Die Welle reiten – Themenführerschaft von Freizeitbädern und Waterparks

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In der Freizeitwirtschaft mit ihren unzähligen Optionen (heute hier, morgen dort) nimmt der Wettbewerbsdruck auch auf Bäder und Waterparks massiv zu. Starbucks, Fußgängerzonen und Shopping-Malls – sie alle sind direkte Mitbewerber im Segment Freizeit-Quickies und inszenieren die schnellen Fluchten aus dem Alltag. Das Paradies auf Abruf.

Auch für Freizeit-Bäder gilt daher (bei aller nötigen Breite des Angebots): Themenführerschaft und inhaltliche Zuspitzung. Marktführer wie die Therme Erding fokussieren immer auf ihre Spitzenleistungen und bauen ihre Themenführerschaft – das „Rutschenparadies“ (20 Rutschen, 3 Levels von Family bis X-treme) – gemäss ihrer Profilierung kontinuierlich aus. Das Tropical Islands südlich von Berlin positioniert sich als Indoor-Regenwald und baut rund um dieses Thema sehr stringent seine tropischen (Wasser-)Erlebniswelten auf.

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Freizeitbäder haben – wenn sie kommunal geführt sind – einen schwierigen Spagat zwischen Daseinsvorsorge & ritueller Bespaßung (bei angedrehter Investitionsschraube) zu erfüllen. Das Angebots-Portfolio dreht sich dabei künftig immer um die strategische Achse:

    •  Socialising: ein Freibad ist per se ein buntes Soziotop & eine Datingzone, ein Ort der Pubertäts- und Initiationsriten („Arschbombe“), der Generationen von jungen Leuten in die Erwachsenenwelt eintauchen lässt
    • Family & Fun: multisensuelle Erlebnis-Module rund um Speed-Rutschen, Loopings und zielgruppenaffine Aquawelten in 3D wie etwa im klug konzipierten Aquapulco in Bad Schallerbach
    • Spannung & Entspannung: Motivpsychologisch geht es bei Wasser-Landschaften immer auch (sehr sublim) um Regression, schließlich ist kein Element emotional so stark besetzt und so sehr mit Mythen aufgeladen wie Wasser. Wir Menschen kommen aus dem (Frucht-)Wasser und es begleitet uns unser Leben lang. Freizeit-Landschaften sind immer auch Wasserlandschaften – wir kennen das z.B. aus einigen Alpen-Destinationen, die ihren traditionell schwachen Sommer erst mit Waterscapes (Hexenwasser, Murmliwasser etc.) in die Wachstumskurve hievten. Water-Lounges in Bädern, Cabrio-Lagunen u.a. mit hohem Privacy-Charakter vermitteln postmodernen Stressopfern das römische Lebensgefühl – dolce vita in der Horizontalen.

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Doch der moderne Konsument mit seinem hybriden Werteset braucht auch die Adrenalin-Dosis ums Eck – Activity-Zonen vom Waterclimbing bis zur Aqua-Fitness für Ältere sind daher notwendige – komplementäre – Angebote. Hybride Orte wie die Barfussbar mitten an der Zürcher Limmat treffen die komplexe Sehnsuchtswelt der Freizeit-Konsumenten auf leichtfüßig-wunderbare Art: tagsüber ein Schwimmbad (nur für Frauen – klare Positionierung), nachts ein hipper Ort für Kultur-Events, urban und am Wasser, barfuß und einfach – that’s it!

Letztlich gilt aber für ein Freizeitbad wie für jede andere Destination das Erfolgsparadigma der Erlebnis-Wirtschaft: hohe Dichte an infrastruktureller Exzellenz und Erlebnistiefe. Meiner Einschätzung nach haben Freizeitbäder vor allem bei Letzterem noch viel Luft nach oben. Die Zeit der rein quantitativen Erlebnis-Steigerung und der Kamikaze-Semantik (höher-schneller-weiter) ist auch bei den Bädern vorbei – diese additive Steigerung läuft erlebnisökonomisch irgendwann ins Leere. Es geht künftig nicht um höher, sondern um tiefer – um Erlebnistiefe eben und damit um dramaturgische Exzellenz und multisensuelles Story Telling (Marken-Geschichte, übersetzt in Space, LED, Sound, Haptik etc.).„Products fulfill needs. Experiences fulfill desires“ (M. Gobe).

credit_wörgler_wasserweltIm Kampf um Aufmerksamkeit zählt die Strahlkraft der Marke, die Magie des Ortes. Freizeitbäder sind dreidimensionale Erlebnis- und Markenräume – auch hier wird der USP zum UEP (Unique Emotional Proposition), zum emotionalen Mehrwert.

credit_wörgler_wasserwelt_01Es ist die hohe Kunst der Erlebnis-Ökonomie, die Marken-Persönlichkeit an allen Touch Points entlang der Dienstleistungskette stringent zu erzählen und über alle (analogen wie digitalen) Kanäle multisensuell zu platzieren. Beispielhaft gelungen ist dies etwa in der Wörgler Wasserwelt, die den Besucher schon auf der Website („Die Ruhe vor dem Turm“) in die Adrenalinwelt selbst-ironisch entführt (Button: „Ich habe keinen Schiss” bzw. “Ich habe Schiss“) – ein Versprechen, das später an allen Kontaktpunkten in der Wasserwelt auch eingelöst wird.

Wer die richtigen Zeichen setzt, lenkt die Erwartungshaltung der Kunden. Auch und gerade in einem Instant-Paradies, wie es nun mal jedes erfolgreiche Freizeitbad ist.

ewaAndreas Reiter sprach kürzlich auf dem Österreichischen Bäderkongress in Innsbruck sowie auf der Tagung der European Waterpark Association (EWA) in Gelsenkirchen über Themenführerschaft & Future Waterscapes. Den Vortrag auf der EWA-Tagung können Sie von unserer Website herunterladen: http://www.ztb-zukunft.com/pdf/reiter_wave.pdf

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Tourismus 3.0: Digitale Kommunikation, analoge Sehnsüchte

Zwetschke (3)_puppWährend andere Branchen (etwa Einzelhandel, Banken etc.) durch das Web bereits erheblich durcheinander gewirbelt wurden und – dort wo der Kundennutzen fehlt – noch weiter substituiert werden, hat der Tourismus einen gewaltigen Vorteil: seine Dienstleistung (das Erzeugen von Glücksgefühlen) ist und bleibt analog. Die Kommunikation allerdings erfolgt digital – und mobil.

Die mobile Interaktion mit dem Gast – 78% der Österreicher besitzen heute bereits ein Smartphone, 8% von diesen nehmen das Handy nachts mit ins Bett (der Lover kommt und geht, das Handy bleibt) – erfolgt vor dem Hintergrund der Interkonnektivität – alles ist mit allem und jedem vernetzt, eine Umwälzung vergleichbar der Industrialisierung im 19. Jahrhundert.

Die Welt wird immer intelligenter (vom Haus über das Auto bis zur City wird Intelligenz in Form von Sensoren und Chips integriert, selbst der Koffer ist ja heute schon intelligent und kann selbständig anreisen wie bei der kürzlich vorgestellten Bag2Go – ohne den Besitzer, der sein Gepäck via App freilich jederzeit tracken darf). Hotels – und Destinationen – werden in einer smarten Welt zu einem begehbaren Display, Services werden mit einem Fingerdruck on demand und jederzeit bereitgestellt.

Die Digital Natives treiben die Verschmelzung von On- und Offline-Welt in Richtung Augmented Reality weiter voran. Ein Adrenalin-Ride auf dem Downhill-Trail oder dem Flying Fox, das muss natürlich in Echtzeit über die GoPro-Kamera aufgezeichnet und der interessierten Umwelt auf Youtube oder via WhatsApp kommuniziert werden.

hosentaschenrangerIT-Intelligenz und Tourismus gehen seit langem eine meist fruchtbare Allianz ein, schließlich wissen die Touristiker genau, dass sie die Dienstleistungskette auch digital optimieren müssen. Insbesondere mobile Applikationen wie der originelle und praktische Hosentaschen-Ranger für Wanderer erhöhen die Aufenthaltsqualität des Gastes. Destinationen und Hotels sind Marken-Bühnen in 3D, daher müssen Emotionen und Geschichten die Marken-Energie u.a. auch über die sozialen Medien versprühen (nicht zufällig hat ja in den Alpen schon bald jede Familienabfahrt flächendeckend WLAN installiert).

Die touristische Mobilitätskette - von der Information über Buchung und Aufenthalt bis hin zur After Sales-Betreuung – erfolgt im besten Fall aus einer Hand, ein Leistungsbündel aus einem Guss, jedenfalls in einer gut orchestrierten Destination. Nun bestehen aber Märkte „aus Menschen, nicht aus demographischen Segmenten“ (Cluetrain Manifesto)… und darin liegt die eigentliche Chance der digitalen Vernetzung: Interaktion mit dem Kunden, Aufbau und Pflege einer Werte-Community. Die Leitwährung dieser Communities ist Reputation – und diese entsteht vor allem über Empfehlung: 92% der Konsumenten weltweit vertrauen Earned Media (Mund-zu-Mund-Empfehlung von Freunden/Familie) mehr als jeder anderen Form der Werbung (Quelle: Nielsen). Kein Wunder, dass die Bewertungen auch im Tourismus eine entscheidende Rolle im Buchungs- und Kaufverhalten spielen (die Fakes bei Hotel-Bewertungen werden, je nach Untersuchungen, auf maximal ein Drittel (18-35%: Quelle Stiftung Warentest) eingeschätzt.

Die Grenzen zwischen Unternehmen und Konsumenten schwinden, das Netz wird immer kollaborativer, die Rolle des Kunden vielfältiger. In der ersten Welle der sozialen Netze war der Kunde noch ein Multiplikator, der aber nun immer stärker zum Akteur wird. Der Einfluss der sozialen Netzwerke auf den gesamten Reise-Zyklus ist evident: 

  • 42% aller auf Facebook geteilten Inhalte haben mit Reisen zu tun
  • 84% der Nutzer werden durch die Reise-Inhalte von Freunden und Familie inspiriert (Quelle: Facebook Travel: Near and Now).

Auch wenn sich die Lebenskurve von Facebook bei den jungen Nutzern klar abschwächt und die sozialen Netze über kreativere Formate wie Vine (6 Sekunden-Filmchen) etc. auf die nächste Ebene gehoben werden, die Grundmuster der digitalen Kommunikation drehen sich  auch künftig um die Achse des Guten: Interaktivität – Community – Ubiquität.

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Doch es wird nicht nur Aufmerksamkeit geteilt, der Kunde wird nun auch partizipativer in die Produkt-Gestaltung mit integriert. Nachdem Open Innovation in der Wirtschaft generell schon länger praktiziert wird und Unternehmen von Starbucks bis BMW via Crowd Sourcing die Kreativität ihrer Kunden anzapfen und für die Produkt-Entwicklung nutzen, beginnt dieser Trend langsam auch im Tourismus zu greifen. Wien Tourismus ist hier mit seiner Initiative Wien 2020 ein Vorreiter – die Ideen von rund 650.000 Usern über die attraktive Stadt der Zukunft sollen in den sozialen Netzen gesammelt und – gefiltert – in die neue Tourismus-Strategie mit einfließen.

Die digitale Kommunikation mit dem Kunden – und das verschränkt über die unterschiedlichen Kanäle – ist eine Grundvoraussetzung für den touristischen Erfolg. Nicht weniger, aber auch nicht mehr. Bei aller technologischen Entwicklung darf eines nicht vergessen werden: das Produkt selbst ist und bleibt analog. Erst wenn die Aufenthaltsqualität und die Customer’s Journey optimiert sind, beginnt die eigentliche Leistung der Touristiker – die Sehnsüchte der Gäste zu erfüllen und Glücksmomente zu erzeugen.

20140319_115750Andreas Reiter sprach kürzlich in seiner Key Note auf dem Kärntner Tourismustag über touristische Erfolgsstrategien in der mobilen digitalen Welt.

http://www.kleinezeitung.at/kaernten/klagenfurt/klagenfurt/3578980/touristiker-dealen-dem-glueck.story

Tipp: Hosentaschen-Ranger App http://www.youtube.com/watch?v=rXAbH3Bj4i4

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Place Making & ikonografische Events

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Im immer härteren Kampf um Aufmerksamkeit können sich Unternehmen und Standorte nur über ihre Marke und – da diese ja immer eine Spitzen-Leistung kommuniziert – über Themenführerschaft differenzieren.

Wer die richtigen (Marken-)Zeichen in die Köpfe der Kunden bringt, lenkt den Markt. Kein Wunder, dass die Aufmerksamkeits-Ökonomie vor allem den ikonografischen Wettbewerb befeuert. Auch im touristischen Place Making unterstreicht der Einsatz der (richtigen) Symbole die Differenzierung. Dies gilt insbesondere auch für die Event-Kommunikation einer Destination.

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Destinationen sind dreidimensionale Erlebnis- und Markenräume - sie müssen nicht nur ihre Exzellenz pflegen, sondern auch ihre Erlebnistiefe. Events machen nur dann (strategisch) Sinn, wenn sie die spezifische Marken-Energie eines Ortes stärken. Und wenn sie Magic Moments hervorbringen – also jene kostbaren Erlebnisse und Erfahrungen, die etwas Tieferes in uns bewegen, uns emotional berühren. „Products fulfill needs. Experiences fulfill desires (M. Gobe).

Ein solches Marken-Erlebnis muss zwei Voraussetzungen erfüllen:

    • die Werte der Destination kommunizieren (Glaubwürdigkeit)
    • relevante Sehnsuchtsfelder der Konsumenten bewegen.

Nun ändert sich aber derzeit das Betriebssystem der Erlebnis-Ökonomie. Die bisherige Steigerungsspirale von Events läuft angesichts einer totalen Festivalisierung ins Leere. Die  bloße Steigerung (schneller, höher, weiter) hat ihr eigenes Verfallsdatum bereits eingebaut – sie kann jederzeit durch einen noch gewaltigeren Event ersetzt werden, die Marken-Power kannibalisiert sich irgendwann selbst.

Natürlich braucht es auch weiterhin kraftvolle Mega-Events (Power Events, die selbst zum Produkt werden) – das Hahnenkamm-Rennen in Kitzbühel gehört etwa dazu, Hannibal auf den Ötztaler Gletschern, die Bregenzer Festspiele, der Jedermann in Salzburg u.a. Diese bewegen Masse und (Marken)-Energie. Sie sind kongeniale Marken-Botschafter der Destination und erzeugen eine ikonografische Magie.

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In Zukunft aber heißt es: die (reduzierten) Groß-Events werden flankiert von viralen kleinen. In einer Zeit der Interkonnektivität – in der digitale und reale Welt immer stärker verschmelzen – verschiebt sich der Rahmen für Events, Zeit und Raum werden umcodiert. Für die szenische Dramaturgie bedeutet das: der Event als Marken-Erlebnis wird immer mehr de-konstruiert.

Konsumenten gehen heute mit einer fast selbstironischen Distanz an Events heran. Oder manchmal erst gar nicht in diese hinein – der Erfolg des Public Viewing speist sich m.A.n. daraus – hier beobachtet der Beobachter den Beobachter (in der Crowd), und das ist für viele spannender als ein Fußballspiel live im Stadion anzusehen.

„Der geradezu bittere Ernst, mit dem in der Erlebnisgesellschaft Erlebnis und Lebenssinn miteinander verbunden wurden, weicht einer spielerischen, distanzierteren Haltung, bei der die Enttäuschung als kleiner Betriebsunfall von Anfang an eingeplant ist.“ (Gerhard Schulze)

Die Erlebnis-Inszenierung wird reifer, sie hat ihre postpubertäre Phase hinter sich. Erfolgreiche Event-Dramaturgie zeichnet sich künftig aus durch:

    • Interaktivität
    • Authentizität
    • Inspiration
    • Status-Gewinn.

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Events müssen sehr differenziert archetypische Rituale und Riten umsetzen, um Menschen künftig emotional an Orte zu binden. Die Leonhardi-Fahrt am Tegernsee etwa hat hier ebenso eine ikonografische Stärke wie z.B. der Winterswimming Cup im slowenischen Bled. Events werden zudem interaktiver (Wien Tourismus ist hier mit Marken-Auftritten wie „Vienna from a Different Angle“ beispielhaft bei der Interaktion der Zuschauer).

sbg_3Der (saturierte) Kunde wird zum Experience Seeker, der neue Erfahrungen und Erlebnisse abseits des Mainstreams sucht und daraus auch Image-Gewinn erzielt. Status-Stories für den postmodernen Place Hacker. Kleine, außergewöhnliche Erlebnisse wie sie die Salzburger Altstadt in exklusiven Veranstaltungsreihen wie z.B. Hand.Kopf.Werk bietet: ein hochwertiger Schirme-Hersteller z.B. präsentiert  seine neueste Kollektion für eine kleine Gruppe von Besuchern – auf den Dächern der Altstadt, in Form eines Baletts, im Hintergrund der mächtige Salzburger Dom. Ein Event, der selbstironische Distanz hat und zugleich die Magie des Ortes einfängt. Ikonografisches Event-Marketing vom Feinsten.

Andreas Reiter hielt vor kurzem auf der ITB in Berlin einen Vortrag über Place Making & ikonografische Erlebnisse. Sie können diesen auf unserer Website herunterladen: http://www.ztb-zukunft.com/pdf/place_making_reiter_ztb%20zukunftsbuero.pdf

Buch_Dieser Tage erscheint ein Buch zum Thema – „Business of Events Management“ (Pearson) mit einem Beitrag von Andreas Reiter über Future Events.

Good Practise für interaktive Events (Vienna goes vertical): http://www.youtube.com/watch?v=nX8uyfFd6as

 

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Future Thinking – strategisches Denken in Möglichkeitsräumen

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Wir leben in einer Zeit der Umbrüche. Volatile Märkte, drehende Kapitalflüsse (so ziehen Investoren gerade massiv Gelder aus den jahrelang als Wachstumsturbos gehandelten Schwellenländern Türkei, Brasilien etc. ab) sowie Start-ups, die aus dem Nichts herausschießen und binnen kurzem etablierte Branchenführer aushebeln. Nichts bleibt, wie es war.

Unternehmen agieren mehr denn je in einem hoch komplexen, instabilen System, in dem die Störung zum Normalfall wird. Manager werden zunehmend von ihrem Umfeld gesteuert, anstatt dieses selbst zu steuern. Dreijahresplan, strategische Wachstumsziele? In Zeiten der Transformation ist strategische Planung (nicht Strategie!) ungefähr so wirksam wie die untergegangene Planwirtschaft in der DDR. Wer sich starre Ziele setzt (Rendite, Marktanteile etc.) könnte diese möglicherweise nie erreichen.

Schon Carl von Clausewitz, preußischer Militärstratege im 19. Jahrhundert, erkannte, dass eine kluge Strategie flexibel ist und sich stets Optionen offenhält. Und dass sie vor allem nicht nur bei Schönwetter tauglich sein muss, sondern auch im Nebel. Strategie ist die „Lehre eines Krieges nicht unter idealen, sondern unter wirklichen Verhältnissen.“ In Zeiten der Turbulenzen können Unternehmen nur mit strategischer Elastizität überleben – den einen Masterplan für die Zukunft gibt es nicht.

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Bis zum Ausbruch der Finanzkrise hatten noch schrille Guerilla-Taktiker lautstark ihre Kampf-Parolen (Karaoke Capitalism, Nur die Paranoiden überleben u.a.) in den Management-Orbit gebrüllt. Wer als CEO reüssieren wollte, musste sich anscheinend das genetische Profil eines Rockstars mit MBA-Abschluß zulegen und obendrein ein paar schicke Differenzierungs-Neurosen. Die aktionistische Wachstumslogik erlitt jedoch häufig Schiffbruch. Die Strukturkrise, die Wirtschaft und Gesellschaft derzeit – noch immer – durchlaufen, führt aber nun zur Revision einer auf kurzfristigen Gewinn beruhenden Unternehmensphilosophie. Man besinnt sich in den Chefetagen immer öfter alter Tugenden und erkennt, dass nur der Langstreckenläufer und nicht der Sprinter ein Unternehmen langfristig am Markt hält.

Komplexitätsgerechte Strategien haben eine evolutionäre Logik und sie kopieren die Strategie der Evolution“, meint der alte Strategie-Fuchs Fredmund Malik in seinem Buch Strategie: Navigieren in der Komplexität der Neuen Welt. Die Kunst der guten Unternehmensführung liege im Spagat, „gute Gegenwartsergebnisse zu erzielen und die Zukunft zu sichern… Wichtig ist nicht so sehr, ständig zu wachsen, sondern… ständig besser zu werden.“

Aus diesem Streben nach kontinuierlicher Exzellenz (das Beste für den Kunden) entsteht jedoch in der Regel Innovation und daraus wiederum Wachstum. Erfolgreiche Unternehmen, so eine Untersuchung von IBM (Das Unternehmen der Zukunft), sind „fokussiert auf Veränderungen, innovativer als von den Kunden erwartet, von Natur aus revolutionär“. Nur radikale Innovationen sichern das Überleben eines Unternehmens, doch gerade der Eintritt in neue Märkte ist bekanntlich eine der schwierigsten Management-Aufgaben.

Noch nie hatten es Unternehmenslenker mit so vielen Unsicherheitsfaktoren zu tun. Da brauchen sie umso mehr jene Fähigkeit, die der Management-Vordenker Ram Charan „Wahrnehmungsschärfe“ nennt: die frühen Signale auf dem Markt vor den Wettbewerbern zu erkennen. Damit dies in einem hoch komplexen Umfeld gelingt, sollten Unternehmen ein Früherkennungssystem etablieren, das die Trends und Treiber künftiger Entwicklungen auf den Schirm holt.

Wer diese Einflussfaktoren dann in Szenarien neu zusammensetzt, gestaltet seine Zukunft aktiv – als das, was sie eigentlich ist: ein Möglichkeitsraum, den man sich mit strategischer Kreativität eröffnet.  

Dieser (hier gekürzte) Beitrag erschien zuerst als Trend-Kommentar von Andreas Reiter im Heft 02/14 „Österreichs Energie“, dem Magazin der österreichischen E-Wirtschaft.

 

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Placeless TV: das digitale Lagerfeuer von morgen

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Das frühe 21. Jahrhundert steht für den Beginn der totalen Interkonnektivität, alles ist mit allem und jedem vernetzt: die Menschen, ihre Umgebung und die digitalen Devices untereinander.

In dieser smarten Welt sind Minichips und Sensoren immer stärker in unserem Leben integriert – sie vernetzen Konsumgüter und Geräte, Autos und Straßen (Smart City). Diese Vernetzung zeigt sich natürlich beim Home-Entertainment. Das intelligente Haus hat seinen IQ zwar noch nicht so richtig ausgeschöpft, aber die Entwicklung ist unaufhaltsam. Der Haushalt wird zu einem sich selbst organisierenden Netzwerk, zu einer Bühne für multimediales Mood Management. Die Inneneinrichtung der Zukunft passt sich unseren Bedürfnissen an (und nicht umgekehrt), so wie auch das verformbare Mobiliar (Stühle, Sofas etc.) sich künftig dem Körper anpasst und der Fernseher sich biegsam dem Auge entgegenschmiegt (in Ansätzen heute schon etwa bei den Curved TV-Screens zu sehen).

CIMG7148_neuMultimedia-Anwendungen von morgen folgen dem User und nicht umgekehrt. Steht der TV-Konsument beispielsweise vom Sofa auf, wandert das Fernsehbild automatisch entlang der Wände mit, folgt seinen Bewegungen. Die nächste Generation von Multimedia-Diensten funktioniert kontextbezogen und situativ, richtet sich also nach der jeweiligen Befindlichkeit und Situation des Users. Form follows Emotion. Alles ist in bewegtem Stillstand.

Das gilt auch für das Fernsehen, traditionell das soziale Lagerfeuer, um das herum sich der Clan versammelte. Durch das Internet und den fragmentierten Medien-Konsum verlor es diese Funktion jedoch zunehmend an mobile Devices. Das Netz verdrängt den TV-Schirm. 2013 wurden in Österreich rund 15 Prozent weniger TV-Geräte verkauft. Der digitale Nomade konsumiert Medien flüchtig, von unterwegs, mobil, auf Smartphones, Tablets usf. Die Generation Y agiert in Kurz-Streams und kennt keine langen Erzählungen mehr, nicht zufällig werden auch die Videos immer kürzer (mit der App Vine, der am schnellsten wachsenden App in 2013, werden 6-Sekunden-Filmchen aufgenommen). 88 Prozent der unter 24-Jährigen nutzen das Internet übers Handy.

Je mehr der Mensch seine Mitte verloren und „keine Zentralperspektive“ (Peter Sloterdijk) mehr hat, desto stärker wird die Sehnsucht nach Socialising. Beim Public Viewing konnte man es in den letzten Jahren gut beobachten – Menschen brauchen ein mediales Lagerfeuer, um das herum sie sich versammeln. In Berliner Szene-Lokalen treffen sich junge Leute zum gemeinsamen Tatort-Abend. Bieder, aber nachvollziehbar. Fernsehen wird wieder eine soziale Angelegenheit – wenn auch nicht mehr physisch klar verortbar.  

DSC_1169Die urbanen Nomaden versammeln sich wieder um das digitale Feuer, um ein Multimedia-Center herum (das TV, Web, Video-Clips, soziale Netze, Gaming, Web-Konferenzen, Live- und on demand-Inhalte auf einem Gerät konsumierbar macht). Das neue Multimedia-Feuer ist so einfach zu bedienen wie eine App und bewegt sich auf der Achse des Guten: Konvergenz – Mobilität – Interaktivität.

    • Konvergenz: Sowohl vom ästhetischen wie auch vom funktionalen Aspekt her setzen sich All-in-one-Lösungen im Wohnzimmer durch. Konvergenz ist dabei das Leitmotiv. Die Verschmelzung von TV und Web ist unaufhaltsam. Die Grenzen zwischen Live- und on demand-Inhalten sind fließend, die medialen Inhalte werden je nach Stimmung (über Algorithmen getrieben) serviert. Der Nutzer macht sein eigenes Programm. Der Fern-Seher wird zum Nah-Seher (Narrow Casting statt Broad Casting), die TV-Programme sind personalisiert und sozial vernetzt, werden über Apps, Chromecast u.a. gesteuert.  
    • Social TV:  Social TV verknüpft die digitalen Netze mit den physischen, spielt Tweets und Likes in Sendungen ein, soziale Funktionen sind in TV-Programme integriert.

Das Heimkino kann und soll überall stattfinden, drinnen wie draußen. Public Private Viewing sozusagen. Im Großformat.

Andreas Reiter hielt vor kurzem einen Impuls-Vortrag über Multimedia-Konsum bei der Medien-Präsentation des Philips Screeneo*.

*Ultrakurzdistanz-Projektor für digitale Nomaden: Der Philips Screeneo bietet ein mobiles Heimkino und wirft mit einem Abstand von z.B. nur 10 cm ein Bild mit 50 Zoll Diagonale (1,27 m) auf die Wand. Der Beamer streamt kabellos Inhalte von Handys, Tablets und PC.

http://www.ots.at/presseaussendung/OTS_20140213_OTS0046/philips-screeneo-portabelster-bigscreen-der-welt-mit-flexiblen-50-100

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Vertrauen: Leitwährung der Netzwerk-Ökonomie

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Umbruchphasen wie die unsere erzeugen hoch komplexe, instabile Systeme, in denen die Störung (spätestens seit der Finanzkrise) zum Normalfall wird. Dementsprechend nimmt das Bedürfnis nach Sicherheit und Orientierung zu. Ist das Immunsystem der Gesellschaft geschwächt, besinnt man sich umso stärker jener Werte, die eine Gemeinschaft zusammenhalten und ihre Resilienz, ihre Widerstandskraft stärken.

Die Solidargemeinschaft ist etwa so ein zentraler Wert, in der die einen für die anderen einstehen, um das gemeinsame Ganze am Laufen zu halten. Ärgerlich, wenn ausgerechnet in der Rekonvaleszenz-Phase des westlichen Kapitalismus neue Erreger auftauchen wie die sich zuletzt häufenden Fälle „moralischer Instanzen“, die ihre private Gier vor das Gemeinwohl stellen. Die einen gehen kreativ und via Schweizer Konten mit ihren Steuerpflichten um wie Alice Schwarzer oder Ulli Hoeneß, Gutmensch vom FCB, andere vergessen jahrelang wegen hoher Arbeitsbelastung ihre Einnahmen zu versteuern wie Theo Sommer, Ex-Chefredakteur der ZEIT. Natürlich “bereuen” diese prominenten Steuersünder hinterher und leisten meist, ganz im Sinn der katholischen Ablass-Dramaturgie, „Sühne“, etwa indem sie gemeinnützige Stiftungen etc. gründen. Da haben sie wiederum dem Durchschnittsbürger, der seine Putzfrau nicht anmeldet oder samstags pfuscht, einiges voraus.

schwarz_weißEs geht hier aber nicht um das Bashing von vermeintlichen moralischen Ikonen (das besorgen die Medien) – der Mensch ist nun mal wie er ist (also weder nur altruistisch noch nur egoistisch). Es geht um die Betonung der wertvollsten Ressource einer funktionierenden Gesellschaft: Vertrauen. In einer zunehmend virtuellen Gesellschaft ist Vertrauen die heimliche Leitwährung. Das soziale Kapital ist geradezu die Voraussetzung einer intakten Community – und einer vernetzten Wirtschaft.

DSC_0504Untersuchungen über glückliche Staaten belegen es seit Jahren: weiche Faktoren wie soziale Beziehungen und der Ausgleich sozialer Unterschiede entscheiden mit über unser Lebensglück. In den wirtschaftlich erfolgreichen Staaten Skandinaviens ist der soziale Zusammenhalt nicht zufällig viel stärker ausgeprägt als in südlichen Ländern wie Griechenland oder Italien (wo die Familie, nicht aber das staatliche Gemeinwohl im Fokus steht). Der Zusammenhalt einer Gesellschaft basiert, so eine Studie der Bertelsmann Stiftung („Radar gesellschaftlicher Zusammenhalt“), im Wesentlichen auf dem Vertrauen in Mitmenschen und in Institutionen.

Wenn aber nun etablierte Institutionen dieses Vertrauen der Bürger verspielen, geht es ans Eingemachte. Der ADAC, im Automobilland Deutschland bislang so etwas wie eine kollektive Identitäts-Maschinerie und „als Idealverein eine große Solidargemeinschaft“ (ADAC-Präsident Meyer 2002), trickst bei Statistiken, offenkundig beim imageträchtigen Autopreis „Gelber Engel“ (nun überlegen die Autokonzerne zu Recht unisono, die ADAC-Preise der vergangenen Jahre zurückzugeben).

Was, außer dem „Lieblingsauto der Deutschen“, wird noch alles manipuliert? fragt sich verärgert der verunsicherte Konsument. Braucht der Markt mehr Moral? Braucht er Unternehmen mit gelebter gesellschaftlicher Verantwortung (und nicht nur mit einer aufgebrezelten Compliance-Agenda)? Klares: ja!

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Der moralische Markt beruht nicht auf einem noch strafferen Regelwerk, sondern auf gelebten kulturellen Werten. Max Weber forderte einst, die „Kultur des Marktes“ müsse „eine Kultur des Maßes“ sein. Maß bedeutet nicht Mittelmaß, es ist vielmehr der Missing Link zwischen individuellem Profit und sozialer Verantwortung, so etwas wie die ethische Ideallinie des (rheinischen) Kapitalismus. Geben und Nehmen, persönlicher Gewinn und kollektiver Nutzen, Egoismus und Altruismus müssen sich die Waage halten, wie es einst Ideal des „ehrbaren Kaufmanns“ war.

Je virtueller und komplexer unsere sozialen und geschäftlichen Netzwerke werden, desto wichtiger wird dabei Vertrauen, ein verbindliches Werteset. „Vertrauen ist die Strategie mit der größten Reichweite. Wer Vertrauen schenkt, erweitert sein Handlungspotenzial erheblich“, hatte der Soziologe Niklas Luhmann richtig erkannt. Wer das beherzigt, wird im „Caring Capitalism“ von morgen aktiv mitspielen.

Ausgezeichnete Studie der Bertelsmann Stiftung zum Thema “Gesellschaftlicher Zusammenhalt” im Vergleich europäischer Staaten: http://www.gesellschaftlicher-zusammenhalt.de/

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Space in Transition: im Bett der Urbanauten

urban_1Städte sind Zukunftslabors, in denen Verrückte und Ambitionierte, Gierige und Visionäre rund um die Uhr an der Zukunft basteln - in vergammelten Hinterhöfen, schicken Lounges oder im WhatsApp-Messenger, während sie auf die U-Bahn warten.

Die Stadt ist die Spielwiese der Kreativen, der First Mover. Sie leben in Möglichkeits-Räumen. Schöpferische Zerstörung. Schließlich sind Städte, auch wenn nicht immer gleich sichtbar, mitten in einem massiven strukturellen Umbruch. Die digitale Ökonomie kickt viele traditionelle Geschäftsmodelle ins Abseits, sie bedrängt vor allem den Einzelhandel, aber auch stationäre Dienstleistungen wie Banking, Buchhandlungen oder analoge Medien.

Seit der Jahrtausendwende ist der Marktanteil des stationären Facheinzelhandels in Deutschland von 32 auf 21 Prozent gesunken. Für Österreich prognostiziert RegioPlan ein Schrumpfen der gesamten Verkaufsfläche von 25 Prozent innerhalb der nächsten fünf Jahre. Traditionelle Räume brechen auf, erodieren.

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Leerstand geht einher mit Stillstand – oder läutet eben den nächsten Lebenszyklus ein. Entstehen in Kalifornien zukunftsweisende Ideen mit Vorliebe in der Garage, so passiert dies bei uns immer öfter in leerstehenden Gewerbeflächen. Leer-Raum ist Lehr-Raum.

„Wir lieben das Echte. Aus ehemaligen Geschäftslokalen machen wir Hotelzimmer für Abenteurer. Unsere Street Lofts bewahren die Geschichte alter Geschäfte, Werkstätten und Ateliers.“ Das Mission Statement der Urbanauts (Wien) ist Business as unusual. Die jungen Kreativen transformieren leerstehende Gewerbeflächen zu narrativen Lofts und vermieten diese an Touristen. Keine Zwischennutzung von Gewerbeflächen, kein Pop-up-Aktionismus, sondern (sorgsame) evolutionäre Fortschreibung des Genius Loci. Was einmal eine Schneiderei war, bleibt eine – wenn auch neu adaptiert als Hotelzimmer. Stets schimmert die DNA des Ortes durch. Gut designt und gut erzählt. Und intelligent vernetzt mit der Nachbarschaft (in der man z.B. frühstückt, im Café ums Eck oder sich von den Guerillaköchen der „Betonküche“ verwöhnen lässt).

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Leben ist Veränderung. Räume sind in Bewegung. Hybride Erdgeschossflächen blühen in peripheren Stadtzonen auf, Stores und Werkstätten gehen ineinander über. Start-ups mischen auch den Beherbergungssektor immer stärker auf, das beweisen Airbnb & Co seit einigen Jahren. Die traditionelle (städtische) Hotellerie kommt immer stärker unter (Auslastungs-)Druck. Die globalen Brands glänzen mit Service-Design, die kleinen Boutiquehotels geben diesem auch noch eine Seele. So bietet z.B. das sehr privat designte Hotel „The Guesthouse“ in Wien Gästen, die länger als eine Woche bleiben, eine eigene Visitenkarte. Die temporäre Heimat – danach sehnen sich urbane Nomaden. Und finden diese abseits des Mainstreams. In einer Seitengasse.

Für “Trüffelschweine” urbaner Lebensformen: www.urbanauts.at

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