerst als Trend-Kommentar von Andreas Reiter im Heft 03/2013 „Österreichs Energie“, dem Magazin der österreichischen E-Wirtschaft und wurde hier leicht ergänzt. http://oesterreichsenergie.at/

energie_tirolAndreas Reiter hielt beim Jubiläumsevent von Energie Tirol einen Vortrag über die Trends im Energie-Konsum:

http://www.ztb-zukunft.com/pdf/future_energie_tirol_.pdf

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3D-Printing – die digitale Minifabrik

IMAG0154_niedrigDie Welt ist mehr denn je vernetzt – nicht nur wir Menschen miteinander, sondern vor allem unsere Devices: im Jahr 2020 werden 37 Milliarden digitale Tools, Sensoren etc. vernetzt sein. Die Machine-to-Machine-Communication durchdringt – unbemerkt – unseren Alltag, von mit einander vernetzten Autos bis zum Smart Home. Bald schon haben auch Produkte ihre eigene Referenz-Website. „Die größte Internet-Community wird aus Waschmaschinen, Geschirrspülern, Tiefkühltruhen und Spielsachen bestehen“, hatte der IT-Vordenker Nicholas Negroponte schon vor langem erkannt.

Das Internet der Dinge sorgt für einen nie da gewesenen Schub an radikalen Innovationen, die die Märkte verändern. Eine solche ist der 3D-Drucker, der schon morgen die Produktionsweise von Unternehmen ebenso wie das Verhalten der Konsumenten drastisch umstülpen wird. Was sich wie eine billige Science Fiction-Geschichte anhört, ist für immer mehr Unternehmen – und bald auch für mehr und mehr Konsumenten – schon heute Realität: mit computergenerierten Entwürfen kann jeder mit seinem Drucker (in dem Düsen flüssiges Rohmaterial in immer neuen Schichten übereinander sprühen) selbst alle erdenklichen Gegenstände herstellen. Die Palette der so von einem Mini-Drucker erzeugbaren Do-it-yourself-Produkte reicht von der Schutzhülle fürs Handy über Schmuck und Kinderspielzeug bis zu Schuhen, Ersatzteilen oder dem Architekturmodell. Geräte für den Heimgebrauch sind inzwischen schon deutlich unter 2.000 Euro zu bekommen.

Happylab_Christoph Welkovits_01Medien hypen den 3D-Drucker gerne als neue Ikone der Do-it-Yourself-Bewegung – dabei steht beim 3D-Printing vorerst weniger der private Verbraucher im Vordergrund als die Industrie. Dort stellen große (millionenschwere) 3-Drucker Prototypen und Designstudien für Autos (z.B. für BMW), Triebwerksteile oder Einspritzdüsen für Flugzeuge her, der kanadische Autobauer Kor Ecologic hat letztes Jahr die Kunststoffkarosserie eines (wenig ansehnlichen) Hybridwagens mit einem 3D-Drucker ausgedruckt. Kein Industriekonzern, von Siemens bis General Electric (GE), der nicht schon das Verfahren des 3D-Printing einsetzt. Ein Vorreiter dieser Technologie ist insbesondere die Medizintechnik, wo künstliche Ersatzteile mittels 3D-Printing produziert werden, von Hüftgelenken bis zu Zahnimplantaten.

Derzeit ist die Technologie vor allem der privaten 3D-Drucker bei weitem nicht ausgereift, die Kunststoff-Produkte sind weder ästhetisch anspruchsvoll noch funktionell perfekt. Das Personal Fabbing entwächst dennoch – langsam – den Kinderschuhen. Das Marktvolumen soll von derzeit 1,3 Milliarden Dollar weltweit auf 6,5 Milliarden Dollar in den nächsten fünf Jahren anwachsen. Der „Economist“ spricht von der „dritten industriellen Revolution“, für den Internet-Vordenker Chris Anderson (Long Tail bzw. Makers) hat die „digitale Revolution jetzt auch die Werkstätten erreicht“, die Auswirkungen des 3-D-Printing seien „größer als die Erfindung des Internets“. Angesagte Revolutionen finden zwar selten statt, die 3D-Printing-Technologie ist dennoch weit mehr als nur ein Hype.

Radikale Innovationen haben dann nachhaltig Erfolg, wenn sie zentrale Werte der Kunden erfüllen. Das 3D-Printing vereint gleich mehrere zentrale Trends in sich:

  • Individualisierung
  • Dezentralisierung
  • Ressourcenschonung.Happylab Christoph Welkovits

Der stärkste Treiber ist die Individualisierung - jeder Konsument kann seine Produkte künftig nach seinen Vorstellungen selbst designen und ohne allzu großen Aufwand selbst am Heim-Drucker herstellen. Oder er lässt seine Entwürfe in einem lokalen 3D-Druck-Shop on demand anfertigen. Copy-Shops mutieren künftig immer mehr zu Fab-Shops um die Ecke.

Der Paradigmenwechsel in der Fabrikation ist damit eingeläutet, der Konsument wird zum Produzenten. Dies verändert die Produktionslandschaft (und die angrezenden Bereiche wie Logistik etc.) nachhaltig, die Auslagerung von Billigproduktionen in Schwellenländern wird dadurch vielfach obsolet, es bricht mittelfristig die große Zeit kleiner High-Tech-Manufakturen an.

Der Produktionsbereich wird immer stärker fragmentiert – neben die traditionellen Produzenten tritt eine Vielzahl kreativer Mikro-Hersteller auf den Plan. Ähnlich wie in der Energiewirtschaft wird auch in der Produktion die Dezentralisierung weiter vorangetrieben. Auch beim Desktop-Publishing in den 1980er Jahren verlagerte sich das Produktionswerkzeug „aus der Halle“ auf den Schreibtisch des Einzelnen. In einer digitalen Netzwerkgesellschaft können Konsumenten zudem (kostenlos) auf Open-Source-Software für ihre 3D-Entwürfe zugreifen. Das 3D-Printing ist nachhaltiger, die Drucker verbrauchen nur soviel Material für ein Produkt, wie benötigt wird, die Lagerbestände werden minimiert, die Lieferketten sind extrem kurz.

Wenn es gelingt, die potenziellen Risiken (Copyright, Patentschutz etc.) abzuwenden, dann wird das 3D-Printing die Produktionslandschaft nachhaltig revolutionieren, und die Produktionsmittel fallen – frei nach Karl Marx – zunehmend in die Hand der Kreativen Klasse.

Dieser Text erschien zuerst – leicht gekürzt – als Trend-Kommentar von Andreas Reiter im Heft 02/2013 „Österreichs Energie“, dem Magazin der österreichischen E-Wirtschaft.

Andreas Reiter im Interview zum Thema:
http://derstandard.at/1356426688394/Ich-druck-dann-schnell-ein-Haus-aus http://diepresse.com/home/techscience/hightech/1337312/3DDrucker_Die-Fabrik-im-Wohnzimmer

3D-Scanner: http://www.artec3d.com/de/case_studies/Individuelle+Sonderanfertigungen+von+Automobilen_3538

Für Interessierte in Wien: www.happylab.at

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Retro-Marketing – wie Fans ihre Kindheit verteidigen

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41.575 Menschen können nicht irren. So viele Fans hat die Facebook-Seite der Gruppe „Rettet die Niemetz Schwedenbomben“ aktuell. Mit viralen Aktivitäten soll der vor kurzem in Insolvenz gegangene Wiener Süßwarenhersteller Niemetz gerettet, der Absatz der legendären Schwedenbomben wieder angekurbelt werden. Zumindest Letzteres ist bisher gelungen. Mit einer Zwischenfinanzierung konnte sich das Unternehmen schnelle Liquidität verschaffen und den Handel wieder verlässlich beliefern. Gerettet ist das Unternehmen aber damit noch nicht.

Die Schwedenbomben von Niemetz sind eine der letzten Wiener Trademarks, kaum ein Österreicher, der nicht in dieses süße Nirwana gebissen hätte (ich persönlich ziehe ein anderes Produkt dieser Firma vor – Swedy, ein zart auf der Zunge dahin schmelzender Schoko-Riegel). Warum die Kokos-Bombe geplatzt und der Umsatz letztes Jahr um fast 23 Prozent einbrach, hat wohl viele Gründe: ineffiziente Produktionsweise, Strategiefehler (ohne Innovation kann man auf dem stark umkämpften Markt (Dickmann’s und Co.) nicht bestehen), vernachlässigte Markt-Kommunikation (www.sweet-niemetz.com), von Social Media-Kanälen ganz zu schweigen… Dass die Konsumenten aus ernährungstechnischen Gründen immer seltener zur kalorienreichen Schaumbombe griffen, bezweifle ich – unser stressreicher Alltag bietet genug Anlässe, sich das Leben versüßen zu wollen.

Ich sehe den Hauptgrund für die Schieflage der Schwedenbombe in der (kaum wahrnehmbaren) Markenführung. Während andere heimische Retro-Marken wie Manner und Almdudler (großartig!) die Klaviatur der Social Conversation und des viralen Marketings beherrschen und in ihren Communities präsent sind, gibt es die Niemetz Schwedenbomben mehrheitlich nur in der Erinnerung der Konsumenten – als Remineszenz an die eigene Kindheit. Aber genau diese Stärke hat man bisher vernachlässigt, dabei liegen in ihr ja die Magie und der Marken-Kern dieser Retro-Marke: aus der Vergangenheit Kraft für die Gegenwart zu ziehen, das Ich wieder aufzuladen mit süßen Genüssen und dem nostalgischen Schaum der eigenen Kindheit.

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Die Inszenierung der Kindheit ist ein Schutzschild, ein Firewall vor den gesellschaftlichen Umwälzungen. Das rasante Tempo unserer Gesellschaft mit ihren zahllosen biographischen Brüchen und Umbrüchen überfordert heute viele Erwachsene. Kein Wunder, dass Erwachsene sich immer wieder kurzfristig mit dem Airbag einer heilen Kindheit umgeben wollen – etwa mit einem Schaumkuss.

Dass die Facebook-Gruppe „Rettet die Niemetz Schwedenbomben“ in wenigen Tagen auf 41.575 Fans hochschnellte, ist ein starker Appell an die Marke. Die Fans verteidigen mit ihren (Kauf-)Aktionen aber vor allem ihre eigene Kindheit (und weniger das Produkt Schwedenbombe). Marken stehen für Sicherheit und Stabilität. Je unsicherer unsere Welt ist, je mehr die eigene Identität gefährdet ist, desto wichtiger wird die Beziehung zwischen Marke und Kunden. Marken sind Beziehungspartner – wenn ihre Existenz in Frage gestellt ist, dann wird auch die Identität der Kunden brüchig. So erklärt sich auch das Aufbäumen der Kunden und die Bündelung deren Verteidigungskräfte am POS. 41.575 Fans können nicht irren – aber sie wollen auch in Zukunft ihre Vergangenheit feiern.

Damit Niemetz Zukunft hat und Vergangenheit bietet, braucht das Unternehmen einen Investor, der

  • in die Produktion ebenso investiert wie ins Packaging Design (die 6-er-Plastik-Verpackung ist – auch ökologisch – ein Drama)
  • gesündere Light-Varianten entwickelt
  • das Sortiment kreativ mit Innovationen auflädt
  • die Marken-Kommunikation emotionalisiert und aus Kunden Fans macht (die hohe Kunst der digitalen Markenführung).

Eine Marke ist nur dann erfolgreich, wenn Bekanntheit in Begehrlichkeit übersetzt wird. Für Retro-Geschichten ist in der Psyche der Konsumenten mehr denn je Platz. Nur mit diesem Story Telling kann die Schwedenbombe wieder in den Regalen ticken.

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