Urban Branding ist tot. Unsinn – es haben sich nur die Instrumente und Narrative verschoben, schließlich gilt es Städte inmitten vielfacher Umbrüche resilient zu machen und gleichzeitig zu attraktivieren.
Urban Branding verläuft in Wellen: in den Nullerjahren war es noch die Kreativ-Wirtschaft, mit der Städte um Aufmerksamkeit buhlten und ihre kreativen Wunderwuzzis und Standorte in Szene setzten. Es war die Blütezeit der Kulturszenen und ihrer gebauten Visitenkarten: der Museen, Theater und Opernhäuser, die das ikonografische Stadtmarketing befeuerten (ein Wettbewerb, der jetzt noch im arabischen Raum geführt wird, wo futuristische Kunstbauten das Nation Building autoritärer Staaten bebildern.) Bei uns in Europa hat sich jedoch der Wind gedreht – Kontext, Bedeutung und Funktionalität Dritter Orte haben sich stark verändert.

Es genügt heute nicht mehr, atemberaubende Landmarks (wie etwa die Elphi in Hamburg) als Attraktionspunkte und Frequenzbringer zu platzieren. Im urbanen Place Making geht es darum, Orte bedeutsam, niedrigschwellig und inklusiv zu gestalten – als verbindende Resonanzorte für Stadtgesellschaft wie für Besucher:innen (Opern, Museen & Co. hingegen sind kostenpflichtig und damit exklusiv). In einer digitalen Gesellschaft, in der sich städtische Bewegungsmuster und Rituale verändern, braucht es mehr denn je physische Ankerorte. Es braucht reale Umschlagplätze von Menschen, Informationen und Emotionen. Jenseits von Gym und Gastro. Begegnungsorte, die temporäre Gemeinschaften entstehen lassen, gemeinsame Geschichten und damit Zugehörigkeit. Wenn diese Orte dann auch noch architektonisch zum Staunen bringen und Symbole der Identifikation werden – umso besser.

Ein Zukunfts-Ort, der diese multiplen Erwartungen verkörpert, der Serotonin und Dopamin verbindet, das stille Glück ebenso wie die kühne Überraschung, ist: die (neue) Stadt-Bibliothek. Diese neue Generation der Bibliotheken ist gewissermaßen das Schweizermesser unter den Attraktionspunkten. Kein stilles Örtchen, sondern ein lebendiges Multitool: es bündelt soziale Infrastrukturen, ist Medien-, Bildungs- und Kulturmaschine, Spiel- und Werkstätte, Co-Working Space und Gastrotreff und zudem häufig auch ein touristischer Magnet.

In europäischen Städten versteht man immer mehr, dass derart hybride Flagships nicht nur ideale Bühnen für Marken-Geschichten bieten, sondern vor allem die Stadtidentität festigen und die weak ties stärken, die ja für das soziale Glück besonders wichtig sind.

Den Boden für diese städtischen Kraftorte haben zweifellos das DOKK1 in Aarhus und das Oodi in Helsinki (2,7 Mio. Besuche in 2025) bereitet, aber auch andere Bibliotheken etwa in Gent, Birmingham, Stuttgart oder (deutlich kleiner) Jena sind Beispiele herausragender Programmatik und (innen-) architektonischer Gestaltung. Es sind neue Spielorte der Stadtgesellschaft.
Der Multi Use-Charakter dieser jungen Bibliotheks-Generation bildet die diverse Stadtgesellschaft mit ihren komplexen Anforderungen an urbane Orte ab. Es sind Bürgerhauser mit Service-Charakter und verbindlichen Ritualen für die Bewohner:innen, im DOKK1 läutet gar ein Gong, wenn ein neues Menschenkind in Aarhus geboren wird. Kluges Stadt-Management nutzt diese Hubs als Treiber der Quartiersentwicklung und natürlich auch als Trigger für mediale Aufmerksamkeit. Ikonenstatus freilich entsteht erst durch freudige Nutzung dieser Einrichtungen.

Sie alle sind Orte der persönlichen Entfaltung – egal ob Ältere digitale Kurse besuchen, migrantische Jugendliche Zugang zu neuen Medien finden, im Werkraum an 3D-Objekten basteln, Eltern mit ihren Kindern am Indoor-Spielplatz rumkullern wie im Oodi, oder Teenager in einer eigenen Lounge-Area abhängen wie in Aarhus (Dokk1).

Was macht nun eine Stadt-Bibliothek zu einem urbanen Hotspot? Zu einem Zukunftsort? – noch dazu, wo dieser ja ursprünglich ein heute totgesagtes Medium ausstellte: das Buch.
Einige Erfolgsbausteine (auch jenseits der Metropolen):
- Bibliotheken haben sich aus der Opferrolle (Disruption der Lesekultur) herausgeholt und zum handelnden Akteur in der Wissensgesellschaft gemacht. Als inklusive Orte gestalten sie die Beziehung Mensch-Medien-Mensch neu und ziehen mit attraktiven Angeboten auch jenseits des Buchs viele Leute an. Diese haben das Gefühl: hier wird Zukunft gemacht, und ich bin ein Teil davon.
- Bibliotheken führen zusammen, was zusammengehört: Purpose & Pleasure, das Ich & das Wir, Konzentration & Unterhaltung, Spiel und Werkeln, Genuss und Wissen. In Gent beherbergt die Stadt-Bibliothek ein Forschungszentrum für Nanoelektronik und Digitaltechnik, im gerade entstehenden „Haus des Wissens“ in Bochum ist die Volkshochschule ebenso integriert wie eine Markthalle, die UniverCity und ein Dachgarten zum Relaxen. Blended Living – zukunftsfeste Lebens- und Arbeitsbereiche müssen strategisch klug miteinander verschränkt werden.
- Nicht das Marketing steht im Vordergrund, sondern das Management von Beziehungen. Städte, die im Standort-Wettbewerb erfolgreich sein wollen, nutzen Wissens-Orte in der Breite und Spitze, attraktivieren sie und vernetzen sie Impactstark mit Wirtschaft und Gesellschaft.

Glücklich eine Stadt, die solche leichten, unbeschwerten Orte mit Tiefgang hat. Einem Handy-Display gleich begeht man sie und hüpft gespannt von einem Feature zum nächsten.
DOKK1, Aarhus https://dokk1.dk/english
Oodi, Helsinki https://oodihelsinki.fi/en/
Stadtbibliothek Stuttgart https://stadtbibliothek-stuttgart.de/
Stadtbibliothek Jena https://www.stadtbibliothek-jena.de/
In progress: Haus des Wissens, Bochum https://www.bochum.de/Haus-des-Wissens

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