Das gute Leben Gesellschaftlicher Wandel

Resilienz & Zukunftskraft

Jetzt ist schon wieder was passiert.“ Nicht nur die Brenner-Krimis von Wolf Haas beginnen mit diesem Satz, er könnte auch unseren Alltag in disruptiven Zeiten umschreiben. Brüche und Umbrüche wohin man schaut, Krisen, Kriege, Konflikte. Die Welt ist aus den Fugen geraten.

Was ist nicht gerade in einer Krise? Die regelbasierte Weltordnung, die deutsche Autoindustrie, der internationale Kunstmarkt, selbst die italienische Adria – seit den 1960ern ein verlässlicher Hot Spot alljährlicher Urlaubsrituale – vermeldet diesen Sommer Umsatzrückgänge im Tourismus von rund 20%. Porca miseria!

Soziologen wie Andreas Reckwitz haben den Verlust als Matrix der Moderne ausgemacht. Moderne Gesellschaften – so die ernüchternde Diagnose – können ihr Wachstums- und Wohlstandsversprechen nicht mehr halten, die Angst vor (auch möglichen) Verlusten treibt Menschen in die Defensive. Ging es früheren Generationen darum, eine bessere Zukunft für ihre Kinder aufzubauen, so konzentriert man sich heute darauf, (noch) Schlimmeres zu verhindern. Schadensbegrenzung also – wir sehen das überall: bei den Klimastrategien, beim Trump-Putin-Gipfel in Alaska (was für ein folgenschweres Debakel!) oder bei den Handelskonflikten mit den USA.  

Das globale Framing verändert sich: geopolitische und geoökonomische Turbulenzen werden stärker, die Krisendynamik beschleunigt sich. Vor diesem Hintergrund verschiebt sich nicht nur die politische Tektonik (Nationalismus, Populismus, Protektionismus u.a.). Die gesellschaftliche Aufmerksamkeit – und damit die politische Agenda! – rückt generell immer weiter weg vom bisherigen Leitthema Nachhaltigkeit hin zur Sicherheit. Unternehmen und Standorte sichern ihre Lieferketten ab, wappnen sich gegen Cyber-Attacken, Länder (auch die EU als Ganzes, siehe CER-Richtlinie) versuchen ihre kritischen Infrastrukturen krisenfest zu machen. Notfall- und Katastrophenpläne kursieren – alles Dinge, die man noch vor wenigen Jahren nicht für möglich gehalten hätte.

Krisen sind Stresstests. Angesichts der systemischen Verwundbarkeit werden Risiko-Management und Prävention – in Wirtschaft wie in der Gesellschaft – zu zentralen Treibern der Transformation. Risiko-Analysen und Early Warning-Systeme beschleunigen aber auch Innovationen, denken wir z.B. an agentische KI, die autonom (im Verbund) handelt und so Organisationen zukunftsfest macht.

Menschliche Organisationen – egal ob Städte, Dörfer und Regionen oder auch Unternehmen – sind sozial-ökologische Systeme. In diesen dynamischen Systemen herrscht immer eine „Zirkularität“ (Ruth Seliger), eine Wechselwirkung zwischen Menschen und ihren Lebensräumen. Damit sind Störungen vorprogrammiert, von außen wie von innen, ökologisch, politisch, gesellschaftlich.

Wenn Systeme unter Druck geraten, zeigt sich, ob sie wirklich widerstandsfähig sind. In Zeiten multipler Krisen wird Resilienz (und nicht mehr Effizienz) zur Schlüsselkompetenz. Die resiliente Stadt. Die resiliente Region. Das resiliente Unternehmen. Dabei sollte man Resilienz nicht nur als Fähigkeit sehen, anpassungsfähig gegenüber Veränderungen und widerstandsfähig gegenüber Krisen zu sein. Resilienz besteht immer auch darin, inmitten von Krisen funktionstüchtig und wettbewerbsfähig zu bleiben – ein entscheidender Punkt.

Resiliente Systeme agieren immer vorausschauend, sie zeichnen sich aus durch

  • Agilität und Anpassungsfähigkeit
  • Selbstwirksamkeit der Akteure (z.B. Partizipation der Bürger:innen)   
  • Vertrauensvolle Kollaboration
  • Diversität (multiperspektivischer Ansatz)
  • Redundanz (Diversität der Zulieferer und Märkte, georedundante Rechenzentren, glokale Produktion u.a.)

Damit kein falscher Eindruck entsteht: auch wenn Nachhaltigkeit als Leitthema in diesen geopolitisch fragilen Zeiten nach hinten gereicht wird – der Klimawandel lässt sich nicht ausblenden, bleibt DAS kritische Thema für das gute Leben von morgen. Es gibt keine Resilienz OHNE Nachhaltigkeit.   

Der norwegische Staatsfonds – mit über 1,6 Billionen US-Dollar der größte Staatsfonds der Welt – zeigt vor, wie Zukunftsfestigkeit aussehen kann: er hält an seiner ESG-Strategie fest, fokussiert aber dabei verstärkt auf Stresstests und Szenarioanalysen. De-Risking als Steuerungsinstrument.

In turbulenten Zeiten und hyperfragilen Systemen funktioniert keine lineare Wachstumslogik. Wir werden Wirtschaft und Gesellschaft erst resilient machen müssen: Frühwarnsysteme ausbauen, vorausschauend transformieren, in Szenarien denken. Haltung zeigen, und dabei neue Zukunftskraft sammeln. Trust the process!

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