Crowd Sourcing erreicht die Energiewirtschaft

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Wenn ein Begriff unsere Zeit charakterisiert, dann ist es jener der Netzwerke: ob in der Wirtschaft oder in unserem Privatleben. Die Grundmelodie einer Netzwerkkultur – Verbindung von Eigennutzen mit Gemeinschaftsnutzen – bringt neue kooperative Geschäftsmodelle hervor.

In einer Netzwerk-Ökonomie werden aus Wertschöpfungsketten Wertschöpfungsnetze. Kunden und andere Stakeholder (Partner, Lieferanten etc.) werden in Geschäftsprozesse integriert, Produktentwicklung erfolgt zunehmend in Wertschöpfungsnetzen und nicht mehr in hermetischen Ökosystemen. Zum einen hat die Welt eine derart hohe Komplexität erreicht, dass diese nur noch gemeinsam reduziert werden kann. Zum anderen verstärken Netzwerk-Technologien wie das Cloud Computing generell partizipative Entwicklungen.

Neue flüssige Geschäfts-Modelle brechen die Grenzen zwischen Unternehmen und Kunden auf. Die Netzwerk-Wirtschaft erfordert kooperative Organisationen, die ihr soziales Kapital ebenso klug einsetzen wie ihre unternehmerischen Ressourcen. Die vernetzten Märkte werden dynamischer, aber auch fragmentierter. Wo es früher einige große Anbieter gab, treten heute zusätzlich viele kleinere Akteure auf. Immer wieder mischen auch Branchenfremde den Markt auf – so verkaufte jüngst der Lebensmittel-Diskonter Hofer Ökostrom an seine Kunden.

Die Wettbewerbslandschaft wird auch in der Energie-Wirtschaft bunter. Aufgrund des wachsenden Anteils der Erneuerbaren Energien und eines breiteren Energie-Mixes nimmt auch hier die Fragmentierung der Märkte zu.

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Signifikant ist der Trend zur Dezentralisierung im Windschatten der Erneuerbaren Energien. Gemeinden wie Konsumenten streben vermehrt eine Energie-Autarkie an. Konsumenten betreiben ihr eigenes Kraftwerk im Keller, Gewerbebetriebe versorgen sich über Blockheizkraftwerke. In Deutschland, wo die Energiewende von oben durch die (Markt verzerrende) Förderpolitik massiv angeschoben wurde, kontrollieren Bürger inzwischen ca. 40 Prozent der Solar-, Wind- und Biogasanlagen – die großen Energiekonzerne Eon, RWE, Vattenfall und EnBW hingegen halten gemeinsam nur sechs Prozent.

Die Idee der dezentralen Energieversorgung ist nicht neu, es ist das alte Match David gegen Goliath. Schon vor zehn Jahren träumte Jeremy Rifkin, Hohepriester der Wasserstoff-Energie, von der eigenen Brennstoffzelle in jedem Haushalt. „Millionen lokaler Kleinstkraftwerke mit Brennstoffzellen“, so seine Vision, werden „zu günstigeren Preisen mehr Energie erzeugen als die heutigen Großkraftwerke“ (J. Rifkin, Die H2-Revolution, 2002).

Für Energieversorger ist die wachsende Dezentralisierung jedenfalls eine strategische Herausforderung. Die Schwarmintelligenz schläft nicht, das Crowd Sourcing erreicht nun auch den Energiesektor. Bürgerbeteiligungen nehmen bei Erneuerbaren Energieträgern zu. In Wien plante Wien Energie vier „Bürgerinnen-Solarkraftwerke“, zwei davon sind bereits in Betrieb. Die Bürger vermieten ihre erworbenen Paneele an Wien Energie und erhalten dafür eine jährliche Rendite von 3,1 Prozent ihres Investments. Nach Ablauf der Lebensdauer der Anlage kauft Wien Energie die Paneele zurück, der Beteiligungsbetrag fließt wieder zurück an die Bürger. Wien Energie betreibt die Kraftwerke. Ein win-win-Modell, das man mit gutem Gewissen kopieren sollte.

Bürgerbeteiligungen im Energiesektor können unterschiedliche Formen annehmen. So will das Land Schleswig-Holstein die BürgerInnen erstmalig am Ausbau einer Stromleitung finanziell beteiligen. Ein Hybrid-Modell wie es typisch ist für eine Netzwerk-Ökonomie: der Bürger wird zum Kleininvestor (das von Privaten zu zeichnende Kapital ist begrenzt auf 15 Prozent der Gesamtinvestition, die Verzinsung beträgt rund 5 Prozent), mögliche Widerstände gegen neue Stromtrassen lassen sich damit auch besser umgehen.

Der Wertewandel hin zu partizipativen Geschäftsmodellen ist offensichtlich – er verspricht auch im Energiesektor eine spannende Zukunft für Energiekonsumenten und Betreiber: smart, dezentral, nachhaltig.

Dieser Beitrag erschien zuerst als Trend-Kommentar von Andreas Reiter im Heft 03/2013 „Österreichs Energie“, dem Magazin der österreichischen E-Wirtschaft und wurde hier leicht ergänzt. http://oesterreichsenergie.at/

energie_tirolAndreas Reiter hielt beim Jubiläumsevent von Energie Tirol einen Vortrag über die Trends im Energie-Konsum:

http://www.ztb-zukunft.com/pdf/future_energie_tirol_.pdf

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