„Zukunft braucht Herkunft“

Ehrenhof Welterbestätte Zeche Zollverein Essen

Wir leben in einer Welt der permanenten Veränderung, in einer „fluiden Gesellschaft“ (Zygmunt Bauman), in der alles ständig im Fluss ist. Europa ist im institutionalisierten Krisenmodus, Terrorgefahren wachsen, Verunsicherung macht sich breit. Je unsicherer die Welt, je kürzer die Lebenszyklen von Produkten und Lifestyles, desto hartnäckiger werden die Sehnsüchte ausgelagert in Freizeit- und Konsumwelten. In einer gesättigten Wirtschaft werden insbesondere Freizeit-Erlebnisse – weit mehr als Produkte – zur Sehnsuchtsfläche für Konsumenten.

Wer sein Urlaubsglück sucht, hat viele Motive, auf zwei davon will ich hier näher eingehen:

  • Identitätssuche & (Selbst)Verständnis
  • Das (Natur)Schöne in der Digital-Moderne.

Identität

mqTradierte Sicherheiten brechen weg, biografische Optionen – und Risiken – poppen auf. Was einst fest war, ist nun flüssig. Willkommen im Standby-Betrieb der Digital-Moderne. Das Leben in der Digital-Moderne bringt multiple Identitäten hervor und zwingt den Einzelnen zu einem ausgeklügelten Identitäts-Management in den sozialen Netzen: die familiäre Identität managen wir z.B. auf Facebook, die visuelle Identität auf Instagram, die berufliche auf Linkedin usf., mit Freunden kommunizieren wir in WhatsApp-Gruppen. Wer bin ich und wenn ja wie viele, heißt es bei Richard David Precht. Das Thema Identität und Identifikation zieht sich wie eine Zeitlinie durch postmoderne Biografien.

In einer Welt, in der Gemeinschaften immer unverbindlicher werden und der Einzelne stärker anonymisiert wird, wächst die Sehnsucht nach sozialer Resonanz. Nach einer Community, die einen trägt und einbindet, nach echten, intensiven Begegnungen. Anthropologen wissen, wie wichtig die „Grammatik der Anerkennung“ ist, also das Zusammenspiel von Werten, Ritualen, Helden und Symbolen (wie es Gert Hofstede in seinem kulturellen Zwiebelmodell einst sehr schön analysiert hat und wie es jedem Markenmodell zugrunde liegt). Je stärker – und das trifft gerade beim Reisen zu – Selbstbild und Fremdbild in einer Destination kollidieren, das Globale und das Lokale aufeinander treffen, desto wichtiger sind hier Moderatoren.

rgburg_steinerne_brückeGroße Speicher kultureller Identität – wie sie etwa UNESCO-Welterbestätten darstellen – sind glokale Identitäts-Labors: sie bewirken einen Transfer nach außen (indem sie Werte, kulturelle & ästhetische Leistungen u.a. des jeweiligen Ortes vermitteln) und sind ein Identitäts-Stifter nach innen. Welterbestätten sind Identitäts-Transmitter und – als kulturelle oder naturräumliche DNA einer Destination – somit immer auch Treiber der Marke und einer markenzentrierten Produkt-Entwicklung.

Das (Natur-)Schöne

Die Digital-Moderne produziert funktionelle Orte und austauschbare (halb-)öffentliche Räume (Shopping Malls, Einkaufsstraßen etc.), bei denen die „Ästhetik des Glatten“ (Byung-Chul Han) dominiert. Auch unsere digitalen Werkzeuge sind glatt: Smartphone, Tablet, Internet. Es regiert die Oberfläche. Alles funktioniert, aber wenig berührt.

halong_1.JPGJe mehr im Alltag die „Nicht-Orte“ dominieren, die laut Marc Augé keine „Identität stiften, keine gemeinsame Erinnerung erzeugen“, desto mehr entwickeln Menschen eine Sehnsucht nach Tiefe, nach dem Schönen, nach Struktur und Harmonie. Die Altstadt von Dubrovnik oder von Salzburg, die Eleganz der Lübecker Kirchtürme, die beiläufige Erhabenheit der Kalksteinfelsen in der Halong-Bucht wecken Hochgefühle in uns. Wow! Menschen suchen in ihrer Freizeit Begegnungen und Orte, die sie im Inneren berühren. An magischen Orten treffen die Sehnsüchte mit den UNESCO-Welterbe-Kriterien zusammen („Meisterwerk der menschlichen Schöpferkraft“, „von außergewöhnlicher Naturschönheit“ usf.).

CIMG2231Doch die Magie all dieser Orte ist verletzlich. Ich plädiere daher seit Längerem für eine strategische Steuerung – das heißt: Besucher-Limitierung – von touristischen Hot Spots. Das mag gegen den demokratischen Grundgedanken des Reisens verstoßen, ist aber m.A.n. die beste Lösung in diesem Konflikt Quell- und Zielkultur. In Venedig (56.000 Einwohner, knapp 20 Millionen Besucher p.a.) müssen Tages-Touristen künftig spezielle Eintrittsgebühren zahlen (nicht aber Einheimische und Hotelgäste). Cinque Terre (7.000 Einwohner, zuletzt 2,5 Mio Besucher p.a.) plant ebenfalls Begrenzungen, Barcelona und Dubrovnik werden hoffentlich bald folgen – und die Kreuzfahrer-Massen durch hohe Mautgebühren reduzieren. Intelligente und faire Pricing-Modelle (First Track etc.) sind hier gefordert.

Wer vom kulturellen Erbe redet, darf aber nicht nur ans Bewahren des Erbes (Spannungsfeld „Schützen-Nützen“) denken, sondern auch an die Erben. Damit diese das Erbe in die Zukunft bringen (und nicht verjubeln), bedarf es eines Identitäts-Transfers in narrativen Erfahrungsräumen. „Zukunft braucht Herkunft“ (Odo Marquard), nicht mehr und nicht weniger.

unescoUNESCO-Jahreshauptversammlung_207_7123_Dieser Beitrag beruht auf einer Keynote, die Andreas Reiter vor kurzem auf der UNESCO-Welterbe-Jahrestagung in Regensburg hielt.

Tipp: Auf außergewöhnliche Art und Weise sind die UNESCO-Welterbestätten in NRW (Industriekultur etc.) von der Agentur Reality Zoom dokumentiert – in virtuellen Erlebniswelten: http://www.reality-zoom.de/

 

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Robotic Natives: Was gestern das Tattoo, ist morgen der Chip unter der Haut

artificial intelligence - human or robot?

Wenn etwas die Digital Natives besonders auszeichnet, dann ist es ihr Talent zum hybriden Leben sowie das Managen multipler Identitäten. Mit enormem Aufwand hegen und pflegen sie ihre soziale Reputation im Netz, ihre verschiedenen Identitäten (die visuelle auf Instagram, die private auf WhatsApp oder Telegram, die berufliche auf LinkedIn usf.). Leichtfüßig bewegen sie sich durch die „fluide Moderne“, konstruieren und dekonstruieren dabei passgenau ihre Identität.

Always on, always connected. Vier von fünf Smartphone-Nutzern nehmen ihr Smartphone nachts mit ins Bett (Quelle: KRC Research), Betonung liegt auf ins Bett. Der Lover kommt und geht, das Handy bleibt. Noch nie war die Bindung zwischen Mensch und Technologie so eng wie heute in diesem flüssigen Zeitalter, in dieser Augmented Reality, in der alles mit allem verschmilzt – unser libidinöses Verhältnis zum Smartphone ist nur das augenfälligste Beispiel. Keine Frage, nicht nur On- und Offline konvergieren, auch die Technologie wächst immer mehr an den Menschen heran, ob Wearables, Fitness-Bänder, Sensoren oder Chips. Es ist der Gang der Evolution hin zum Cyborg, bei dem Mensch und Maschine, Biologie und Technologie verschmelzen. Was gestern das Tattoo, ist morgen der Chip unter der Haut.

Die US-amerikanische Investmentfirma Deep Knowledge Ventures hat einen Algorithmus in ihr Board of Directors entsandt – man mag darin einen schwachsinnigen Aktionismus sehen oder eben einen natürlichen Übergang auf dem Weg von den Digital Natives zu den Robotic Natives. Die Jungen – also die Generation Z – gestalten diesen Übergang in den nächsten Jahren quasi beiläufig, während die Altvorderen (zu Recht) noch heftig darüber diskutieren, wie man Gesellschaft und Wirtschaft in der Industrie 4.0 gestalten will und ob – angesichts einer Substitution vieler Jobs durch die Automatisierung – der Algorithmus sozialversicherungspflichtig werden muss.

marioDie einen feiern die neue “Bio-Diversität“ – also die Artenvielfalt der Service-, Industrie-, Pflege-, Lehr-Roboter etc. und applaudieren so infantilen Gadgets wie (auf der vergangenen ITB) dem Rezeptions-Roboter Mario (Ghent Mariott Hotel), 57 cm groß, spricht 19 Sprachen, aber hallo! Im Jahr 2020 soll es laut „Research and Markets“ weltweit rund 30 Millionen Alltagsroboter geben, die ihre Arbeit verrichten. Die anderen werfen düstere Prognosen in den Ring: 45 Prozent aller Arbeitsplätze könnten, so eine Studie von A.T.Kearny, in den nächsten zwei Jahrzehnten der Automatisierung zum Opfer fallen. Das Weltwirtschaftsforum wiederum sieht in den Industrieländern rund fünf Millionen Jobs in den nächsten fünf Jahren durch Robotik und Automatisierung substituiert.

Die Angst vor den Auswirkungen technologischer Revolutionen ist so alt wie die Menschheit selbst – historisch jedoch führten Technologiesprünge (und das sind Robotik und Industrie 4.0) stets nicht nur zu neuem Wirtschaftswachstum sondern – langfristig! – zu mehr (und anderen) Jobs.

Fact ist, die smarte Produktion von morgen erfolgt in immer intelligenteren Systemen (Cyber-Physical-Systems, Big Data etc.) in immer smarteren Wertschöpfungsnetzen. Algorithmen und Roboter etc. erledigen dabei zunehmend komplexere Aufgaben. Wie bei jeder technologischen Disruption wird es neue Jobs mit neuen Berufsbildern (z.B. IoT Solution Architect) geben – gleichzeitig aber lösen sich viele (auch kognitiv anspruchsvolle) Berufe wie Sachbearbeiter, Rechtsanwälte etc. auf. Angesichts der demografischen Entwicklung (Alterung der Gesellschaft) und des Fachkräftemangels könnten sich, je nach Nettozuwanderung, die Auswirkungen von Demografie und Automatisierung aber die Waage halten.

fabrikVor dem Hintergrund der künstlichen Intelligenz (Industrie 4.0) geht es somit entschieden um die Neu-Organisation sowie Neu-Definition der Arbeit. Soll es ein bedingungsloses Grundeinkommen geben, also eine Entkoppelung Erwerbsarbeit-Einkommen, wie es Neoliberale ebenso fordern wie Linke (aus jeweils anderem Blickwinkel) und wie es derzeit im Silicon Valley, in der Schweiz und Finnland massiv diskutiert wird? Solche und andere politisch-ethische Diskussionen über die Sicherung des Sozialstaats, über Digitale Dividende etc. werden wir intensiv führen müssen.

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Der Geist ist längst aus der Flasche – die Roboter sind längst nicht nur in Südostasien im Einsatz, in Fabriken und Altenheimen und an Hotel-Rezeptionen… Die Robotic Natives – die Mitglieder der Generation Z – werden das Co-Working der Zukunft entschieden anders definieren, nämlich als Teamwork von Menschen und kollaborativen Robotern, die gemeinsam Probleme lösen. Es hängt von der strategischen Weitsicht der Menschen ab, ob sie eines Tages Haustiere der Roboter sein werden oder umgekehrt…

Link: Wie die Zusammenarbeit Mensch und Roboter aussehen könnte: der humanoide Roboter „Atlas“ (von Boston Dynamics, einer ehemaligen Google-Tochter): https://www.youtube.com/watch?v=rVlhMGQgDkY

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Kuratiertes Einkaufserlebnis

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Die Generation der Digital Natives konsumiert smart und selektiv: hier ein Song bei Spotify, dort ein Zeitungsartikel über Blendle, den digitalen Medien-Kiosk, heruntergeladen oder ein 6-Sekunden-Clip auf Vine. Konsum-Schnipsel, zugeschnitten auf die eigenen Interessen oder die aktuelle Stimmung. Fragmente, Bruchstücke, Streusel.

bike_shopGesellschaftskritiker beklagen, dass die Jungen keine längere Erzählung mehr aufnehmen können. Das ist richtig und falsch zugleich. Einerseits spiegelt der fragmentierte Konsum unsere Welt in Transformation, die sich auflöst und immer wieder neu zusammenfügt. Gleichzeitig aber verspüren Menschen das dringende Bedürfnis, all diese Fragmente zu einer sinnvollen Geschichte zu ordnen, die einzelnen Puzzle-Steinchen zu einem größeren Ganzen zu arrangieren. Das Marketing hat dafür den Begriff „kuratierter Konsum“ erfunden, der immer dann herhalten muss, wenn andere Verführungsstrategien nicht greifen.

Wie konsumieren wir morgen? Ganz einfach: situationselastisch. Das bedeutet kein Denken mehr in getrennten Kanälen und Formaten (on-/offline, stationär/virtuell), sondern gemäß der Erkenntnis: wir leben in einer (um das Virtuelle erweiterten) Welt.

Diese Hybridisierung betrifft alle Branchen, insbesondere aber auch den Handel. Auch wenn sich die Einzelhandelslandschaft derzeit auffächert in Großhandel, Pure Online-Player, in (oft verstaubte) Fachgeschäfte und (immer wieder überraschende) Concept Stores – die Abgrenzung zwischen Online- und stationären Handel ist schon heute überholt.

Der Handel von morgen ist

  • ubiquitär (überall dort, wo der Kunde ist)
    • Der Vertrieb erfolgt auf allen (intelligent mit einander verschränkten) Kanälen = Omni-Channelling
    • Der stationäre Verkauf erfordert künftig kleinere und flexible Formate (die Ladenfläche sinkt, schließlich wird der Point of Sale zum Showroom)
    • Content follows Customer (so liefert z.B. die New York Times ihren Abonnenten lokale News je nach deren IP-Adresse/Standort aufs Handy)
  • convenient: mit einem – auf Smart Data beruhenden – Touchpoint-Management werden die Kunden reibungslos durch alle Kontaktpunkte geführt (beispielhaft macht dies etwa das Online-Modelabel Outfittery, wo Stylisten ungeduldigen Männern ihr Outfit je nach Stylingtyp zusammenstellen)
  • emotional: touch, feel & buy markieren die Timeline beim Shopping
  • social (die Generation der Digital Natives teilt Einkaufserlebnisse, Produkt-Infos, Bewertungen u.a. über die sozialen Netze).

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Digital ist aber längst nicht mehr die Trumpfkarte. Je mehr unser Konsumverhalten von Algorithmen gelenkt wird, desto mehr Aufmerksamkeit richten wir Menschen auf sinnliche (vor allem haptische) Erlebnisse. „Anfassen, etwas berühren, das ist für Menschen gleichbedeutend mit Aneignung. Das Anfassen löst beim Kunden ein ‚Gefühl des Eigentums‘ aus“ (Selin Atalay, Frankfurt School of Finance and Management). Das Shopping-Erlebnis von morgen ist multisensorisch (bespielt alle Sinne, vom Duft über das Licht bis hin zur Haptik), und das auf allen Kanälen.

In dieser multisensuellen Inszenierung liegt die Magie der Marke – das haben auch die First Mover des Online-Handels (von My Muesli über Amazon bis Birchbox) erkannt und machen ihre Marken-Geschichte in stationären Stores greifbar.

gv_2_Eines aber steht (digital wie stationär) im Vordergrund: die Personal Experience des Kunden. Mehr denn je suchen die Smart Natives bei ihren Einkaufstouren außergewöhnliche (komponierte) Erlebnisse, die sie abheben vom Mainstream. So wie die smarten Konsumenten ihr Leben auf Instagram & Co in dramaturgischer Kleinstarbeit inszenieren, so wollen sie beim Einkaufen in Geschichten eintauchen, die sie bewegen und verändern. Da zwei Drittel aller Kaufentscheidungen direkt am Point of Sale fallen, ist dort die szenische Dramaturgie entscheidend, das Emotional Design. Produkte müssen – über ihr Story Telling und ihr emotionales Setting – Identifikation, Individualität und Identität vermitteln, einen emotionalen Anker eben, an dem man sich in stürmischen Zeiten festhalten kann.

papiertigreFür die Millenials haben Erlebnisse einen höheren Imagefaktor als Produkte. Wenn sie also schon im stationären Handel einkaufen, dann müssen sich Produkte und Einkaufserlebnis stringent und überraschend verschränken. In einigen Food-Stores kann man das Gekaufte am Restauranttisch verspeisen, im Restaurant wiederum das einkaufen, was man gerade gegessen hat. Hybride Formate eben. Auch in der Papeterie verschränken sich die Welten: im stylisch-klaren „Papier Tigre“ in Paris etwa, oder im Two and Two in Berlin, wo man japanische Papeteriewaren kaufen und gleichzeitig seinen Filterkaffe schlürfen kann. Der Store als Psychotop, wo sich die Genüsse multiplizieren.

Links:  www.papiertigre.fr www.paper-republic.eu https://www.facebook.com/twoandtwocafe

UnbenanntDieser Beitrag fasst einen Vortrag zusammen, den Andreas Reiter kürzlich auf der Paperworld in Frankfurt hielt.

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Das fragmentierte Hotel

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Individualisierung ist eine Zwillingsschwester des Kapitalismus. Nirgendwo erarbeiten sich Konsumenten das Anderssein derart strategisch wie über ihren (Freizeit)-Konsum: hier ein Kaschmirschal mit eigenen Initialen, dort ein untergäriges Craft Beer aus der Mikro-Brauerei oder eine Übernachtung in einem lokal tätowierten Pop-up-Hotel. Be different!

kauf dich glücklich

Differenzierung ist (harte) Identitätsarbeit und generiert immer mehr Nischen in der Produktkultur, auch und gerade in der Hotellerie. Insbesondere die Stadt-Hotellerie steht – angesichts des boomenden Städte-Tourismus – unter wachsendem Branding-Druck. Die großen Hotelketten differenzieren sich immer stärker und kreieren Lifestyle-Hubs (W-Hotels von Starwood, Nhow-Hotels von NH, demnächst die me and all-Hotels von Lindner usf.), kleine Boutique-Hotels fokussieren auf spezielle Gäste-Milieus. Stilgruppe statt Zielgruppe heißt die Devise.

Wie fein ziseliert die Individualisierung der Konsumgesellschaft – und damit der Zwang zur Distinktion – bereits ist, zeigt der enorme Erfolg der Bettenbörse Airbnb, ein längst der WG-Couch entwachsener globaler Konzern, der seinen Gästen eine kosmetische Individualisierung und ein industrialisiertes „Local“-Gefühl anbietet. Doch wo sollen all die HIPs (Highly individualised people) übernachten, die die mühselige Differenzierungsarbeit der Mittelschichten und das Herunterbeten von Lifestyle-Bibeln à la Monocle schon hinter sich haben? Wo finden sie ihre Spielplätze zur Identitäts-Konstruktion und ihre Distinktions-Erlebnisse?

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Zum Beispiel im (vor kurzem eröffneten) Grätzlhotel in Wien. Dieses Hotel (das keines ist) ist eine logische Weiterentwicklung der Streetlofts: die Urbanauts hatten bei diesen schon – vorbildlich und pionierhaft – leerstehende Gewerbelokale in touristische Lofts umgewandelt (siehe auch unser Blogeintrag https://blog-ztb-zukunft.com/2014/01/23/space-in-transition-im-bett-der-urbanauten/).

Auch bei ihrem nunmehrigen Grätzlhotel werden ehemalige Geschäftslokale in B- und C-Lage umfunktioniert zu touristischen Suiten – allerdings diesmal rund um einen Marktplatz (derzeit 3 Standorte). Mehrere Suiten sind da verteilt über Stockwerke und Häuser rund um z.B. den Karmelitermarkt, als Rezeption und Treffpunkt dient ein Café. Der Marktplatz wird zur Lobby, das Alltagsgefühl dringt durch die ebenerdigen Schaufenster, Einheimische und Gäste verschmelzen (bestenfalls) zu einer lokalen Community.

kostal_MG_0168_kleinEin fragmentiertes Hotel also. Und genau darin liegt der Charme dieses Konzepts: das Hotel wird anders gedacht und anders (nämlich dezentral) angelegt. Darin liegt auch die Innovationsleistung: Stadtleben und Hotelleben zu spiegeln und zu verschmelzen, ein „authentisches“ Lebensgefühl bei Touristen zu erzeugen, indem sie zu Mitspielern des Wiener Alltags werden.

Das fragmentierte (über den Marktplatz verteilte) Hotel bedient nicht nur die Erwartungshaltung der Experience Hunters, es leistet auch einen Beitrag in der städtischen Transformation. Städte sind schließlich Resonanzräume für gesellschaftliche Entwicklungen: wenn die Stadt-Gesellschaft in kleine Einheiten zerfällt, dann spiegelt sich dies auch in ihrer räumlichen Struktur und in ihrer Dekonstruktion. Fragmente, Mikrowelten überspannen als loses Netz die Stadt. In Amsterdam hat der Architekt Frans van Klingeren eine fragmentierte Mensa errichtet – statt eines Neubaus für die Mensa wird die gesamte Altstadt zum Lokal – die Studenten bevölkern mittags Lokale der Altstadt, das Essen wird bezuschusst.

Die Wiener Urbanauten sind mit diesem Konzept des Grätzlhotels erwachsen geworden, das Hotel ist fragmentiert. Ein wunderbares Narrativ für die Stadt im Umbruch.

Link: http://www.graetzlhotel.com/

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Silver Rebels – die alternden Baby Boomer erfinden sich neu

In ihrem Buch ‚Champagner für alle. Wie man in Würde altert ohne dabei erwachsen zu werden‘ beschreibt die Autorin Martina Wimmer eine nicht mehr ganz junge Frau beim morgendlichen Blick in den Spiegel: „Die leise Ahnung, es wird sich was ändern. Der laute Gedanke: Ich mach da nicht mit.“

Ich mach da nicht mit. Hier bahnt sich ein gesellschaftlicher Paradigmen-Wechsel an: vom Opfer zum Täter. Vom Ruhestand zum Unruhestand. Hier blitzt die biografische Agenda der 68er auf, das Identitäts-Management der ergrauenden Baby Boomer: Forever young. Warum sie mit 53 Jahren noch einmal antritt, wurde Deborah Harry, eine Ikone der Popmusik, einst bei ihrem Comeback gefragt. „Weil ich meine Jugend wiederhaben will und vor Tausenden von Leuten auf der Bühne herumhüpfen möchte.“

silver_agerWer sich in jungen Jahren gegen die verkrusteten Normen der Gesellschaft auflehnte wie einst die 68er, wird sich schließlich auch später nicht tatenlos abfinden mit dem Kreislauf der Natur – der da heißt: erst kommt das Wachstum, dann das Bewahren und am Ende das Schrumpfen. Werden die Silver Ager diese traditionelle Timeline und das Defizit-Denken aushebeln, das den Prozess des Alterns bislang meist bestimmt?

Aber was heißt schon alt? In einer hybriden Gesellschaft zerfließen alle Grenzen, auch jene zwischen den Altersgruppen, alles geht ineinander über – auch die einzelnen Lebens-Alter. Bisher galt in der Entwicklungs-Psychologie die lineare Dramaturgie: Kindheit – Jugend – Erwachsenenalter – Alter. Das biografische Script der Zukunft kann man in 5 Lebensabschnitte einteilen (©ZTB Zukunftsbüro):

  • Kindheit/Jugend (0-25 Jahre)
  • Postadoleszenz/Early Adults (26-44 Jahre)
  • Reife Erwachsene (45-59 Jahre)
  • Ältere Erwachsene (60-74 Jahre)
  • Alter/Ruhestand (75+).

Diese Abschnitte überlappen sich natürlich teilweise – das Leben in der Postmoderne erfordert von Jung wie Alt eine erhöhte Anpassungsleistung („Lebenslanges Lernen“) und bietet dafür aber auch mehr gestalterische Optionen – und das immer stärker auch unabhängig vom biologischen Alter.

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Erfinde dich neu. Die Selbstverwirklichung – jenseits der biologischen Grenzen, individuellen Verletzlichkeit und tradierten Vorstellungen – ist das Leitmotiv der ergrauenden Baby Boomer. Sie wollen ihre Rolle auch in späten Jahren selbstbewusst und aktiv gestalten. Nicht mehr die Jungen sind künftig die Treiber von Innovation, sondern die Älteren – nicht nur als Empfänger, sondern auch als Absender.

Damit die Silver Ager möglichst lange gestaltend am Leben in Wirtschaft und Gesellschaft teilhaben, müssen sie ihre Fähigkeiten in drei Bereichen laufend updaten:

  • Know-How: die Älteren haben den Jungen zwar eines voraus: Erfahrungs- und Prozess-Wissen, dennoch bleibt Lebenslanges Lernen ebenso ein Pfeiler aktiven Alterns wie körperliche Zukunfts-Fitness
  • Soziale Kompetenz: das soziale Kapital ist eine der stärksten Ressourcen der Alten, ob bei bürgerschaftlichem Engagement, Ehrenamt oder innerhalb ihrer sozialen Gemeinschaften/Familien
  • Technologische Kompetenz: die Best Ager hinken hier naturgemäß den Digital Natives hinterher, aber auch sie wollen mitmischen in der Digital-Moderne: bei den über 65-Jährigen sind heute 71% online, davon immerhin 24% mobil (Quelle: A1). Technologische Kompetenz bedeutet nicht nur, mit dem Enkelsohn in Sydney via Skype zu kommunizieren, sondern auch neue Technologien im Beruf effizient einzusetzen. Digitalisierung und High-Tech-Assistenz erhöhen die Lebensqualität der Älteren.

Eines ist klar: die Silver Ager werden künftig bis ca. 70 Jahre arbeiten. Die einen wollen, die anderen müssen. Bei steigender Lebenserwartung und angesichts des demografischen Engpasses gilt es, das Gold in den Köpfen der Älteren zu heben und ihre Ressourcen zum Wohl von Wirtschaft und Gesellschaft anzuzapfen.

Vorbei die Kränkung des Golden Handshake mit 55, die Zukunft der Arbeitswelt gehört mit den Silver Workern. Bereits heute werden in weitsichtigen Unternehmens-Kulturen Arbeitsmodelle erprobt, die einen Know-how-Transfer zwischen Alt und Jugend ermöglichen (Tandem-Modelle, Senior Experten-Pools), Firmen wie Daimler, Bosch u.a. setzen ehemalige (pensionierte) Arbeitnehmer für spezielle Einsätze im In- und Ausland ein.

Das Schöne am Altern von morgen ist seine potentielle Vielfalt. Die traditionellen Alten werden auch künftig ihre Komfortzone genießen, die Spas und Golfplätze und Enkelgeburtstage. Die Silver Performer jagen mit ihren Self Tracking-Apps, Vitaminpillen und Bikes die Bergtrails hoch, die Rebellen unter den Silver Agern wiederum erfinden sich auch im vierten Lebensabschnitt neu – als Entrepreneure, im bürgerschaftlichen Engagement oder im Co-Housing, intergenerativen Wohnprojekten. Aus den Grufties und Kompostis von gestern werden Musterbrecher von morgen, die die Spielregeln neu festlegen.

Andreas Reiter hielt vor kurzem bei einer Enquete des Landes Tirols einen Vortrag über die Best Ager in der Digital-Moderne.

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Nature goes Urban, Urban goes Nature

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Alles fließt, alles wird hybride. Gewohnte Gegensätze lösen sich auf, Grenzen verschwimmen – zwischen Stadt und Land, Zentrum und Peripherie, Arbeit und Freizeit, Öffentlichkeit und Privatheit.

Stadt und Land sind längst kein Gegensatz mehr, auch auf Grund der rasanten Urbanisierung: 2030 leben weltweit 61% der Menschen in Städten, in den Industrieländern sind es heute schon über zwei Drittel. Der Stadtplaner Thomas Sieverts hat dieses diffuse Etwas auf den Begriff der „Zwischenstadt“ gebracht und spricht von einer „verstädterten Landschaft, verlandschafteten Stadt“. Es wachsen aber nicht nur Lebensräume zusammen (ästhetisch wie funktionell) – sondern auch die Lebensstile der Stadt- und Landbewohner. In einer globalisierten Medienwelt werden ja alle von denselben Leit-Bildern beeinflusst, von Instagram und Facebook, von schwachsinnigen Vorabendserien und stromlinienförmigen Events.

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Alles fließt ineinander – in dieser „flüssigen Moderne“ (Zygmunt Bauman) erodieren Identitäten und tradierte Lebensmuster. Urbane Hotel-Konzepte mischen alpine Destinationen auf (aus Mama Shelter wird Mama Thresl), futuristische Architektur (wie etwa Norman Fosters Chesa Futura in St. Moritz oder das neue Messner Mountain Museum am Kronplatz) perforieren die ländliche Postkarten-Idylle. Trendsportarten wandern von der Stadt ins Land (z.B. High Lining) und andere (z.B. Urban Climbing) wiederum von dort in die Stadt.

 Der Lifestyle-Transfer zwischen Stadt und Land scheint mir vor allem für den städtischen Raum mehr Gewinn zu bringen als umgekehrt. Nature goes urban. Städte werden grüner – ob vertikale Gärten oder Roof Farming, ob Urban Gardening oder Nachbarschaftsgärten in Wohnsiedlungen, es entstehen zahlreiche innerstädtische Grünflächen und erlebnisorientierte Freizeitareale am Wasser. Grüne Symbol-Architektur – z.B. die begrünte High Lane (ehemalige Hochbahn) in New York, die Mountain Dwellings in Kopenhagen u.a. – unterstreicht den ökologischen Umbau vieler Städte.

Weltweit findet in Städten derzeit ein grüner Relaunch statt – kein Wunder, in den Metropolen entstehen ja auch die größten Probleme, die gelöst sein wollen (Kampf um knappe Ressourcen wie Raum und Energie; Verkehrskollaps, soziale Segmentierung usf.). Die „balanced city“ ist das städtische Leitmodell der Zukunft, die Stadt im Gleichgewicht: zwischen Urbanität und Natur, Smart Living und naturnahen Begegnungsräumen. Städte werden langsamer (die Walkable City ist nicht umsonst ein Leitbegriff der Urbanistik) und sie werden entspannter.

Timothy Stephens, stuben21_Dieser Werte-Transfer hin zum Slow Living schlägt sich natürlich auch im Interior-Design nieder: ob Naturmaterialien wie Holz und Stein, ob Pflanzen-Tapeten in Büros oder Eco-Design – die Renaturierung der urbanen (Lebens-)Räume schreitet voran. Kein Zufall, dass die Wiener Möbel-Manufaktur stuben21 ihr erfolgreiches Design-Konzept der Stube auch in die Metropolen bringt und für ein Town House in London Urban Chalets komponierte – hybrider Lifestyle at its best.

Man kann diese Osmose zwischen städtischem und ländlichem Lebensstil kritisch sehen (Wo bleibt die eigene Identität?), man kann aber auch eine gestalterische Kraft hinter hybriden Lebensformen sehen. In einer flüssigen Gesellschaft nimmt eben nicht nur die Unverbindlichkeit zu, es potenzieren sich auch die Möglichkeiten, die eigene Identität zu gestalten.

Dass das ländliche Leben in der beschleunigten Digital-Moderne mehr denn je eine Sogwirkung auf Städter hat, liegt auf der Hand. Der ländliche Werteraum (Tradition, Verankerung, Sicherheit usf.) ist ein ideales Schutzschild vor den Einschlägen der Digital-Moderne mit ihren systemischen Risiken. Hier die Langsamkeit und bedächtiges Wachstum, dort rasante Veränderung und Disruptionen.

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Insbesondere die Natur wird in einer urbanisierten Welt zur Ersatzreligion, zum temporären Fluchtort für

  • Premium-Aussteiger, die sich das Zweitleben auf dem Land leisten können und ihren städtischen Lifestyle ins Grüne transferieren
  • temporäre Aussteiger (=Touristen), deren ungestillte Sehnsüchte sie in die „unberührte“ Natur führen.

Die Natur ist eine geduldige Folie für Antizivilisations-Mythen und damit eine Bühne für die eigene Selbstverwirklichung, für die Sehnsucht nach dem guten Leben. „Das Naturschöne ist dem Digitalschönen entgegengesetzt“, so der Philosoph Byung-Chul Han. Oder, um es mit einem Werbeclaim (Outdoor-Ausrüster Schöffel) zu sagen: Ich bin raus.

julius_bärDieser Beitrag fasst die Statements von Andreas Reiter beim Wiener Stubengespräch „Urban Chalet“ zusammen, vor kurzem veranstaltet von der Bank Julius Bär und der Möbel-Manufaktur stuben21

 

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Transit City: Die Stadt als Warteraum für eine bessere Zukunft

mquadrat_01Städte sind Zukunftslabors, in denen die Zukunft jeden Tag von neuem entsteht – in den Hinterhöfen und Kreativ-Hubs, in Science Labs und an verschmierten Graffiti-Wänden. Von allen Treibern der städtischen Transformation – gesellschaftlicher Wandel, Interkonnektivität, Standort-Wettbewerb und Better Life – halte ich den sozialen Aspekt für den wichtigsten.

Die Smart City (die vernetzte Stadt, in der alles mit allem interagiert) mag das Gewebe der Stadt verändern, ihre Nervenbahnen und Mobilitätsketten. Die sozialen Umbrüche – derzeit durch die Flüchtlingswellen verstärkt – verändern jedoch die europäische Stadt in ihrer DNA und in ihrem kulturellen Selbstverständnis.

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Städte sind Soziotope und der globale Mensch ist ein Nomade – immer im Transit. Die Flexibilisierung der Lebensstile – beschleunigte Lebenszyklen, serielle Monogamie in Job- und Privatleben (die Millennials wechseln alle 18 Monate ihren Job und somit potentiell auch ihren Wohnort) – erfordert von Organisationen und Individuen eine hohe Fluidität. „Gelungenes Leben besteht in gelungenen Umzügen“, doziert der Philosoph Peter Sloterdijk (der selbst Jahraus, Jahrein auf seinem Fahrrad durch Karlsruhe ins Büro radelt).

m_crowdDas Provisorische wird zur Konstante, die Pop-up-Semantik zur alltäglichen Vertrautheit. Für immer mehr Menschen werden die Zwischenräume zu Oasen ihres nomadischen Lebens, die Bahnhöfe und U-Bahn-Stationen, die Airport-Lounges und Straßencafés, in denen man sich kurz auflädt und Freunde trifft – die digitalen Oasen auf Instagram & Co verstärken die Sehnsucht nach physischen Kommunikations-Räumen und haptischen Erlebnissen.

Alles fließt (wenn man nicht gerade im Stau steckt), alles ist im Transit. Auch unsere sozialen Beziehungen werden vielfältiger und volatiler. So lebt in den OECD-Ländern jedes

  • zehnte Kind in einer Patchwork-Familie
  • siebte Kind in einem Alleinerzieher-Haushalt
  • 15. Kind bei seinen Großeltern.

Immer kleinere Haushalte und immer größere Wohnflächen (2030 sind es in Deutschland 47 m² pro Kopf) sind die Folge, immer neue Mobilitätslinien durchziehen die Stadt-Regionen.

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Die großen Game Changer der städtischen Transformation aber sind die Migranten. Ein Drittel der Menschheit zieht es weltweit vom Land in die Stadt, meist in die großen Ballungsräume, die mit ihrer „Agglomerations-Ökonomie“ eines versprechen: Jobs, Jobs, Jobs. 214 Millionen Migranten sind derzeit weltweit unterwegs, 117 Millionen Menschen im OECD-Raum wurden im Ausland geboren (und wir reden da noch nicht von den aktuellen Flüchtlingen!).

20,3% der Bevölkerung in Deutschland haben einen Migrationshintergrund, in vielen Städten – und nicht nur in den großen Metropolen – sind es deutlich mehr. So leben etwa in Mannheim bereits heute 38% Menschen mit Migrationshintergrund (die Stadt hat übrigens ein vorbildliches kulturelles Diversity-Management). Der Gastarbeiter von einst sollte kommen und wieder gehen – der von heute bleibt und wird zum Akteur der Stadt-Gesellschaft.

Die Stadt als „Arrival City“, wie sie Doug Sanders nennt, ist nichts als ein riesiger, chaotischer Warteraum auf eine bessere Zukunft. Und in diesen Transitraum drängen nun vehement die Flüchtlinge:

  • 60 Millionen Flüchtlinge sind es weltweit (2014)
  • 800.000 Asylsuchende werden in diesem Jahr für Deutschland, 80.000 für Österreich prognostiziert.

refugee_2Diese – in ihrer Wucht unerwarteten – Flüchtlingsströme erfordern nicht nur Mitgefühl und humanitäre Erstversorgung, sondern ein nachhaltiges strategisches Migrations-Management. Denn die Ressourcen sind in vielfacher Hinsicht begrenzt (der Bedarf an jungen, qualifizierten Migranten jedoch ist da), Kommunen sind überfordert. So kämpfen etwa die Asylsuchenden künftig mit anderen Anspruchsgruppen (sozial Schwache, Studenten etc.) um den ohnehin knappen leistbaren Wohnraum. Hier nicht nur Containerbauten und modulare, sondern nachhaltige Wohnräume zu entwickeln, ist eine der Herausforderungen. Deutschland braucht, so eine aktuelle Studie des Prestel-Instituts, bis 2020 mindestens 400.000 neue Wohnungen pro Jahr (davon 80.000 Sozialwohnungen).

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Die Flüchtlinge sind Teil einer Mega-Transformation hin zur kulturellen Diversität Europas, die strategisch gesteuert sein will. Faire Verteilung innerhalb der EU, rasche Integration der Flüchtlinge in Schule und Erwerbstätigkeit, schnelle Anerkennung von Bildungsabschlüssen (Migrationspolitik ist auch Talente-Marketing und nicht nur Humanitas). Auch sollten Flüchtlinge primär nach Job-Kriterien und nicht auf Grund von kostengünstigem Wohnraum angesiedelt werden, also an Industrie-Standorten bzw. auch in touristischen Destinationen, wo händeringend nach Arbeitskräften gesucht wird. Natürlich gibt es auf diesem Weg zur Integration eine Menge an Problemen (abgesehen von unappetitlichen rechtspopulistischen Rülpsern). Den – ernst zu nehmenden – Ängsten in Teilen der Bevölkerung, die sich überrannt fühlen, muss die Politik mit einer europäischen Gesamtstrategie und umsichtigen Kommunikation begegnen.

CIMG2515In einer globalen Gesellschaft aber – und das muss gelernt werden – sichert kulturelle Diversität unser aller Zukunft: „Moderne Gesellschaften beruhen nicht auf Solidarität, die aus Ähnlichkeit erwächst, sondern auf Solidarität, die auf Verschiedenheit und gegenseitiger Abhängigkeit fußt“ (Bertelsmann-Stiftung).

Andreas Reiter hielt vor kurzem einen Vortrag in Stuttgart auf der Jahrestagung des Deutschen Verbandes für Wohnungswesen, Städtebau und Raumordnung über die Stadt im Umbruch.

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Interview Andreas Reiter zum Thema Wohnen in Wien: http://www.wienerzeitung.at/nachrichten/oesterreich/chronik/?em_cnt=788213&em_cnt_page=2

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