Life Science – wie der Mensch die Evolution austrickst

Uns Menschen zeichnet die Fähigkeit zur Problemlösung aus. Wir erfinden den Feuerstein, um uns zu wärmen, die Eisenbahn, um uns fortzubewegen, das Internet, um über jegliche Entfernung hinweg in Echtzeit miteinander zu kommunizieren, die Nanobeschichtung, um unsere Brillengläser kratzfest zu machen usf.

Die Kehrseite dieser Kreativität ist aber, dass der Mensch auch immer wieder seine Erfindungen gegen andere – und letztlich auch gegen sich selbst richtet. Zerstörung ist ein Kollateralschaden der menschlichen Kreativität. Das ist bedauernswert. Systemisch gesehen ist aber jede Zerstörung indirekt eingebaut in den Bauplan der Evolution und führt damit zur nächsten Stufe der Entwicklung – eine neue, rettende Idee lässt ja meist nicht lange auf sich warten.

Dank technologischer und medizinischer Erfindungen haben sich die Lebensumstände auf Erden in den letzten Jahrzehnten deutlich verbessert. Die Lebenserwartung steigt, der Lebensstandard steigt, Parameter wie Gesundheit, Hygiene, Infrastruktur usf. wurden stark verbessert, vor allem in den Entwicklungsländern. Mehr Menschen denn je haben Zugang zu Wissen, haben Arbeit, von der sie und ihre Familien leben können – wenngleich immer noch über 900 Millionen Menschen weltweit hungern müssen. Der Anteil der Armen hat sich, laut Weltbank, in den letzten zwanzig Jahren jedoch weltweit halbiert. Technologische Innovationen tragen zu einer höheren Lebensqualität bei, gerade in Schwellenländern, etwa durch grüne Gentechnologie oder durch leistbare Generika.

Dennoch sind radikale Technologien oft heftig umstritten. Das 21. Jahrhundert wird das Jahrhundert der großen Ethik-Debatten sein – also die Frage, was darf der Mensch umsetzen von den molekularbiologischen und technologischen Möglichkeiten, egal ob es dabei um künstliche Intelligenz geht, um die Maschinen-Menschen, die der IT-Vordenker Ray Kurzweil für das Ende des Jahrhunderts prognostiziert, oder um Tissue Engineering, wo Gentechniker am Menschen Zellen entnehmen, um kranke Gewebe zu ersetzen. Wissenschaftliche Experimente sind immer auch ein Grenzgang zwischen Demut und Allmachtsphantasien. Gefährlich wird es dann, wenn Menschen Gott spielen und die Evolution austricksen, wenn sie die Materie überwinden wollen und mit ihren Technologien die Würde des Menschen attackieren.

Letztlich aber ist der Weg zu einer Verschmelzung von Mensch und Chip vorgezeichnet. Chips, die in die Haut implantiert sind, gibt es ja schon länger. Ein Beach Club in Barcelona hat schon seit einigen Jahren einen in die Haut implementierten Chip als Mitgliedsausweis für seine VIP-Kunden im Angebot – ein hübsches Image-Tool für die Happy Few. Vor kurzem infizierte ein britischer Wissenschaftler einen Funk-Chip, der in seine Hand eingesetzt war, mit einem Computervirus. Dieser Selbstversuch sollte die Auswirkungen von Computerimplantaten erforschen. Wer weiß, wie viele Funkchips auf zwei Beinen durch eine Großstadt wie Seoul laufen.

Wann übernehmen die Chips? Angesichts der exponentiellen Beschleunigung der Rechnerleistung, bekannt als Moor’sches Gesetz, könnten manche Science-Fiction-Visionen in diesem Jahrhundert noch wahr werden. Der amerikanische Robotik-Experte Hans Moravec träumt ja schon seit seiner Geburt davon, dass die Roboter die Menschen beerben, für die meisten von uns ein Alptraum, für ihn so was wie ein feuchter Traum. Pioniere der künstlichen Intelligenz wie Ray Kurzweil glauben, dass irgendwann intelligente Maschinen für sich beanspruchen, Menschen zu sein. Werden die durch Software designten Menschen dann die selben Rechte haben wie wir heute, werden sie zur Wahl gehen, Steuern zahlen?

Entscheidend für die weitere Entwicklung der künstlichen Intelligenz ist deren Akzeptanz bei den Menschen. Je greifbarer der konkrete Nutzen der Technologie ist, desto rasanter wird sich die künstliche Intelligenz entwickeln. Wenn Industrie-Roboter Bomben entschärfen oder Giftmüll-Halden entsorgen, findet das wohl jeder Mensch gut. Oder denken wir an die niedlichen Putzroboter, die es für ein paar Hundert Euro im Elektrohandel gibt. Nie mehr wieder selbst Staubsaugen oder Rasenmähen – da leuchten bei vielen die Augen. In diesen Service-Robotern, es gibt ja heute schon knapp an die tausend Typen davon, liegt ein Stück Zukunft, ihr Nutzen ist augenscheinlich.

Das ist ja das Zwiespältige an der Technologie – sie ist ein Werkzeug, das uns ebenso nutzen wie uns schaden oder gar vernichten kann. Nichts was undenkbar ist, bleibt ungeschehen. Alles ist möglich. Die Extropianer, die sich selbst als „Utopisten im  amerikanischen High-Tech-Underground“ bezeichnen, sind ja fest davon überzeugt, dass sich der Mensch zum Cyborg entwickelt, mit programmierbarer Neurochemie. Sie wollen die Sterblichkeit austricksen, streben die ewige Jugend an, die algorithmische Perfektion. Solche Visionen kann man sich ja aussuchen, seine Verwandschaft zum Glück noch nicht. Es reicht, wenn sich Techno-Freaks nette digitale Haustiere halten, wie es in Urzeiten das Tamagotchi war oder von der Couch aus ihren Putzrobotern beim Arbeiten zuschauen. Das sollte es dann aber auch gewesen sein. Die spannendste Kreation auf Erden ist ja immer noch der Mensch, und der sorgt für genug Überraschungen.

Alles ist mit allem verwoben, die Natur wird technischer, die Technik natürlicher. Immer mehr Innovationen in der Industrie, etwa bei Flugzeugen oder Autos, aber auch in der Medizintechnologie, sind von der Natur inspiriert. So führen etwa Bio-Prothesen (der menschlichen Biologie nachempfunden) zu einer Gewebezucht, mit der neue Gelenke implantiert werden können, ohne dass diese abgestoßen werden.

Nicht nur in der Bionik sind Menschen und Maschinen stärker von einander abhängig. Die Maschine funktioniert ohne Stimmungsschwankungen, ist für den kontinuierlichen Output verlässlicher (nur Fehler machen sie menschlicher). Den Menschen wiederum zeichnet seine Kreativität aus, seine reichhaltige Gefühlswelt, seine Empathie für andere. Und Sex mit Menschen macht ja auch mehr Spaß als mit einer Maschine, oder?

Dieser Text ist die Zusammenfassung eines Interviews mit Andreas Reiter im neuen Magazin „2012. Das vielleicht letzte Magazin der Welt“ mit dem Thema „Die gefährlichste Waffe der Welt: das Gehirn“.

http://www.2012.at

Dieser Beitrag wurde unter Gesellschaftlicher Wandel, Innovation, Smart World abgelegt und mit verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s