Das Hotel von morgen: Social Hub und Holistic Experiences

MOOONS_Fassade_In einer digitalen Gesellschaft, deren DNA die Ort- und Zeitlosigkeit ist, kommt vor allem den Knotenpunkten der nomadischen Gesellschaft eine besondere Bedeutung zu, den Umschlagplätzen der flüssigen Moderne: den Bahnhöfen und Airports, den multifunktionalen Malls – und natürlich auch den Hotels.

Das (Stadt-)Hotel als „bewohnbares Erlebnis“ formatiert sich gerade neu, es wird „flüssiger“, entwickelt sich künftig stärker weg vom reinen Beherbergungsbetrieb und verschmelzt (einst gegensätzliche) Lebenswelten: Arbeit und Freizeit (Work-Life-Blending), Touristen und Einheimische, Innen und Außen.

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Einige First Mover in der Stadt-Hotellerie begannen schon vor Jahren damit, z.B. eine Bäckerei oder eine Vinothek ins Hotel zu integrieren (etwa das Guesthouse Vienna mit seiner Bakery) und damit die Interaktion zwischen drinnen und draußen, den Blutkreislauf zwischen Hotel und Nachbarschaft zu verstärken. Die digitalen Disruptoren wie AirBnB haben den Veränderungs-Druck weiter erhöht, mit radikal anderen Narrativen das traditionelle Hotel-Konzept aufzubrechen und so junge Leute anzusprechen.

MOOONS_Room_2_Die fließenden Erlebniswelten in urbanen Hotels (die Lounge wird zum Club, im Coworking-Space arbeiten Gäste wie Einheimische aus der Nachbarschaft usf.) haben vor allem mit den veränderten Werten der jungen Gäste, den Digital Natives, zu tun. Diese sind die Agenten des Wandels, auch für die Hotellerie. Im 19. Jahrhundert diente noch das Schloss als Blaupause für ein Hotel – die Bürger errichteten (vorwiegend in den Sommerfrische-Dependancen der Aristokraten) nach dem Vorbild des Adels Schlösser auf Zeit („Palace Hotel“, „Grand Hotel“ u.a.) und durften dort drei Wochen Kaisers spielen. Heute ist es die Start-up-Szene, die städtischen Concept Hotels als Vorlage dient mit ihren Büros (die ja mehr Freizeit-Resorts und Spielplätze sind: Rutsche hier, Smoothie-Bar und Tischtennistisch dort, als Meeting-Space fungieren alte Seilbahngondeln usf.).

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Ja, Arbeit und Freizeit überlappen sich, neue digitale Leitmilieus und immersive Technologien verstärken diese Entwicklung. Aus Zielgruppen werden Stilgruppen, die ganzheitliche Erfahrungen suchen (“Holistic experiences“). So wird aus der bisherigen Achse des Guten in der Hotellerie (Bett-Bad) die Drehscheibe Bett-Schreibtisch-Club. Das fröhliche Hotel Hobo in Stockholm, das neue Werk von Designer Werner Aisslinger, kommuniziert diesen ganzheitlichen Ansatz sehr leichtfüßig und unangestrengt: Bett und Schreibtisch verschmelzen, die Rezeption ist (passend zur Generation Y) informell, Indoor-Farm und Pop-up-Barber verdichten das Lebensgefühl der Hipster.

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Virtualisierung verstärkt Emotionalisierung: aus dem Point of Interest wird der „Point of Emotion“ – auch in der Hotellerie. Hier gilt es, spannende markenkonforme Erlebniswelten zu entwickeln und ein starkes Narrativ: Lindner ist hier ein Pionier mit seinem frischen, pulsierenden CommunityFormat me and all hotels, seinen „Wohnzimmer-Events“ und Afterwork-Sessions. Auch Steigenberger versteht sich bei seiner neuen Marke Jaz auf ein Place Making für die Millennials (Roofbar, DJ, Hiphop-Akademie usf.), ebenso ist das cool-designte MOOONS (eröffnet 2018 in Wien) als urbaner Hot Spot viel versprechend angelegt.

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Das Hotel wird zum Social Hub, zu einer Familie – die neuen Hotel-Brands Jo & Joe, Ruby Marie/Sophie etc.) wollen eine Intimität und Nähe herstellen, sind quasi begehbare „Personas“ (starke Marken stehen ja generell für Intimacy). Attraktive Hotelling-Konzepte erfüllen die postmoderne Sehnsucht nach

  • dem „regional Tätowierten“ (wunderbar differenziert in seiner lokalen Produkt-Semantik ist z.B. das yök Casa + Cultura in Barcelona)
  • nach Orientierung (das Hotel als Kurator, allen voran das Berliner Bikini mit seinem integrierten Konzept: Hotel und Concept-Mall, siehe auch https://blog-ztb-zukunft.com/2015/01/13/ein-hub-fur-temporare-identitaten-bikini-berlin/)
  • immersivem Reisen (Eintauchen in die Alltagsweyök Casa + Cultura_yok-Casa-ABC (1)_lt, Einheimischer auf Zeit sein).

Für Hotels bedeutet das eine radikale Umcodierung: das Hotel wird zum multifunktionalen Lifestyle-Hub (Schlafen ist nur ein kleines Steinchen im Puzzle). Es wird zum Gatekeeper für Destinationen, der Mitarbeiter wiederum agiert künftig als Community-Manager, ein Local Heroe, der sich mit den Gästen verlinkt und gemeinsame Erfahrungen teilt. Und damit kann gelingen, was beim Reisen am wichtigsten ist: das Sammeln von Erinnerungen.

!cid_image001_jpg@01D29CC8Dieser Beitrag beruht auf einem Vortrag, den Andreas Reiter vor kurzem in Berlin beim 20-jährigen Jubiläum von visitBerlin Partnerhotels gehalten hat.

Spannende Hotel-Konzepte für Millennials:

https://hobo.se/
https://duesseldorf.meandallhotels.com/
https://www.jaz-hotel.com/
http://helloyok.com
http://www.mooons.com/de (eröffnet 2018)

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The sky is the limit – warum Skibergsteigen so cool ist

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Der alpine Skisport hat – auf den europäischen Quellmärkten – seine Wachstumsphase hinter sich. Aus dem Massensport wird künftig mehr und mehr ein exklusives Vergnügen, das sich auf wenige (Mega-) Destinationen und finanzstarke Corporate Destinations konzentriert.

Ein Segment im alpinen Wintersport aber wächst in aller Stille und vor allem bei den Jungen – der Skitourenlauf abseits der Piste. 500.000 Österreicher und rund 300.000 Deutsche sind Tourengeher, ziehen ihre eigene Spur durch den Tiefschnee. Und es werden (unaufhaltsam) mehr.

Die nachhaltige Attraktivität des Skiwanderns beruht auf

  • der zunehmenden Individualisierung der Gäste und ihrem Drang nach Distinktion (neben den Freeridern betrifft dies eben auch die Tourengeher)
  • einer starken Sehnsucht (vor allem der Städter) nach kraftvollem und unverfälschtem Natur-Erlebnis
  • dem Glücksversprechen, dem Tourengeher magische Erfahrungen auf tiefverschneiten Hängen zu schenken.

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Ich sehe im Skitourenlauf – motivpsychologisch – starke Parallelen zum Wandern (https://blog-ztb-zukunft.com/2016/06/12/walk-dont-run/). Hier wie dort geht es – metaphorisch – um den Weg zu sich selbst: um das Gehen als innere (Such-)Bewegung. Wie beim Wandern dient die Natur als „Freiraum, in dem der Mensch nicht nach außen mit anderen, sondern nach innen mit sich selbst kommuniziert“ (Ulrike Zöllner). Indem man sich in den Rhythmus der Natur einklinkt, findet man (hoffentlich) seinen eigenen. Der Weg entsteht im Gehen. Einfach. By fair means. Weg vom High Tech hin zu Slow Motion.

Skier takes a SelfieBeim Skitourenlauf kommt aber noch ein entscheidender Trigger dazu: der Weg nach oben muss (hart) erkämpft werden. Während die Masse der Skifahrer in der beheizten Gondel bequem zum Gipfel gehievt wird, stapfen die Skitouristen mühsam durch den Schnee nach oben (von denen, die am Rand der Piste hoch laufen, mal abgesehen). Das Narrativ dabei: es geht (ziemlich lange) aufwärts, der grandiose Blick von oben, Weite und Freiheitsgefühle, all die Magic Moments lohnen jede Mühe, wie im richtigen Leben. Ein natürlicher Parcours (eben mehr als rauf/runter), wie ihn kein Pisten-Designer hinkriegen würde.

Ganz oben auf der Motive-Skala für Skitourengeher steht das aktive Natur-Erlebnis. Das Natur-Schöne ist ja generell eine Sehnsuchtsfolie für Gäste aus dem städtischen Raum (und das ist die Mehrheit). Raus aus den nebeligen Depressionszonen der Großstädte und hinein in den Winterzauber und die alpine Winterwelt: Schnee, wohin man schaut, unberührte Hänge, in der Sonne glitzernde Schneekristalle. Meme wie diese sind tief eingespeichert ins Gedächtnis der Wintersportler – dieses Versprechen gilt es zu halten durch eine Balance zwischen Naturerlebnis und Naturschutz.

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Beim Skiwandern geht es aber nicht nur darum, sich gleitend die Natur untertan zu machen und im Flow seine Spuren durch den Tiefschnee zu ziehen. Der postmoderne Freizeit-Sportler will auch hier seine Grenzen ausloten, kompetitive Formate wie etwa die Ramskull Trophy, der sensationelle Hardcore-Wettlauf im Montafon, die Hochkönig Erztrophy oder die brutale Mountain Attack in Saalbach sind starke Adrenalin-Pumpen. Freizeit spiegelt immer die gesellschaftliche Betriebstemperatur wider.

Wenn in der Gesellschaft wettbewerbsorientierte Werte wie höher-schneller-weiter angesagt sind, dann überträgt sich das unmittelbar in Angebote der Freizeit-Wirtschaft. Auch und selbst bei einem Wintersport wie dem Skiwandern, das eigentlich das Image eines Slow Sports hat. Performance ist aber auch hier ein Leitwert – go vertical, überwinde dich selbst und die anderen.

img_5938_talk_hangar7Dieser Beitrag beruht auf einem Vortrag, den Andreas Reiter vor kurzem bei einem Symposium im Montafon rund um die Ramskull Trophy gehalten hat.

Zur Zukunft des alpinen Wintersports sprach Andreas Reiter kürzlich im TV- „Talk im Hangar 7“ (rechtes unteres Foto: Credit Servus TV): https://www.youtube.com/watch?v=GdyI4LH4Rzk

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Der Blaibach-Effekt oder die neue Kreativität auf dem Land

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Land unter: 2050 sollen nur noch 16 Prozent der Deutschen auf dem Land wohnen (derzeit ist es knapp ein Viertel). Die Jungen (allen voran die jungen Frauen) zieht es in die Schwarmstädte, wo Jobs, Bildung und Lifestyle-Angebote locken, auf dem Land bleiben die 3 A’s zurück – die Alten, die Ausrangierten, die Abgehängten. Das Land wächst nur dort, wo es Um-Land ist, Entlastungsraum für Großstädter, eine Spielwiese für die Sehnsucht nach (günstigem) Leben im Grünen, nach weichgezeichneter Instagram-Landidylle.

Land unter? Ach was! Natürlich gibt es in Europa periphere Regionen, die sich unaufhaltsam leeren, die sich selbst und ihrer „Verwilderung“ überlassen werden (müssen) – der Mensch geht, der Wolf kommt. Diese Verwaldung und Renaturierung sehe ich in einer urbanisierten Welt jedoch überwiegend positiv. Und: Daseinsvorsorge und die dafür nötige Infrastruktur lassen sich schließlich nicht mehr in Mikro-Strukturen aufrechterhalten, sondern nur noch konzentriert in Agglomerationen entlang der wichtigsten Verkehrsachsen.

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Gleichzeitig aber gibt es von Oberitalien bis Brandenburg immer mehr ländliche Räume, die eine mutige, mitreißende Vision für die Zukunft entwickeln. Und diese hat, fast immer, mit Kreativität zu tun. Ob im Bregenzerwald, der wohl lebenswertesten Region im deutschsprachigen Raum (https://blog-ztb-zukunft.com/2015/08/16/feinsinnig-leben-im-bregenzerwald), wo Handwerkskunst auf High Tech trifft und verfeinerte regionale Produkt-Kultur auf Weltoffenheit, wo sich 80 Betriebe aus 30 Branchen vernetzen und innovative Ausbildungsmodelle entwickeln; oder in der umtriebigen Oststeiermark, die mit ihren „kreativen Lehrlingswelten“ junge Talente vor Ort bindet – angesichts des dramatischen Strukturwandels schärfen ländliche First Mover (so sie Lebensraum bleiben wollen) ihre Anpassungs-Intelligenz und heben ihr Kreativ-Potenzial.

In den „Smart Rural Areas“ von morgen eröffnet gerade die Verschränkung von High Tech und Kreativität, von Industrie 4.0 und Manufaktur den Menschen auf dem Land neue Perspektiven. In Österreich sind heute schon 18% der Betriebe der Kreativwirtschaft im ländlichen Raum angesiedelt. Das Land wird zum Zukunftslabor, zum Maker’s Lab. In einer hybriden Gesellschaft wird die Stadt grüner und das Land kreativer. Damit diese Entwicklung aber nachhaltig ist, braucht es eine neue Erzählung: „Erzählen führt zur Selbstfindung“, so der Philosoph Byung-Chul Han.

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Eine starke Zukunfts-Erzählung hat sich etwa das kleine Blaibach in der Oberpfalz (Bayern) gegeben, in dessen Ortsmitte 2014 ein Granitblock wie ein Meteorit eingeschlagen hat – das neue Konzerthaus. Dieser wundersame Quader, von Architekt Peter Haimerl souverän in den Untergrund (das Unterbewusste) hineinkomponiert, wurde in kürzester Zeit weit über Europa hinaus bekannt und leitete, mit anderen räumlichen Erneuerungen, einen Relaunch des Ortes ein. Unterm Pflaster wächst das Land… „Mit Architektur und Kultur können auch im ländlichen Raum neue Werte und vor allem eine neue Art von Identität geschaffen werden, ein Kreisverkehr kann das nicht“, sagt Jutta Görlich.

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Ihre Künstleragentur beierle.goerlich hat den Wandel im Ort mit wunderbar irritierenden Fotografien begleitet, Häuser, die z.B. vor dem Abriss standen, dokumentiert und in großformatigen Fotografien im Dorf plakatiert, um die Bewohner miteinander ins Gespräch um die großen Themen Erinnerung und Zukunft zu bringen. „Die fotografischen Interventionen erweitern visuell die Idee der Dorfrevitalisierung… Viele Gemeinden gehen nun die Probleme mit größerer Offenheit an, sind aufgeschlossener für bisher unerprobte Ansätze, die auf individuelle Begebenheiten reagieren.“

07_bgDer Blaibach-Effekt? „Der ländliche Raum bietet ein großes Potential für Kreativität, weil die Szenen nicht definiert sind, das Publikum nicht übersättigt und der Raum für Innovationen größer ist, als in der Stadt“, so Jutta Görlich.

Kreativität wird – angesichts der Umbrüche – auch im ländlichen Raum immer mehr zum identitätsbildenden Faktor. Im Kern geht es dabei nicht um vordergründige Marketing-Maßnahmen oder um Event-Chichi, sondern um die Freilegung der eigenen Identität und um eine daraus abgeleitete kraftvolle Zukunfts-Vision. Rural Branding also.

Die Profilierung folgt dabei stets der gleichen simplen Dramaturgie:

  • Fokussierung auf die eigene Kern-Kompetenz
  • Entwicklung von Leuchtturmprojekten
  • Themenführerschaft & Kommunikation.

06_bg__Wenn rundum alles in Bewegung ist, in Transformation, dann werden auch ländliche Räume immer mehr zu Brennpunkten des Wandels. Die einen gehen, die anderen kommen. Sie kommen entweder auf Zeit, wie in Blaibach als kulturinteressierte Gäste, die mit den Bewohnern in den Gasthäusern ins Gespräch treten, „umrahmt von gemeinsamen kulturellen Erlebnissen“. Oder sie kommen, im besten Fall, als Rückkehrer aus der Stadt, die ihre Heimat nun wieder attraktiv und lebenswert finden. Die Ausheimischen als neue Einheimische. Jutta Görlich: „Die Stadtflüchtigen interpretieren den ländlichen Raum neu, sie triggern kreative Momente, die in den Strukturen bereits angelegt sind und sie verleihen dem Land ein neues Gesicht.“

Foto-Credit für obige Fotos: beierle goerlich  (https://beierlegoerlich.com)
http://www.peterhaimerl.com/

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Future Branding: kuratierte Marken-Erlebnisse

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Erfolgreiche Marken sind Meister der Resonanz, sie schwingen im Takt der Gesellschaft, greifen die Grundmelodie „da draußen“ auf, neue kulturelle Strömungen und aufkommende Bedürfnisse der Konsumenten.

img_5119_Warb beispielsweise Ikea im Jahr 1985 mit dem Claim „Entdecke die Möglichkeiten“, so hieß es wenige Jahre später (1990): „Schwedische Individualität kostet weniger“. Bei Ersterem griff die Einrichtungsmarke die wachsende Produkt-Vielfalt auf, die Multioption (die damals noch mehr Vergnügen als Belastung war), bei Letzterem machte sich Ikea zur Speerspitze der Individualisierung. Und heute, wo wir mitten drin sind im digitalen Instagram-Biedermeier, kultiviert der Einrichter aus Schweden den Rückzug in die eigenen vier Wände („Für mein Leben gern zuhause“).

Marken verdichten und markieren bekanntlich Spitzenleistungen, um eine „Monopolstellung“ in den Herzen der Konsumenten einzunehmen. Damit das gelingt, müssen sie Menschen berühren und ihnen, über einen engen Werte-Korridor, Orientierung und Identifikation anbieten – vor allem in Zeiten großer Umbrüche.

Auf digitalen Märkten mit ihrer immer kürzeren Aufmerksamkeitsspanne kommt es dabei insbesondere auf die narrative Qualität der Marke an, auf ihre Fähigkeit zum Dialog mit den Anspruchsgruppen. Wie in jeder starken Beziehung ist auch hier ein hohes Maß an Empathie erforderlich, um die Werte und Bedürfnisse des Gegenübers mit der eigenen (Marken-)Persönlichkeit zu verschmelzen. Die Lufthansa führt dies mit ihrer aktuellen Service-Kampagne „Bedtime Stories“ beispielhaft vor: Geschäftsreisende (die ja auch meist Eltern sind) können von unterwegs aus Gute-Nacht-Geschichten an ihre Kinder verschicken – Mini-Hörspiele, von Schauspielern gelesen oder selbst vom Reisenden im kleinen Tonstudio am Frankfurter Flughafen aufgenommen und mit einer persönlichen Botschaft versehen. Die Marke wird hier zum (emotionalen) Medium, die Airline zum Träger von sozialen Beziehungen.

Social needs represent the largest unserved market opportunities(Michael Porter)

img_3551_Marken gestalten Beziehungen – indem sie stimmige Signale an den Touchpoints aussenden und dem Kunden Symbole und Rituale anbieten, die seine Persönlichkeit stärken und ihm einen Logen-Platz in der Welt sichern. „Wenn ich ein Lebensmittel heiraten könnte, wäre es Nutella“, so eine Userin in den sozialen Netzen.

Marken sind oft tot gesagt worden, und es ändert sich in der Tat die Einstellung der Konsumenten ihnen gegenüber (je selbstbewusster, desto mehr immaterielle Anforderungen an die Marke). Die Bedeutung der Marke aber wächst

  • in einer fragmentierten Welt, in der postmoderne Konsumenten multiple Identitäten aufbauen und verwalten müssen (in ihren unterschiedlichen sozialen – beruflichen wie privaten – Netzen)
  • in einer zunehmend virtuellen Welt, in der schon bald mehr Chatbots mit Kunden kommunizieren als reale Menschen und in der die Vielfalt von Informationen und Kanälen den Konsumenten immer öfter überfordert. Auch wenn heute Algorithmen und Apps die Rolle von Lebens- und Einkaufsberatern einnehmen und vorgeblich wissen, was gut ist für uns, so fehlt diesen meist jegliche emotionale Bindungskraft. Die Marke hingegen kann – wenn ihre Persönlichkeit attraktiv und ihr Werte-Set fokussiert ist – Kurator unseres Lebens werden.

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Marken sind Teil eines lebendigen Ökosystems und durchlaufen somit verschiedene Lebensphasen, in denen sie sich immer wieder neu justieren und ausrichten müssen. Schließlich verändern sich auch Lebensumfeld und Wertesystem der Konsumenten. Für die Millenniums-Generation etwa (die bald jeden zweiten Menschen weltweit umfasst) besteht das Glück immer weniger im Besitz materieller Güter. „Bedeutungsvolle Erlebnisse“ sind für das Glück der Millennials ausschlaggebend, wie es auch die aktuelle Konsumstudie von ZenithOptimedia: „The Pursuit of Happiness“ konstatiert. Und dieses Glück besteht sehr oft aus sozialen Erlebnissen, etwa gemeinsames Kochen mit Freunden, der gemeinsame Besuch von Events und Festivals usf. Aus diesen Erlebnissen erwachsen Erinnerungen und Bindungen.

20140322_190634_schalkeMarken werden in Zukunft dann erfolgreich sein, wenn sie die sozialen Bedürfnisse der Nutzer in bedeutungsvolle Marken-Erlebnisse überführen. Das Emotional Design, die Einbettung der Marke in multisensuelle, die Konsumenten berührende Marken-Stories wird zum Erfolgsfaktor. Die Marke muss sich also als „Produkt“ zurücknehmen und als „Erlebnis“ umcodiert ins (digitale) Schaufenster, mitten in die Lebenswelten der Konsumenten stellen. Denn für die Millenniums-Generation gilt immer mehr: Sein statt Haben, Erleben statt Besitzen.

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Dieser Beitrag fasst einige Statements von Zukunftsforscher Andreas Reiter bei der Veranstaltung „Branding Masters“ von Henkel im Oktober 2016 in Wien zusammen. Im wunderbaren Retro-Ambiente des Filmcasinos (und anhand von historischen Persil-Werbefilmen) diskutierte Andreas Reiter mit Henkel-Präsident Günter Thumser und Motivforscherin Helene Karmasin über die Kraft der Marke. (Fotos oben: Richard Tanzer)

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Bettgeschichten – Schlaf als neuer Lifestyle- und Imagefaktor

Wer sechs Stunden schläft, ist ein Idiot, meinte Napoleon, der selbst mit nur vier Stunden Schlaf auskam. Alpha-Manager wie etwa der Chef der Deutschen Bahn und Top-Politiker wie Angela Merkel oder Obama („Vier Stunden müssen genügen“) halten es ähnlich: Wenig Schlaf ist ein Differenzierungsmittel der Erfolgreichen. Genauer: war – denn der Zeitgeist ändert sich.

Lagen bis vor kurzem noch aufputschende Ratgeber à la „What the Most Successful People Do Before Breakfast“ auf dem Nachtkästchen ambitionierter High Potentials (um dort zu erfahren, dass die Mehrheit der Überdrüber-Manager um 4.30 aufsteht, erst einen Halbmarathon ums Haus absolviert, dann auf dem Hometrainer Strategiepapiere und Mails schreibt undsofort), so blinken jetzt die Apps zur Schlafoptimierung auf ihrem Handy-Display. Mit der Verfestigung des Aufmerksamkeit-Trends wird Schlaf zum neuen Image-Faktor. Sag mir, wie lange du schläfst, und ich sage dir, wer du bist.

CIMG1690Erholsamer Schlaf ist ein knappes Gut – und (mal abgesehen von den kleinen Pillen) nicht wirklich käuflich. Er rückt in einer Performance-orientierten Speed Economy ganz nach oben in der Werte-Pyramide. Schlaf ist die neue Speerspitze eines Healthy Lifestyles und geht damit weit über das bloße Grundbedürfnis der Regeneration hinaus. Chronobiologen sind nun fast so sexy wie vegane Winzer, Schlafforscher erläutern in Talkshows, warum Menschen eine weit bessere Performance im Job erzielen, wenn sie regelmäßig und genügend schlafen. Ariana Huffington, die geläuterte Medien-Revolutionärin (Huffington Post) zeigt mit ihrem Schlaf-Pamphlet „Sleep Revolution“ gar, wie man sich „nach oben schlafen kann“. Gesundheits-Destinationen besetzen im Bereich der Prävention immer stärker den Schlaf zur Profilierung, z.B. Füssen („Gesunder Schlaf durch innere Ordnung“). Eine US-amerikanische Versicherung bezahlt ihren Mitgliedern bereits eine Ausschlaf-Prämie (der Schlaf wird selbstverständlich mit einer App überwacht).

Plötzlich assoziiert man mit Schlaf nicht mehr nur lästige Zeitverschwendung (immerhin verbringen Mitteleuropäer rund ein Drittel des Tages und damit ihres Lebens im Bett), sondern produktives Aufladen von Körper und Geist. So wie sich Yoga und Meditation gerade im effizienzgetriebenen Business-Alltag festsetzten, so wird Schlaf immer stärker zum kreativen Mind-Wandering umkonnotiert. Kreativität, das hat man inzwischen gelernt, ist als Problemlöser in einer hoch komplexen Gesellschaft unerlässlich – dafür legt man sich gerne auch mal ins Bett. Den Seinen gibt’s der Herr bekanntlich im Schlaf.

IMG_2935Das neue Schlafbewusstsein durchdringt unser Alltagsleben und bewirkt neue Produkte/Angebote im öffentlichen wie im privaten Raum. In Japan ist es selbstverständlich, dass Menschen in vollen U-Bahnen oder im Café ein Schläfchen halten – keiner stört sich daran. Bei uns muss das erstmal inszeniert werden: an den Knotenpunkten unserer nomadischen Gesellschaft – Airports, Bahnhöfe etc. – werden immer öfter Schlafkabinen installiert, selbst im traditionellen Bayern (Flughafen München). Stunden-Hotels, ich sagte es schon vor vielen, vielen Jahren, mit Schlafmöglichkeiten auf Zeit entschleunigen eine hypernervöse Gesellschaft. Schlaf-Kapseln wie etwa die vom Billigflieger Jet Blue installierten „MetroNaps“ am JFK-Flughafen in New York greifen auf, was asiatische Kulturen mit ihren Power Naps schon längst öffentlich zelebrieren: der Mensch hat Recht auf seine Eigenzeit, auf eine kurze Auszeit, ein individuelles Ausscheren aus dem synchronisierten Rhythmus der Gesellschaft, sei es am Bürotisch, in Firmen-Lounges oder in der U-Bahn.

Das neue Schlafbewusstsein führt nicht nur zu einer Renaissance des Nappings im öffentlichen Raum, sondern auch zu einem Revival des Schlafzimmers. Nach Wohnküche und Wellness-Bad ist jetzt das Schlafzimmer dran und harrt der (ästhetischen wie räumlichen) Erneuerung. Dabei kommt dem Bett in seiner Neuinszenierung als kuschelige Knautschzone und Wohnhöhle, als Retreat – eine neue Bedeutung zu. Es geht – ästhetisch – diesmal weniger um die erotische Inszenierung (wie etwa im 19. Jahrhundert), als vielmehr um das Bett als letzten Rückzugsort der beschleunigten Digital-Moderne. Gerade die Digital Natives mit ihrem Hang zum Work-Life-Blending wissen es zu schätzen, dass man im Bett, umhüllt von Kaschmir-Duftkerzen und indischen Plaids, auch gemütlich mit dem iPad oder dem Notebook arbeiten und sich dann wieder anderen Genüssen widmen kann.

Ob man dabei den Trend hin zu den (sündteuren) Boxspringbetten mitmachen muss, bleibt jedem überlassen. Fact ist, dass Konsumenten immer mehr Wert auf qualitativ hochwertige Matratzen legen. Nicht nur in Luxus-Hotels schlafen Kunden auf edlen Matratzen (bevorzugt aus der Dream Factory Schramm, einer deutschen Premium-Manufaktur), gute Matratzen sind Leistungsfaktoren in guten Hotels. Die Start-up-Szene hat ebenfalls den Schlaf entdeckt und rollt – von den USA ausgehend (First Mover: Casper) – mit üppigem Venture Capital die europäischen Märkte mit „One-fits all“-Matratzen auf.

ruby_sofieOb Tagträumer, Power Napper oder Langschläfer – erholsamer Schlaf stärkt die menschliche Resilienz und trägt damit wesentlich zur Lebensqualität wie zur Produktivität bei. Ach ja: ich selbst gehe spätestens um 22 Uhr ins Bett (und stehe zwischen 5-6 Uhr auf). Und arbeite dabei quasi (immer wieder) im Schlaf.

P.S.: Schlaf wird allmählich auch im Gesundheits-Tourismus als Positionierungs-Chance entdeckt: http://gesundheit-tourismus-blog.com/2016/12/22/bettgeschichten-gesunder-schlaf-ein-lohnendes-thema-fuer-den-gesundheitstourismus/

 

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Vertical Living – die hängenden Gärten von Singapur

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Die Zukunft wird in den großen Städten entschieden. In einer urbanisierten Welt, die auf Verdichtung und Konzentration angewiesen ist, wird städtische Lebensqualität künftig neu definiert. Natur und Architektur, Ökologie und Technologie verschmelzen dabei mehr denn je, das Idealbild der Stadt von morgen ist jenes der „Balanced City“, in der die Grenzen zwischen Urbanität und Natur, zwischen Vertikale und Horizontale verwischen.

Die Renaturierung der Städte hat gerade erst begonnen. Keine Metropole zeigt darin eine derart strategische Weitsicht und eine so beiläufige Meisterschaft wie Singapur, internationaler Finanz- und Industrie-Standort. Natürlich gibt es auch andere Green Cities, allen voran Kopenhagen. Die dänische Hauptstadt ist unbestritten Vorreiter der grünen Stadtentwicklung und setzt – zumindest für Europa – Maßstäbe für urbane Lebensqualität: die Stadt von morgen ist slow (Radfahren, zu Fuß-Gehen statt Autoverkehr), CO₂-neutral und holt sich die Natur zurück (z.B. vertikale Gärten, die an Häuserwänden hochklettern, Terrassenanlagen u.a.). Allerdings: Kopenhagen ist relativ klein im Vergleich zu anderen Großstädten oder gar Mega-Cities und taugt daher als Blaupause nur bedingt.

green_wall_Die globale Garden City, die Stadt im Garten, ist freilich Singapur. Die asiatische Metropole ist – mit 7.500 Einwohnern pro Quadratkilometern – eine der am dichtesten besiedelten Städte der Welt. Mangels Platz zum Ausdehnen in die Breite schraubt sich die Stadt (5,3 Mio Einwohner) zwangsläufig (und naturgemäß) in die Höhe. Die hängenden Gärten bestimmen ihr Erscheinungsbild. Der vertikale Dschungel markiert die DNA von Singapur.

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Ikonische Gebäude wie das Parkroyal Hotel kultivieren die Idee der hängenden Gärten: tropischer Urwald, der die Fassaden herabwuchert, sattgrüne Terrassenplantagen auf dünnen Betonstelzen. Überall in der City wachsen Green Walls empor, grüne Lungen zwischen den Bürotürmen des Finanzdistrikts. Dazu Dachgärten (in Asien keineswegs selbstverständlich), über das Stadtgebiet sind großzügig Parks verstreut (über 80 Prozent der Haushalte liegen im Umkreis von 400 Metern eines Parks), 5000 Hektar Grünfläche, auch zwischen den vielen kommunalen Wohnblöcken erstreckt sich sattes Grün. Als Symbol für die Gartenstadt Singapur wachsen die Super Trees in den Himmel, die 50 Meter hohen Bäume im Park Gardens by the Bay mit ihren abendlichen, wundersam inszenierten Licht-Spektakeln, leuchten in die Zukunft.

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Singapur, Business-Hub mit dem dritthöchsten Bruttoinlandsprodukt weltweit und einem um 40% höheren Lebensstandard als der EU-Durchschnitt, hat die letzten Jahre über konsequent in seinen MarkenkernInnovation und städtische Lebensqualität – investiert. Smarte Umwelt-Technologien, hochwertige Verkehrsinfrastruktur: effiziente, günstige öffentliche Verkehrsmittel (super Verzahnung Metro und Busse), ein agiles Verkehrs-Management – elektronische City-Maut (bereits seit 1975!), demnächst ein Satelliten-gestütztes Mobility Pricing, das die aktuelle Verkehrslage berücksichtigt, der Individualverkehr ist ohnehin weitgehend durch hohe Auflagen beschränkt (ein Autokauf erfordert eine Berechtigung für zehn Jahre, ein solches Zertifikat kann schnell 50.000 Euro kosten). Ausbaufähig hingegen sind die Fahrradwege, hier liegen andere asiatische Großstädte wie Tokio oder Kyoto weit voran.

IMG_0791Singapur ist – dank seiner Küstenlage, aber auch dank seiner vielen hängenden Gärten – gut durchlüftet und für den Klimawandel gerüstet. Mit der konsequenten Entwicklung in die urbane Lebensqualität erhöht die Stadt ihre Attraktivität im globalen Standort-Wettbewerb.

water_park_Und gerade eine brummende Wissens-Metropole ist künftig mehr denn je auf junge Talente angewiesen, will sie in den Schlüsselbranchen der Zukunft (Life Science, Logistik etc.) vorne mitspielen. Damit der Werbe-Claim Singapurs auch morgen noch sein Versprechen einlöst: „See where the world is heading“.

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Walk, don’t run

mmm_01Touristiker sind Glücksdealer, sie handeln mit einem höchst emotionalen Gut: Flow. Dieses Glücksgefühl entsteht bekanntlich dann, wenn Menschen weder über- noch unterfordert sind, wenn sie sich wie in Trance in eine Tätigkeit vertiefen, in dieser aufgehen.

Wandern ist so eine glücksbringende Aktivität. Es gehört zur anthropologischen Grund-Ausstattung: gutes Essen, guter Sex und entspanntes Gehen – was will man mehr vom Leben? Jeder zweite Tourist, der im Sommer nach Österreich kommt, wandert (wie viele guten Sex haben, wissen wir leider nicht). Wandern ist kein hipper Lifestyle-Sport (allem viralem Marketing der Outdoor-Bekleider und all den schicken Softshell-Hosen zum Trotz) und wird dies auch nie sein. Wandern ist zeitlos – gerade weil der Mensch über das ritualisierte Gehen und die wiederkehrenden Bewegungsabläufe eine Aussöhnung mit sich und der Zeit findet. Es würde alles besser gehen, wenn man mehr ginge, wusste schon der größte Wanderer aller Zeiten, der Dichter Johann Gottfried Seume, der vor zweihundert Jahren zu Fuß von Sachsen bis Sizilien ging und darüber ein wunderbares Buch schrieb.

© anyaberkut - Fotolia_

Liegen seit Jahren die Wander-Motive „Natur erleben“ (75%), „sich bewegen“ (57%) u.a. unangefochten voran, so schieben sich seit einiger Zeit intrinsische Motive – vor allem der Abbau von Stress (31%) – immer stärker ins Spitzenfeld des Motive-Sets (Quelle: Deutsche Wanderstudie 2014, GfK/MIT). Natürlich gibt es eine enorme Produkt-Differenzierung bei der Angebotsgestaltung, und jede Destination muss die zu ihrer Identität und ihren Ressourcen passenden Branded Trails entwickeln, markenkonforme Wanderrouten. Zu einer Adrenalin-getriebenen Destination passen kompetitive Formate wie Speedhiking, Trailrunning u.a., zu einer anderen wiederum spannende Lernpfade (Naturlehrpfade, History Trails etc.) oder Hybrid Trails (Wandern/Segeln u.a.) in einer Küstenregion.

IMG_6885Eines steht aber in der Produkt-Semantik immer im Blickfeld: die Natur. Kein Wunder, kommen doch die meisten Wanderer aus städtischen Ballungsräumen und legen ihre Sehnsüchte in das Natur-Schöne. Sie suchen Glücksgefühle durch die Bewegung in der Natur und erwarten sich zugleich Bequemlichkeit – deswegen müssen die Touchpoints vor Ort (im Sinn von Berührungs-Punkten) markenadäquat bespielt werden, den Gästen muss es in jeglicher Hinsicht einfach gemacht werden (Convenient Nature).

Natur aber ist kein Selbstzweck, sondern ein Resonanzraum, der Sehnsüchte zum Klingen bringt, eine Kinoleinwand, auf die Städter seit der Industriellen Revolution ihre Träume projizieren. Deswegen genügt die Natur – in ihrer reinsten Form – nur selten (außer man hat es mit ikonografischen Landschaften wie Patagonien, den Dolomiten etc. zu tun). Der Soziologe Gerhard Schulze brachte den interessanten Begriff des „naturbegegnenden Reisens“ ins Spiel: dieses zielt auf Ankunft ab, nicht auf Steigerung, es „verlangt nach Freiraum von präfabrizierten Erlebnisangeboten, d. h. Stille, optische Zurückhaltung, Weglassen von Angeboten“. Ein radikaler, kühner (Backlash-)Gedanke, aus meiner Sicht aber dennoch falsch.

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Seit der Renaissance ist der Mensch an inszenierte Blicke gewohnt, er „erlebt die Landschaft dann als schön, wenn er sie durch ein Fenster sehen kann“ (Peter Sloterdijk, Cicero 11/2013.) Das Fenster kann man hier als Metapher sehen – es geht beim Wandern um das Arrangement der Blicke (und damit der Einsichten und Erkenntnisse) und die Dramaturgie der Schritte. Im Kern geht es um eine sinnliche Dramaturgie der Wandertrails (Best Practise z.B. die Wandertrilogie im Allgäu), um eine Akzentuierung der Natur mit endogenen (also zum lokalen Spirit, zur Marke passenden) Symbolen.

Je mehr der Algorithmus zum Betriebssystem der Digital-Moderne wird, desto stärker wird die Sehnsucht nach physischen Erfahrungen, nach sinnlichem Begreifen, nach Erlebnissen abseits der cleanen Displays und zu Tode arrangierten Instagram-Welten: das Knirschen der Schritte auf dem Weg, das taufrische Gras, über das die Hand streift. In einer zunehmend virtuellen Welt (in der Menschen Medien nur noch in Fragmenten konsumieren), in der Zeit und Aufmerksamkeit in Mikroeinheiten zerteilt werden, kommt der „langen Erzählung“ (die man in einem Stück erlebt) eine wachsende Bedeutung zu, daher auch der Boom der Weitwanderwege – diese sind, in ihrer Konzeption, Anti-Narrative der Digital-Moderne, weil sie einem den Rhythmus der Natur (und die eigene Begrenzung) auferlegen.

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Und so hat Wandern wie kaum eine andere Freizeit-Aktivität viel mit Meditation zu tun, mit Selbstfindung. Wer geht, ist immer auch auf dem Weg zu sich selbst. Wandern ist eine innere (Such-)Bewegung, ein „Freiraum, in dem der Mensch nicht nach außen mit anderen, sondern nach innen mit sich selbst kommuniziert“ (Ulrike Zöllner). Der Städter, der in seinem Büro „mind-wandering“ betreibt und in Tagträume abdriftet, weiß um diese Kraft und dass er diesen Flow am Wochenende absichtslos – beim Wandern – erzielen kann.

 

Dieser Beitrag beruht auf einem Vortrag, den Andreas Reiter vor kurzem auf einem Symposium im Salzkammergut hielt (Fotos unten: STMG/www.fotohofer.at)

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