Das gute Leben

Micro Hubs: die Rückkehr zum menschlichen Maß

Es wird wieder so sein wie früher, glauben die einen. Es wird alles ganz anders, sagen die anderen. Die postpandemische Zukunft mit all ihren porösen Möglichkeiten hat gerade begonnen. Dabei haben wir kein Dashboard zur Hand, es gibt schließlich „keine Fakten über die Zukunft“ (Jens Beckert), nur Fiktionen und Vorstellungen darüber, wie wir morgen leben wollen.

In den letzten zwei Jahren hatten wir alle mehr Zeit zur Reflexion und zur Innenschau. Bedürfnisse und Lebensstile wurden hinterfragt, gesellschaftliche Themen (soziale Erosionen, Gender, Fair Pay etc.) drängten an die Oberfläche, Arbeits- und Wachstumsmodelle kamen auf den Prüfstand. Noch nie wechselten so viele Leute ihren (offenbar unbefriedigenden) Job oder veränderten ihr Arbeitsleben (z.B. 4 Tage-Woche, multilokales Arbeiten usf.). Die eigene und kollektive Verwundbarkeit verstärkte die Suchbewegungen nach dem guten Leben und intensivierte neue Lösungen, um Menschen und Ressourcen, Planet und Profit besser in Einklang zu bringen. „Vulnerability is the birthplace of innovation, creativity and change“ (Brené Brown).

Wir haben in der Pandemie gemerkt, wie interdependent unsere Gesellschaft ist: das Tun des Einen wirkt sich auf das Verhalten der Anderen aus und umgekehrt. Nähe und Distanz mussten immer wieder neu vermessen, das Verhältnis des Einzelnen zur Masse neu austariert werden. Es ist kein Zufall, dass wir seither einen Boom an (vernetzten, smarten) Mikro-Formaten erleben:

  • Mikro-Abenteuer triggern die Sehnsucht der Konsument:innen nach schnellen Fluchten und Prestige-Angeboten, vom Glamping auf dem Dach eines 5-Sterne-Hotels über das Survival Camp bis zum nächtlichen Zelten mit den Kindern im Stadtwald.
  • Mikro-Mobilität, logistische Micro Hubs (Service- und Abholstationen) und Micro Forests sind aus effizienten Smart Cities und einem guten Stadtleben nicht mehr wegzudenken.
  • Micro Communities: die Zeit des großen, allumfassenden Rauschens, des Broad Castings ist längst vorbei. Narrow Casting, qualitätsvoller Nischen-Content bestimmen das digitale Zeitalter, das Brand Building auf den Social Media-Kanälen stärkt individuelle Communities und Micro-Influencer, die „nahe dran“ sind an Marke und Menschen.
    Der britische Psychologe Robin Dunbar hat nachgewiesen, dass Menschen kognitiv nur zu einer begrenzten Zahl von Menschen (max. 250 Personen) erfüllende soziale Beziehungen unterhalten können. Etliche Unternehmen wie z.B. der holländische Finanzdienstleister ING orientieren sich an dieser „Dunbar-Zahl“ bei ihrer internen Organisation.
  • Micro Volunteering revolutioniert das Ehrenamt. So setzt etwa der Alpenverein Freiwillige (die sonst nur noch schwer zu bekommen sind) für einzelne, zeitlich begrenzte Projekte ein.
  • Mikro-Apartments sind ein Wohn-Trend in (nicht nur asiatischen, sondern immer mehr auch europäischen) Großstädten. Explodierende Wohnungspreise und agile Lebensformen machen diese Mini-Module (im Verbund mit begleitenden Services vor Ort) für Zielgruppen wie Studierende, Singles, Geschäftsleute u.a. interessant.

Ob Tiny House oder 15 Minuten-Stadt, ob frugale Innovation (kapitalschonende, vereinfachende Lösungen für kostensensible Zielgruppen) oder postpandemische Messe- oder Kongress-Events – viele Formate werden kleinteiliger, einfacher, überschaubarer. Und (dank smarter Vernetzung) hyperlokal.

Handelt es sich hier um Postwachstums-Phänomene, um ein Gesundschrumpfen auf das menschliche Maß („Small is beautiful“)? Um biedermeierlichen Eskapismus? Oder fehlt der Gesellschaft schlichtweg die Kraft für den großen Wurf, für das Verwegene und Außergewöhnliche? Von allem etwas.

Zum einen gehen Nutzer:innen zunehmend verantwortungsvoll mit (eigenen wie kollektiven) Ressourcen um. Sie hinterfragen – ein Learning der Pandemie – ihre Bedürfnisse genauer und gleichen diese mit den (ökologischen, sozialen etc.) Auswirkungen auf ihre Umwelt ab. Ein achtsamer Pragmatismus entsteht: Regeneratives Denken verschränkt sich mit (smarter) Convenience, der Instant-Zugang zu Leistungen ist wichtiger als der physische Besitz, Gebrauch ist der neue Verbrauch.

Zum andern bietet die neue Kleinteiligkeit eine wohltuende Überschaubarkeit. Dezentrale Micro Hubs, ob zum Leben oder zum Arbeiten oder zur touristischen Nutzung… eingebettet in agile Netzwerke. Fragmentierte Gesamtlösungen. Die Alberghi Diffusi in Italien machen es wunderbar vor: einzelne revitalisierte touristische Apartements in Dörfern werden zu einem virtuellen Hotel vernetzt. Die Uffizien setzen nach mit dem Projekt „Uffizi Difusi„, bei dem einzelne Kunstwerke dezentral über die Toskana verstreut und lokal ausgestellt werden.

In der Digitalen Moderne, in der unser Leben zunehmend in virtuelle Welten und demnächst rasant in das Metaverse diffundiert, suchen Menschen mehr denn je (physische) Nähe, Vertrauen, Wir-Gefühl. Räume der Resonanz und Identifikation. Die eigene kleine Welt, die dezentrale Einheit enthält dieses Versprechen.

Es geht dabei keinesfalls um Verzwergung oder Abschottung, sondern um Kollaboration und Interaktion. Um Selbstwirksamkeit in flüssigen Ökosystemen. Nur wenn wir das Kleine ins Große denken und umgekehrt, wenn wir das Hyperlokale mit dem Globalen und das Analoge mit dem Virtuellen verschränken, machen wir unsere Welt zukunftsrobust. Das erfordert von uns allen eine hohe systemische Intelligenz.

2 Kommentare zu “Micro Hubs: die Rückkehr zum menschlichen Maß

  1. Hervorragend zusammengefasst, was da alles niedergerissen, aufgebrochen und durch notwendiges Improvisieren entstanden ist.

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