Future Tourism Place Making

Sommer-Urlaub & dosiertes Glück

Es ist diesmal ein Sommer, der ein fragiles Glücksversprechen bereithält. Man sitzt auf der Terrasse, auf Norderney, im Salzkammergut oder sonst wo, dreht nachdenklich sein Glas Wein in der Hand und sinniert über die düstere Weltenlage. Im Süden Europas und jüngst auch in der Sächsischen Schweiz wüten Waldbrände (“Zeitalter des Feuers“), Wasser wird vielerorts rationiert (kürzlich sogar in Südtirol!), in der Ostukraine geht der Krieg in eine besonders schmutzige Phase, und unsere Politiker geben Energiespartipps, damit wir nicht alle im Spätherbst frierend in unseren Wohnungen sitzen…

Eine Gemengelage, die die Stimmung nicht gerade aufhellt. In normalen Zeiten kann man sich vom Urlaub eine „Steigerung der Lebensintensität“ (Tristan Garcia) erwarten, ein Aufbäumen der eigenen Lebenslust. Urlaub als „große Wiedergutmachung, die einem zusteht“ (Valentin  Groebner)… Aber diesmal, im Zeitalter der inflationären Verknappung und multiplen Krisen, wird auch das Glück rationiert, man begnügt sich mit einer kleinen Dosis Serotonin, einem Hauch von Leichtigkeit. Man ist dankbar, abseits der wirklichen Katastrophen zu sein… und spürt dennoch, dass  Veränderung in der Luft liegt („Zeitenwende“), kann sie aber noch nicht wirklich greifen. Change happens.

Der Mensch braucht Rituale, der Sommer-Urlaub ist die wohl wichtigste Zäsur im Jahr. Doch dieses individuelle wie kollektive Ritual der Auszeit, des gesetzlich verbrieften Ausbruchs aus dem Alltagstrott, in der ganze Nationen für zwei Wochen ihre Produktivität gegen Entspannung austauschen und quasi im Gänsemarsch auf Tauchstation gehen („Ferragosto“), wird sich künftig drastisch verändern. Es ändern sich Ort und Zeit, aber auch die Formate.

*Ort
Am augenfälligsten wird der Wechsel der Urlaubs-Destinationen: Sun & Beach, die europaweit beliebteste Urlaubsform, wird künftig immer seltener am Mittelmeer praktiziert, dort wird es im Sommer schließlich oft unerträgliche vierzig Grad Außen- und eine Wassertemperatur über dreißig Grad haben. Reiseströme verschieben sich in den nächsten 15 Jahren zunehmend vom Süden in den Norden, in kühlere Alpenregionen, an die Nordsee, auch an Ostsee-Strände. Skandinavien wird der große Gewinner, zum Baden geht’s nach Dänemark oder Südschweden, zum Biken nach Norwegen. Und: man verreist „terran“. Fernreisen sind – trotz der künftig eingesetzten synthetischen Treibstoffe – noch mehr Randprogramm als in den Nullerjahren. Moralische Märkte eben.

*Zeit
Nicht nur die Sehnsuchtsräume für die eigene Auszeit verschieben sich, auch die Urlaubszeiten werden sich in Zeiten der Klimaerwärmung entzerren (müssen). Wer es sich leisten kann (und keine Schulkinder hat), wird künftig in den Herbst oder ins Frühjahr ausweichen, sinnvollerweise werden wir europaweit die Ferienzeiten neu koordinieren und an den Klimawandel anpassen. Der Frühherbst ist der neue Sommer. „Wir haben die Zeit der Natur ausgehebelt, ihre Selbstorganisation in wiederkehrenden Kreisläufen oder ‚Gezeiten’“ (Eva von Redecker, Revolution für das Leben).

*Formate
In der Hochphase der industriellen Revolution kam die Sommerfrische auf, eine kollektive Stadtflucht des Bürgertums, das in der „unberührten“ Natur wieder in Einklang mit sich selbst zu kommen versuchte. Natur-Aktivitäten und kultivierte Geselligkeit formten ein Narrativ des Sommerurlaubs, das Jahrzehnte später als „play, pleasure and pastiche“ zur touristischen Blaupause wurde und sich pauschal durch alle Urlaubsmotive skalierte.

In einer überhitzten Welt, die mehrere Transformationen (Pandemie, Energiekrise, Klimakrise) durchlebt (hat), verschieben sich Anforderungen und Angebote, Ökosysteme konfigurieren sich neu, auch das touristische MotiveSet ändert sich:

  • Eco First: die Guest Journey orientiert sich an den SDG’s, sie wird bis 2030 komplett klimagerecht ausgestaltet, Kunden und Betriebe haben ein CO2-Konto, das sie nur bis zu einem bestimmten Limit ausreizen können. Infrastruktur und Produkt-/Service-Design sind zu 360° regenerativ (Zero Waste etc.). Bahn (Highspeed) und nachhaltiger Individualverkehr (intermodal vernetzt) haben die innereuropäischen Flugreisen bis 2035 weitgehend zurückgedrängt, Flüge unter 1.000 Kilometer sind dann EU-weit verboten.
    Der zirkuläre Wandel erfordert von Destinationen eine integrierte Governance-Struktur, die Tourismus, Wirtschaft und Lebensraum achtsam ausbalanciert und in die Zukunft weiter entwickelt. Die touristischen Kennzahlen sind ganzheitlich aufgesetzt und richten sich an den Kriterien des Global Destination Sustainability Index aus. Menschen und Ressourcen, Planet und Profit werden immer besser ausbalanciert.
  • Fluid Flow: Sommer-Aktivitäten zwischen Serotonin und Grenz-Erfahrungen. Gäste suchen einerseits basale Mikro-Abenteuer (Wildnis-/Survivalcamps, Sternenwanderung, Übernachtung im Baumhotel, Hausboot u.a. naturnahen Formaten), brauchen andererseits aber auch neuronale Kicks: denn nur in Extremsituationen (z.B. adrenalingetriebene Sportarten) wird der Mensch vom Objekt zum handelnden Subjekt (vgl. Karl-Heinrich Bette), nur so kann er sich wieder spüren.
  • Life Seeing. Nicht die Überlappung von Arbeit und Freizeit (Workation), sondern deren Separierung wird zum vorherrschenden Motiv. In dieser fast zenförmigen Achtsamkeit liegt die neue Kunst des Sommerurlaubs. Es geht den Gästen mehr denn je um Selbstwirksamkeit und darin, ihren Platz in dieser turbulenten Welt zu festigen. Immersive Erfahrungen (Life Seeing statt Sight Seeing) unterstützen diese Sinnsuche. Das Sammeln von Superlativen weicht der Suche nach alltäglichen Besonderheiten und Begegnungen. Weniger Chichi, mehr Leichtigkeit.

10 Kommentare zu “Sommer-Urlaub & dosiertes Glück

  1. Danke für deinen Beitrag und für deine Inspiration lieber Andreas! Ich kann den Grundtenor und viele Inhalte daraus persönlich bestätigen (nach einem Italien-Sommerurlaub und vorzeitiger „Hitzeflucht“, weil sich der Urlaub eher nach einem „Survival-Camp“ als nach einem angenehmen Sommerurlaub angefühlt hat. Die Rettung? Der Kärntner Weißensee auf 950 m Seehöhe …)

    • Andreas Reiter

      Danke dir lieber Hans, für dein geschätztes Feedback. Ja, der Weißensee ist dann sicher eine Alternative!

  2. Genau so wird es kommen. Interessant die Beobachtung von Life Seeing statt workation. Die bewusste Trennung von Arbeit und Urlaub.

  3. Lieber Andreas, vielen Dank für diese interessante Einschätzung, die ich durchaus teile. Urlaub am Mittelmeer in im Hochsommer kann in Zukunft durchaus eine Qual werden. Es hat ja schon bei uns im Winer Becken an manchen Tagen bis zu 38 Grad! Da sind höher gelegene Alpenregionen durchaus eine angenehme Alternative. Wenn man so will, haben wir in den beiden letzten Pandemie-Sommern einen kleinen Vorgeschmack auf die Zukunft bekommen. 🙂 Und ich stimme dir auch zu, dass wir bei den Urlaubszeiten Anpassungen durchführen werden müssen. Das betrifft nicht nur die Schulferien, sondern auch die Arbeitszeiten allgemein. Warum muss Freizeit fast ausschließlich am Wochenende stattfinden? Viele Betriebe haben aktuell das Problem, dass sie am Wochenende mit Anfragen überhäuft werden und ihre Zimmer vielfach vermieten könnten, während sie unter der Woche selbst mit Lockangeboten oft nur eine mäßige Auslastung verfügen. Das was am Wochenende zu viel ist, fehlt unter der Woche. Ein Abbau dieser Spitzen und eine Entzerrung der Besucherströme wäre eigentlich notwendig. Auch mehr Freizeitangebote unter der Woche. Wenn dies gelingt, ist es vielleicht auch wieder einfacher, Mitarbeiter zu bekommen und man ist selbst motivierter bei der Sache. Wir leben in durchaus interessanten Zeiten!

    • Andreas Reiter

      Danke lieber Manfred für dein geschätztes Feedback aus der Praxis… Ja, wir werden von allen Seiten – Anbieter, Kunden, Mitarbeiter:innen – agiler und flexibler sein müssen. Die aktuelle Gemengelage ist ein Stresstest für unsere Gesellschaft. Da müssen wir wohl alle noch mehr trainieren…

  4. Vielen Dank für die inspirierenden Gedanken und Visionen. Eine schöne neue Welt… aber ob sie „massentauglich“ ist? Und ob es „Fluid Flow“ braucht oder überhaupt noch Platz dafür da sein wird (extremer Individualismus?), bleibt eine spannende Frage…

    • Andreas Reiter

      Schönen Dank Herr Knittel für Ihr geschätztes Feedback. Ja, da ist vieles offen an Entwicklungen. Ich glaube, dass wir – Stichwort Massentauglichkeit – künftig noch stärker individualisierte Massenmärkte haben werden, mit KI gesteuert….

  5. Andreas Steininger

    Habe das Glück, im obersteirischen Naturpark Mürzer Oberland arbeiten und leben zu dürfen. Die Einschätzungen im Beitrag kann ich nachvollziehen und sehe es in unserer Region. Diese wird immer mehr zur Zuflucht hitzgeplagter Städter ( in der Zwischenzeit sogar als Wohnsitz) und Urlaubsziel für Naturliebhaber.

    • Andreas Reiter

      Danke für Ihre persönliche Einschätzung, die ich nur teile. Schönen Sommer noch in im Naturpark und beste Grüße an Sie, Andreas Reiter

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