Interactive City: Stadtraum ist inszenierter Lehr-Raum

ImageÜber die Creative City habe ich ja in diesem Blog schon mehrfach geschrieben. Unbestritten sind Kreativ-Szenen in einer Wissens-Gesellschaft ein ernstzunehmender Standortfaktor, sie sind häufig der Missing Link zwischen Produktion und Handel, sie beleben den öffentlichen Raum ebenso wie die Tourismus-Statistiken – und natürlich in erster Linie den Spirit einer Stadt. Keine Stadt kann es sich – im verschärften Standort-Wettbewerb – heute noch leisten, Kreative nicht zu bewerben. Wo Talente sind, da fliegen Talente zu.

Dennoch ist die Kreativwirtschaft („eines jener hochauflösenden Brausewörter der Innovation“, Die Zeit, 04.11.10) nur dann keine hippe Marketing-Seifenblase, wenn die Kreativen mit dem restlichen wirtschaftlichen Umfeld (Industrie, Gewerbe, Handel, F&E) strategisch intelligent verzahnt werden (wie etwa in Helsinki oder Barcelona) und dabei in Netzwerken auch neue urbane Raumqualitäten entstehen. Kreative jedoch als Sterbebegleitung von Leerstands-Flächen zu instrumentalisieren ist genauso ein Unsinn wie das Deklinieren des (längst überholten) Stadtmarketing-Mantras von „Talenten, Technologie und Toleranz“.

Eine Stadt hingegen als kreativen Hot Spot unter den Aspekten der Liveability, der Lebensqualität zu entwickeln, macht Sinn (dies erweist sich in unserer beraterischen Praxis jedenfalls immer wieder). Was Städte der Zukunft ausmacht, ist ihr interaktives Potenzial – je mehr Urbanität und Natur, je mehr Produktions- und Wissenskulturen konvergieren, desto höher der Output an Lebensqualität und Innovationskraft.

Passiver Stadt- und Szene-Konsum war gestern, Erlebnis- und Wissens-Produktion ist morgen. Die neuen Urbaniten wollen nicht mehr bloß (über Events etc.) konsumistisch unterhalten werden, sie basteln sich ihre Erlebnis- und Erfahrungsräume lieber selbst.

Ob Trendsportarten wie Street Boulder, Free Running oder Buildering, ob Urban Knitting, Skip Conversion oder andere künstlerische Transformationen öffentlicher und privater Räume – städtische Räume werden immer öfter aus ihrem ursprünglichen Kontext gelöst und von den Jungen als Spiel- und Abenteuerspielplatz umfunktioniert. Der Münchner Eisbach als Hot Spot der Surfer, das weite Feld des ehemaligen Tempelhofer Flughafens, das seit nun zwei Jahren die Berliner ihre Freizeit neu erfinden und gestalten lässt, 61 schwarze Schiffs-Container im Londoner Shoreditch, die als weltweit erste Pop-up-Mall fungieren – der öffentliche Raum wird zum Spielgerät (z.B. Senior Playground in London), zum selbstironischen Zitat (z.B. Urban Gardening) oder eben auch zum narrativen Lehr-Raum.

Einen solchen – spannend inszenierten – Lehr-Raum findet man zur Zeit (wieder einmal) in Graz, der UNESCO City of Design. In Österreichs spritzigster Stadt erfährt man, im Rahmen des „Designmonat Graz 2012“, in interaktiven Formaten und in ungewöhnlichen Räumen wie der Kastner & Öhler Tiefgarage genussvoll mehr über städtische Esskultur. Etwa, wie das Essen in die Stadt kommt – „Gegessen wird…, was das Auto bringt. Aus dem Auto wird geholt, was gegessen wird“. Drive in! Drive Graz!

www.designmonat.at

http://www.oliverbishopyoung.co.uk/conversions.html

www.boxpark.co.uk

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Liebe in Zeiten biografischer Brüche

Unser Lebensglück hängt, das zeigen Umfragen immer wieder, entscheidend von drei Faktoren ab: Gesundheit, Freunde, liebevolle Partnerschaft. Die Liebe aber ist das Epizentrum unserer Gefühle. Sie trägt uns durchs Leben. Ob Lieben eine Kunst oder eine Arbeit (an sich selbst, an der Beziehung) ist, mag jeder für sich selbst entscheiden. Nichts jedenfalls ist so widersprüchlich, so schwer zu greifen – und zu halten – wie die Liebe. Die Liebe ist ein seltsames Spiel, sie kommt und geht von einem zum andern, trällerte Connie Francis in den frühen 1960ern. Über die Liebe sollte man ja eigentlich nur Poeten sprechen lassen oder Schlagersänger. Diese haben die Deutungshoheit über Gefühle, als Zukunftsforscher müßte man dazu schweigen.

Wenn man über die Liebe spricht, gerät man schnell in eine doppelte Falle: Entweder man plaudert aus der Ratgeber-Ecke à la „Liebe dich selbst und es ist egal, wen du heiratest“ oder man analysiert die Liebe auf der Meta-Ebene, also biologisch, kulturell, psychologisch etc. Beide Ansätze – der triviale und der wissenschaftliche wohl noch mehr – werden dem Mysterium Liebe nicht wirklich gerecht. Die Liebe lässt sich nicht vermessen, weder im Kernspintomografen noch im Chemie-Labor. Sie bleibt, allen evolutionsbiologischen und neurologischen Erkenntnissen zum Trotz, ein Geheimnis. Das Herz hat seine Gründe, die der Verstand nicht kennt, sagte Pascal.

Die lebenslange Liebe mag zwar immer noch in unserem evolutionären Programm als Ideal verankert sein, in der Realität aber wird sie zunehmend abgelöst durch lebenszyklische Partnerschaften, durch serielle Monogamie.  Lebensentwürfe sind heute bunter, die Formen von Beziehungen vielfältiger. Es gibt hetero- und homosexuelle Liebesbeziehungen, traditionelle Mama-Papa-Kind-Familien und  immer mehr Patchwork-Familien, die in ihrer Unübersichtlich schon einem Clan gleichen. Aus der Beziehungskiste wird ein Beziehungs-Mobile. Die einen suchen die romantische Liebe, die anderen nur Sex. Die einen brauchen dafür einen, die anderen gleich mehrere Partner. Das Netz beschleunigt zweifellos auch den konsumistischen Aspekt der Sexualität, der Zugang zu sexuellen Dienstleistungen wird einfacher, bequemer. Man ist immer nur einen Mausclick vom nächsten Orgasmus entfernt. Click me.

Dass man aus Liebe eine Partnerschaft eingeht, ist evolutionsgeschichtlich  ein sehr junges Phänomen. Bis zum 20. Jahrhundert waren Ehen ja primär Wirtschaftsgemeinschaften. Der Mann war der Versorger, die Frau war für das häusliche und für das Familien-Leben zuständig. Die Rollen waren klar verteilt. Heute ist alles viel komplexer und komplizierter, die Erwartungen an beide Geschlechter steigen. Dazu kommt der enorme emotionale Anspruch an den Partner. Man will alles von ihm. Die totale Verschmelzung zweier Seelen und Körper, wie bei Platons Kugelmenschen.

Ein totalitärer Anspruch an die Liebe, er ist Segen und Fluch zugleich. Liebe soll aufregend sein und gleichzeitig Geborgenheit bieten, wir suchen in ihr sexuelle Exstase ebenso wie Alltags-Wellness. Liebe ist ein „unordentliches Gefühl“, wie der Autor Richard David Precht so treffend sagt. Da Ordnung hineinzubringen, wäre kontraproduktiv. Das Dilemma ist wohl, so unterschiedliche Dinge wie Romantik, Sex und Alltagsleben in Einklang zu bringen – und das noch dazu mit ein- und derselben Person.

Liebe wertet uns auf. Jeder Mensch möchte etwas Besonderes sein. Im Berufsleben gelingt das nur wenigen. Also sucht man sich ein anderes Bestätigungs-Feld. Und überträgt diese Sehnsüchte nach Exklusivität auf den Liebespartner. In den Augen des Liebespartners wollen wir einzigartig sein, außergewöhnlich. Er soll uns alle Aufmerksamkeit dieser Welt schenken, wir haben sie uns ja auch verdient. Die Liebe ist die letzte große Bühne für unser Ego, für unsere Selbstverwirklichung. Wir kommen, psychologisch gesprochen, über das Du zum Ich. „Sie erkannten einander“, heißt es in der Bibel. Und genau das ist ja der Wunsch aller Liebenden: vom anderen – erotisch und seelisch – „erkannt“ und tief im Innersten berührt zu werden.

Dieser Text ist die – gekürzte – Zusammenfassung eines Interviews mit Andreas Reiter im neu erschienenen Magazin “2012. Das vielleicht letzte Magazin der Welt” aus dem Hause Red Bull. www.2012.at

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Marken werden sozial – und kommunizieren mit Fans statt mit Kunden

In einer Netzwerk-Ökonomie verändert sich die Kommunikation für Unternehmen. Das alte Sender-Empfänger-Modell zwischen Unternehmen und Kunden funktioniert seit Ausdehnung der sozialen Netze nicht mehr. Auf digitalen Märkten verschwimmen die Grenzen zwischen Sender und Empfänger, Produzent und Konsument. Crossmediale Vernetzungen sind da unerlässlich, also Verlinkungen zwischen sozialen Fanseiten, Unternehmens-Website und klassischen Werbeträgern wie Print, TV u.a.  

Auf den Massenmärkten der Nachkriegszeit konnte man noch erfolgreich eine Marketing-Botschaft für alle trommeln. Auf den atomisierten Märkten der 1990er Jahre hingegen galt bereits der persönliche Dialog mit dem Kunden als neue Heilslehre, das 1:1-Marketing bahnte sich seinen Weg durch das digitale Datenmeer. Heute, wo aus Kunden Fans geworden sind und aus Zielgruppen “Tribes”, müssen sich Unternehmen in der hohen Kunst des „Multilogs“ bewähren, im Gespräch mit vielen. Früher genügte der Marketingabteilung das Wissen, wer der Kunde ist. In den sozialen Netzen hingegen zählt, was er sagt und zu wem er es sagt. Und auch, was er nicht sagt.

Je vernetzter die Märkte, desto wichtiger ist das Beziehungs-Management zwischen Unternehmen und Kunden. Conversational Marketing ist zwar oft reine Absichtserklärung – hellhörige Unternehmen wissen aber sehr wohl, dass Kunden mit der Marke interagieren und diese mit gestalten wollen. Sie integrieren daher ihre Kunden in den Prozess der Produkt-Entwicklung (Open Innovation) oder setzen sie als Botschafter der Marke ein. Die Entwicklung geht (zwar langsam aber) unaufhaltsam vor sich: Marken werden sozial.

Nun sind Marken zwar schon immer zuallererst in den Köpfen der Kunden entstanden (die Marke als „Idee eines Produkts“, David Ogilvy) – schließlich können sie nur dort mit Leben erfüllt werden. Die digitalen Märkte verstärken aber mehr denn je diesen interaktiven Part der Marken-Kommunikation. Mehr als die Hälfte der Konsumenten meidet inzwischen herkömmliche Werbekampagnen, sie ist zunehmend immun gegen Einweg-Botschaften.  

Erfolgreiche Unternehmen erkennen, dass sie die Marken-Kommunikation ein Stück weit den Kunden überlassen müssen – deren Weiterempfehlung ist auf digitalen Märkten schließlich noch wichtiger und (weil viraler, noch effizienter) als auf analogen. 91 Prozent der Konsumenten vertrauen heute der Empfehlung von Freunden (Quelle: Otto Trendstudie 2011) – aber immer weniger den traditionell kommunizierten Werbebotschaften. Markenartikler haben es meist leichter, Kunden als Markenbotschafter einzusetzen, diese identifizieren sich leidenschaftlicher mit den Produkten. Beispielhaft zeigte dies Coca-Cola vor: zwei Fans hatten vor Jahren – völlig unabhängig vom Getränkekonzern – die erste Coca-Cola-Fanseite auf Facebook gestaltet. Statt sie wegen Urheberrechtsverletzung zu verklagen, erhielten die Fans Unterstützung vom Management – schon bald zählte die Fanseite zu den meistfrequentierten auf Facebook.

Eine interaktive Marken-Kommunikation erhöht die Komplexität auf den Märkten und die strategischen Entscheidungsprozesse erheblich. 79 Prozent aller (in einer weltweiten IBM- „Global CMO-Study“ 2011 befragten) Marketingchefs rechnen denn auch in den kommenden fünf Jahren mit einer hohen Komplexität, nur 48 Prozent glauben, dass sie für diese Komplexität gerüstet sind.

Markenkommunikation auf digitalen Märkten erfordert eine subtile Performance. Unternehmen müssen dabei einen Balanceakt vollführen: einerseits die Marke strategisch steuern und sie andererseits in die Hände ihrer Fans geben. Beim Marketing 2.0 geht es nicht darum, die Zahl der Fans und Follower (etwa über Gewinnspiele oder Rabattaktionen) zu erhöhen. Relevant in sozialen Netzen ist vielmehr die Verankerung in der kleinen Gruppe der Meinungsführer, der einflussreichen Blogger und Tweeter – rund 90 Prozent der Nutzer sind passiv im Netz unterwegs. Jedem Hype um Social Marketing zum Trotz ist jedoch die Interaktionsrate zwischen (selbst Big-Spender-)Marken und ihren Konsumenten verblüffend gering: sie liegt bei nur 1,5 Prozent, wie der Trendreport der Agentur Zucker „Facebook, Marken & TV in Deutschland“ 2011 erhob.

Dennoch, entscheidend ist, wie die Kunden die Marke im Netz wahrnehmen, wie sehr sie sich mit den Werten des Unternehmens identifizieren. Mehr denn je ist dabei Vertrauen (und wo dieses brüchig ist: Transparenz) das entscheidende Bindemittel. Der Pizza-Lieferant Domino’s mietete letztes Jahr auf dem New Yorker Times Square ein riesiges Billboard. Dort präsentierte man unzensiertes – positives wie negatives – Konsumentenfeedback im Livestream via Twitter. Wer solcherart als authentische Marken-Persönlichkeit auftritt, gewinnt das Vertrauen der Kunden, weckt Begehrlichkeit und schafft “die Sicherung einer Monopolstellung in der Psyche der Verbraucher“ (Hans Domizlaff).   

Dieser Artikel ist zuerst als Kolumne von Andreas Reiter im Magazin der österreichischen E-Wirtschaft “Österreichs Energie” im April 2012 (in gekürzter Form) unter dem Titel “Kunden sind gegen Einwegbotschaften immun“ “erschienen.

Links zum Thema:

Coca-Cola Fan-Page: http://www.youtube.com/watch?v=9TGkDHzqUaQ

http://www.slideshare.net/zuckerberlin/trendreport-juli-2011-facebook-marken-tv-in-deutschland

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Randale und Resilienz – warum das touristische Image Tirols nicht ernsthaft bedroht ist

Was haben Berlin, Mallorca und Tirol gemeinsam? Alle drei sind in ihrem jeweiligen touristischen Segment Spitzenreiter. Als Marke erstklassig geführt, als Destination begehrt, den Wettbewerbern meist um Einiges voraus. Alle drei verbuchen aber auch – ab und zu – massentouristische Kollateralschäden, Tirol zuletzt mit der Randale betrunkener Gäste im Zillertal.

In Berlin-Kreuzberg protestierten letztes Jahr Einwohner (und Grüne) immer wieder gegen die Heerscharen junger Partygänger, die besoffen durch die nächtlichen Straßen des Kiezes ziehen. Der Protest mag aus Anrainersicht verständlich sein, aus Sicht der Touristiker freilich ist er ein blödes Eigentor, schließlich bewirbt man die Stadt ja als härteste Party-Metropole des Kontinents.

In Mallorca wiederum, in vielem mit Tirol vergleichbar – rasante Entwicklung vom armen Agrarland zur wohlhabenden Region, massentouristisches Ziel – gibt’s den Original-Ballermann (gegen den jede Partymeile im Zillertal ein – wie man in Wien sagt – Lercherlschas ist). Doch Mallorca ist deswegen als Ganzes beileibe keine Station für anonyme Alkoholiker, sondern eine Premium-Destination mit meist hochwertigen Produkten (sowie begehrter Zweitwohnsitz betuchter Deutscher und Briten). Diese eine sechs Kilometer lange Strandzone voller Billighotels und Promille-Schuppen – eben der Ballermann – kratzt zwar seit längerem am Image der Insel, die Marke ernsthaft beschädigen konnte sie aber nicht.

Es ist das Dilemma der Erfolgreichen – je begehrter eine Destination ist, desto stärker wird sie frequentiert. Massentourismus schafft breiten Wohlstand, geht aber immer auch einher mit systemischen Risiken – ökologischen, raumplanerischen und sozialen. Diese Risiken strategisch zu steuern, ist Aufgabe der Tourismus-Politik. Dass es in massentouristischen Destinationen zu gröberen Exzessen alkoholisierter Gäste kommen kann, ist so ein systemisches Risiko. Und die Ausnahme. Die touristische Masse nämlich verhält sich – selbst noch im illuminierten Zustand – in der Regel korrekt. Tirol ist nicht die türkische Riviera mit ihrem Summer Splash, bei dem der Alkohol kübelweise inhaliert wird oder das thailändische Koh Phangan mit seinen rauschhaften Vollmond-Parties.

Wie aber kann man bei uns unappetitliche Exzesse in touristischen Hardcore-Regionen verhindern?

Kurzfristig sicherlich durch die Festschreibung eines Verhaltenskodex (à la: kein Alkohol im öffentlichen Raum, abseits von Events), durch Implementierung eines Code of Conduct, wie er etwa in einigen nordamerikanischen Ski-Resorts praktiziert wird. Um aber ein Abfärben der Saufgelage auf das Image der gesamten Destination zu verhindern, hilft langfristig nur eine klare Markenführung: Destinationen müssen stringent als Dachmarke mit differenziertem Portfolio auftreten. Das Ötztal z.B. macht dies hervorragend – die Produkte und Zielgruppen sind im umtriebigen Sölden völlig anders als jene im noblen Obergurgl-Hochgurgl, ebenso differenziert und komplementär ist das Portfolio der beiden Orte Ischgl und Galtür. In der Familien-Destination Serfaus werden keine Komatrinker via Billigflieger einfallen. Letztlich geht es um die Anhebung und ständige Weiterentwicklung von Qualität – und damit auch um ein Upgrading der Preise und Gästeschichten. Mallorca plant übrigens (seit Jahren, jetzt wird’s hoffentlich auch umgesetzt) seinen Ballermann auszuradieren und in einen Nobel-Boulevard sowie in ein klimaneutrales Luxusviertel umzugestalten.

In der Ökologie (wie auch in der Psychologie und im Standort-Management) gibt es das Phänomen der Resilienz. Ein resilientes Öko-System kehrt nach einer Störung rasch wieder in seinen Ausgangszustand zurück. Betrachtet man den Tiroler Tourismus als Ökosystem, dann ist auch dieses durch Störungen nicht wirklich zu erschüttern – wenn man denn weiterhin auf hohe Qualität setzt.

Dieser Text ist (leicht gekürzt) zuerst in der Tiroler Tageszeitung vom 15.04.2012 als Kommentar („Brief an Tirol“) erschienen.

http://www.tt.com/Tirol/4600709-2/das-zillertal-darf-nicht-mehr-der-ballermann-sein.csp

 

 

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Marken-Architektur & Urban Branding

Im globalen Standort-Wettbewerb nimmt die Notwendigkeit der Differenzierung von Städten – und damit auch deren Marken-Inszenierung – massiv zu. Über das Branding setzt sich das Image einer Stadt in den Köpfen der Konsumenten fest – die Marke ist bekanntlich der spezifische Ruf, der einer Destination vorauseilt. Die dabei erzeugten Bilder sind Resonanzfelder, sie lösen in den Menschen emotionale Erwartungen – und letztlich auch Impulse – aus.

Marken wecken  Begehrlichkeit, dazu müssen sie den strategischen Dreiklang ihrer Symbole, Rituale und Botschafter genau auf die eigenen Werte hin abstimmen. Dies erfordert seitens der Stadt und ihrer Akteure eine stringente, markenorientierte Weiterentwicklung der von ihr besetzten Profilthemen. Und auch eine entsprechende architektonische Übersetzung in narrative Erlebnis-Räume. Denn in unserer Ökonomie der Aufmerksamkeit erzählen immer öfter auch architektonische Bauten oder Public Design die Marken-Geschichte eines Ortes.

Standort-Wettbewerb ist ja vordergründig immer auch ein Wettbewerb der Bilder und Symbole. Unternehmen mit ihrer klar formulierten Corporate Culture tun sich da meist leichter. Viele Unternehmen haben etwa die Kraft einer gebauten Marke schon seit längerem erkannt und kommunizieren – oft beeindruckend – ihre Marken-Werte über ihr Corporate Building: von der Getränkefirma Almdudler mit ihrem Almdudlerhaus in Wien über den Bergsportartikler Salewa mit seinem sensationellen neuen felsenförmigen Headquarter in Bozen bis hin zu Porsche mit seinem dynamischen Museumskörper in Stuttgart. Story Telling at it’s best.

Aber Städte mit ihrer komplexen Struktur und ihren meist divergenten Akteuren – können/sollen/müssen auch sie sich ein markenzentriertes Urban Design verordnen? Bei aller Komplexität des Themas: ja! Städte sind (soziale) Unternehmen und müssen ihre Identität auch ikonographisch kommunizieren. Die Magie des Ortes, der lokale Spirit bedürfen auch einer klaren visuellen Übersetzung.

Meist aber sieht die Realität anders aus. Eine repetitive Produkt-Semantik (Cool Spaces) hat zu einer weitestgehenden Homogenisierung vieler Städte geführt. Überall die gleichen Landmarks (Museen, Opernhäuser, Brand Lands etc.) der globalen „Star-Architekten“, überall die gleichen Phallus-Ikonen (Tower), austauschbar all die Urban Lounges, Waterscapes usf. Der „Glory“-Effekt (wie ihn der Raum-Dramaturg Christian Mikunda nennt) ist inzwischen zum Basis-, nicht aber zum Differenzierungsfaktor einer Stadt geworden.

Was Städte brauchen, ist kein Arsenal willkürlicher Attraktionspunkte, sondern ein strategisch gelenktes, markenzentriertes Iconic Branding, bei dem architektonische Symbole klar die Markenwerte der Destination widerspiegeln. Gelungen ist dies z.B. im Fall von Innsbruck, wo Zaha Hadid den Gen-Code der Stadt urban-alpin in zwei futuristischen Bauten (Sprungschanze und Bergbahnstationen) sehr stimmig in Formensprache und Materialien übersetzt hat – und das in den Profilthemen Sport & Berg. So wird die Marke symbolisch eindrucksvoll übersetzt. Und erreicht damit das „Ziel der Markentechnik… die Sicherung einer Monopolstellung in der Psyche der Verbraucher“, wie es Hans Domizlaff, Begründer der Markentechnik, schon 1939 formulierte.

Corporate Building von Almdudler: https://www2.almdudler.com/#/at/about/house

Vortrag Andreas Reiter “Liveable Cities” auf der ITB 2011, Beitrag im Kongressbuch: Conrady/Buck (Hg.): Trends and Issues in Global Tourism 2012, Springer Verlag 2012 http://www.ztb-zukunft.com/pdf/LiveableCity2012.pdf

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Das Restaurant von morgen

Restaurants und Gasthäuser sind sinnliche Oasen einer nomadischen Gesellschaft. Die Wirte –  die letzte multiple Größe in der Tourismus-Wirtschaft: Küchenzampano, Fluchthelfer und Community-Manager in einem – verkaufen keine Speisen, sondern genussvolle Auszeiten („Hier müssen Sie plaudern, weil das Essen so lange dauert!”, Speisekarte im Wirtshaus „Zur alten Schule“ in Niederösterreich).

Gastwirte dealen mit einem kostbaren Gut: Glück (auch wenn es eines auf Abruf ist). Ihre Gäste sind Junkies, deren Glücks-Dosis ständig nachjustiert werden muss. Entweder nach oben – durch ein Feuerwerk an sinnlich-ästhetischer Performance – oder nach unten – durch Reduktion und Rückbesinnung auf das Wesentliche. Gast und Gastgeber bilden Werte-Gemeinschaften, es passt nicht jeder Gast zu jedem Haus und umgekehrt.

Die zentralen Werte in diesem Bündnis auf Zeit sind:

  • Convenience: die Aufenthalts-Qualität wird verfeinert, getrieben von anspruchsvollen Best Agern und urbanen Performern. Produkt und Dienstleistung verschmelzen. Produkte müssen aus den Augen der Kunden entwickelt werden und deren Probleme sublim lösen (Best Of-Beispiel: das Kochhaus in Berlin, ein Lebensmittelgeschäft, das als begehbares Rezept konzipiert ist: wer nicht weiß was kochen, erhält dort nicht nur die zündende Idee, sondern auch gleich alle Zutaten dafür)
  • Genuss mit gutem Gewissen: eine nachhaltige, regionale Produkt-Semantik (Genussmittel, Rezepte, Location-Design etc.) erdet die Gäste, festigt den Boden unter ihren Füßen und verbessert die Moral-Bilanz. Regionale Produkte sind nicht nur die Botschafter der Region, sie sind auch Identitäts-Anker und Hebel für regionale Wertschöpfung und damit ein Gegenentwurf zur globalen Austauschbarkeit (Best-Practise in Österreich sind die Genussregionen)
  • Community: Gäste und Gastgeber verbinden ähnliche Lifestyle-Werte, diese gilt es zu leben sowie real und in den sozialen Netzen zu kommunizieren (siehe Guerilla Kitchen)
  • SENSations: in unserer Aufmerksamkeits-Ökonomie müssen Gastronomie-Betriebe eine packende Marken-Geschichte rund um den Teller erzählen und dabei SENSationen ausbreiten, in der Küche, in der Lokal-Inszenierung, in der Performance des Service-Teams. Dieses Story Telling hat umso mehr Erfolg, je authentischer es ist und je virtuoser es auf den passenden Kanälen kommuniziert wird. Die Molekularküche ist tot, sie flackert in der regionalen Moderne in ironischen Zitaten jedoch wieder auf.

Konsumenten sind „Trüffelschweine der Exzellenz“ (Umberto Eco) und hoch mobil, bereits zwei Drittel der Smartphone-Besitzer nutzen Apps rund um das Thema Reisen. Sie filtern Informationen über ihre Peer-Gruppe, rollen eine Destination unterwegs auf und wollen Angebote an Ort und Stelle on demand abrufen. Information und Orientierung müssen daher ubiquitär (überall verfügbar) erfolgen, Leistungen sofort abrufbar sein.

Geobasierte Apps und Augmented-Reality-Applikationen werden zur Bedienungsanleitung für eine digital vernetzte Welt. Die Auswahl-Kriterien auch für Gastronomie-Betriebe werden immer differenzierter, sie  fokussieren die unmittelbare Nachbarschaft der Kunden (z.B. die App Salzburger Mittagsplaner). Ob über Applikationen oder bald über Hologramme  - das Restaurant der Zukunft kommt zum Kunden.

Andreas Reiter sprach über das „Restaurant der Zukunft“ auf dem Bundeskongress der Österreichischen Gastronomie im März 2012 in Salzburg

http://www.ztb-zukunft.com/pdf/gastro_future_salzburg.pdf

Persönlicher Tipp fürs Aussteigen auf Zeit: http://www.derseehof.at/

App: http://mittag.salzburg-altstadt.at

Eine intelligente Problemlösung in der Kulinarik: http://www.kochhaus.de

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My App is my Home Base – wie mobile Technologien unser Leben verändern

Die Welt – und damit die Kommunikation in und mit ihr – wird mobil: 2015 haben, laut IT-Marktforscher Gartner, 95 Prozent aller Handy-Nutzer in Westeuropa ein Smart Phone. Mit ihren mobilen Gadgets und technologischen Applikationen verändern die „Digital Natives“ Organisationen (diese werden horizontaler) und soziale Beziehungen (die Peer-Gruppe lotst den Einzelnen immer mehr über Lifestyle-Algorithmen durch den Info-Dschungel). Und natürlich werden auch traditionelle Geschäftsmodelle umgestülpt.

Mobile on-demand-Business-Modelle schießen aus dem Boden, sie fokussieren auf mobilen Technologien und entsprechend fluider Netz-Infrastruktur wie der „Cloud“. Sie beruhen auf Netzwerken und zielen auf eine intelligente Ressourcen-Schonung ab. Technologien sind nie Selbstzweck, sie folgen immer sozialen Zwecken und geschäftlichen Interessen. Im Fall der sozialen Business-Applikationen ist diese Verknüpfung ein Glücksfall.

Best-Practise-Beispiel ist aus meiner Sicht die App My Taxi. Wo man früher mühsam ein Taxi über die Telefon-Zentrale herbeirufen musste, genügt heute ein Fingerdruck auf das App My Taxi. Das nächstgelegene Taxi wird automatisch herbeigerufen, man sieht auf seinem Handy-Display via Google Maps das Fahrzeug sich auf seinem Weg herannähern. Man sieht ein Foto des Fahrers und automatisch die Bewertungen früherer Passagiere. Mit diesem Info-Pool steigt man dann ins Taxi. Einfacher geht es nicht. Dabei ist dieses Business-Modell eine win-win-Situation für beide Seiten, für Konsumenten wir für Anbieter. Die Taxifahrer sind auf keine Zentrale mehr angewiesen (nur noch auf ihr App am Smart Phone), zudem sind die anfallenden Provisionen geringer als bei den Zentralen.

Mobile Business-Applikationen machen viele herkömmliche Geschäftsmodelle im B2C-Bereich obsolet oder stellen diese zumindest vor zentrale Herausforderungen. Nicht nur dass sich stationäre Vertriebskonzepte wie z.B. jene der Reisebüros nachhaltig verändern, auch die Online-Kanäle selbst – allein in Deutschland wurden 2011 rund 2,3 Milliarden Euro auf den Online-Reiseportalen umgesetzt – sehen sich plötzlich mit neuen mobilen Wettbewerbern konfrontiert. Einer davon ist seit kurzem das Unternehmen Justbook, das eine attraktive App für Hotelzimmer-Buchungen entwickelt hat.

Die App Justbook bietet, vorerst nur in deutschen Großstädten wie Berlin, Hamburg, München etc. täglich ab 12 Uhr mittags günstige Last-Minute-Zimmer im Drei-Sterne-Segment aufwärts an. Praktisch für Geschäftsleute, deren Meeting unerwartet länger gedauert hat, deren Flieger schon weg ist und die nun spontan auf ihrem Handy ein Zimmer buchen müssen. Hier kommt nun die Buchungsplattform HRS – ohnehin im Schussfeld der Hotellerie aufgrund der jüngsten Erhöhung der Provisionen auf 15 Prozent – unter Druck. Auch dieses Geschäftsmodell schafft eine win-win-Situation für Kunden und Anbieter – die Hotellerie kann nämlich ihre Restkontingente abstoßen und so die Kunden –meist urbane Performer und als Zielgruppe attraktiv – an sich binden.

Andreas Reiter im Interview über soziale Technologien und ihre Auswirkungen auf die Reisebranche: http://derstandard.at/1330390700340/Interview-Man-muss-nicht-jeden-Quatsch-twittern

Andreas Reiter im Interview zum selben Thema in:  http://www.wienerzeitung.at/nachrichten/panorama/chronik/448977_Neue-Technologien-treiben-Individualisierung-voran.html

http://www.justbook.com/

http://www.mytaxi.net/

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