Das gute Leben

Das Immunsystem unserer Gesellschaft ist in Umbruchzeiten besonders angegriffen. Die fundamentale Identitäts- und Strukturkrise der letzten Jahre führt zu allgemeiner Verunsicherung. Der Hunger nach Orientierung und Lebenssinn wächst.

Produkte und Dienstleistungen, die Orientierung anbieten, den eigenen Horizont erweitern und Identitäten stärken, werden vermehrt nachgefragt. Die Krise des Eis ist bekanntlich die Chance des Kückens. Wer bin ich, wohin gehe ich? Eine existentielle Frage, auf die Menschen vor allem in der Frei-Zeit und somit gerade auch im Urlaub eine Antwort suchen. Denn nur dort haben sie die Zeit-Hoheit über sich selbst, können also in Ruhe nachdenken über die Dinge, die sie wirklich bewegen.

Freizeit-Angebote müssen nicht nur Fun und Genuss bieten, sondern auch Orientierung und Grenzgänge vermitteln. Die Welle der Sinnsuche schlägt – wir postulieren es bekanntlich schon länger – nun immer stärker auch im Tourismus auf (die Basics im Angebot – Genuss, Verwöhnung, ein dichtes Portfolio zwischen Adrenalin und Chillout – müssen ohnehin erfüllt sein). Aufgeweicht durch die Wellness-Treatments in den Spas geht der Gast nun einen Schritt weiter – nämlich hin zu sich selbst.

Die operativen Linien zwischen Kreativ- und Freizeitwirtschaft werden neu gezogen, neue Spielräume entstehen. Es geht dabei aber nicht primär um Kultur-Genuss – dieser ist ja ohnehin ein Asset insbesondere des österreichischen Tourismus (man positioniert sich ja als „inspirierendes Urlaubsland“), wo auch abseits der großen Festivals Gefühle und Gedanken bewegt werden, von Grafenegg bis hin zur Literatour am Achsensee.

Nein, es geht vor allem um den Austausch mit anderen, um neue Erfahrungen und Lösungsansätze, die man in seinen Alltag mitnimmt, es geht um Inspiration eben und deren Übersetzung in neue Formate.  Die Mode-Industrie hat es schon länger vorgelebt, Labels wie Louis Vuitton und Prada laden sich und ihre Flagship-Stores mit Kunst auf, als Medikament gegen das Sinn-Defizit, als Kompass für eine orientierungslose Klientel.

Auch Tourismus-Anbieter werden künftig zentrale Daseins-Fragen in spannenden, überraschenden Erlebnis-Welten für ihre Communities inszenieren müssen.

Es gibt sie, die Pioniere auf der Landkarte der Inspiration. Lech am Arlberg, touristische Premium-Marke, versammelt seit Jahren beim hochwertigen Philosophicum kluge Köpfe, die über zentrale Themen wie z.B. Glück vordenken. Ein mentaler Hochsitz, eine ausbaufähige Wissens-Brand. Stanglwirt Richard Hauser baut gerade in seinem entstehenden „Kitz Country-Club“ (Investitionsvolumen: 50 Millionen Euro) eine Programmschiene „Kitzbüheler Stubengespräche“ auf, bei der sich Manager und Denker über die Zukunft der Region und ihre konkrete Lebenswelt vor Ort austauschen sollen. Prickelndes Kitz statt Altherren-Gelaber in Alpbach!

Einer, der schon vor Jahren erkannt hat, dass kreatives Nichtstun die DNA eines gelungenen Urlaubs ist, tischt in Goldegg (Salzburger Land) nicht nur großartige Gerichte, sondern ebensolche Gesellschaften auf. Sepp Schellhorn hat in seinem Seehof, einem Hidden Place erster Güte, vor kurzem die Idee der Tischgesellschaft recycelt, des Symposiums. „Das gute Leben“ nennt er dieses gemeinsame Kauen, Trinken und Nachdenken über die Zukunft, wo sich Bekannte und Unbekannte, Köpfe und Kreative in „unaufgeregter, unorganisierter Form“ austauschen. Warum sachlich bleiben, wenn es auch menschlich geht, meinte treffend einer der Tischgenossen, André Heller.

Die Gäste von morgen brauchen Inhalte, wissen Susi und Sepp Schellhorn. Die Suhrkamp-Bibliothek für ihre Gäste gehört daher ebenso zum Basis-Inventar des Hauses wie der auf der Terrasse servierte Huchen, begleitet von Eierschwammerln. Als Nachtisch gibt’s das Thomas-Bernhard-Festival, das der Hotelier Mitte September in Goldegg (wo Thomas Bernhard angeblich Aufenthaltsverbot hatte) veranstaltet – mit kantigen Künstlern wie Ben Becker, Nicholas Ofczarek und Tobias Moretti. „Kunst wäscht den Staub des Alltags von der Seele“, wusste schon Pablo Picasso.

Touristiker haben es auf gesättigten Märkten mehr denn je mit hungrigen Seelen zu tun. Ihre Gäste sind Biografie-Bastler, sie suchen Inspiration und – eine verträgliche Dosis – Irritation. New Vibrations eben à la Sepp Schellhorn. Der Touristiker von morgen ist ein DJ, der die Gefühls- und Erlebniswelten seiner Gäste remixt. Und sie dabei wieder zu sich selbst bringt – die Königsdisziplin im Tourismus.

http://www.derseehof.at/

http://www.philosophicum.com/

http://www.kitzbuehel.cc/de/

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