Reisen ist Sammeln von künftigen Erinnerungen – und nirgendwo lassen sich in kurzer Zeit so intensive Erinnerungen sammeln wie in Städten. Deshalb boomt der Städte-Tourismus – dieser war vor der Pandemie der große Treiber im europäischen Tourismus und ist es auch jetzt wieder. Mit ihren kulturellen und Lifestyle-Attraktionen, mit ihrem pulsierenden Nachtleben und quirligen Nachbarschaften sind Städte wahre Booster für intensives Erleben. Städte triggern unsere Sehnsucht nach Neuem, nach Überraschungen und aufregenden Erfahrungen. Städte sind Möglichkeitsräume – und seit jeher ein Versprechen auf eine bessere Zukunft („Stadtluft macht frei“).

Stadt-Besuche dienen vor allem dazu, das eigene Leben intensiver zu empfinden – die wenigsten Leute fahren in eine Stadt, um sich zu erholen. Während man die Natur als antizivilisatorischen Fluchtraum aufsucht, als Boxenstop inmitten der hypernervösen digitalen Moderne, erwartet man sich von einer Stadt Gegenteiliges: ein Feuerwerk an Inspiration. Ein Kitzeln der Sinne. Zukunftsleuchten. Städte-Touristen verstehen sich weniger als Eskapisten (weg von) denn als Explorer (hin zu). Sie wollen im Fremden etwas Neues (vor allem von sich selbst) entdecken, und brauchen dafür Anregungen und Resonanzräume – helle wie dunkle, harmonische wie brüchige.

Das Neue ist immer ein „ästhetisches Ereignis“ (Andreas Reckwitz). Ein kulturelles Produkt. Seit den Nullerjahren ist das kulturelle Kapital einer Stadt ihr wichtigster Erfolgsfaktor im Kampf um touristische Relevanz: architektonische Hot Spots, herausragende Dritte Orte, kulturelles Erbe, bedeutungsvolle Events, abgefahrene Clubs u.a. – sie alle konkurrieren um knappe Aufmerksamkeit.

Auch wenn das kuratierte Staunen immer noch das zentrale Leistungsversprechen im Städte-Tourismus ist, so hat sich dennoch im Place Branding in den letzten Jahren viel geändert. Kreativität wird als Daseinsvorsorge und Imagefaktor nach innen wie nach draußen längst strategisch gepflegt. Zwar ist die „Creative City“ (eine US-amerikanische Zuschreibung, die es nie wirklich nach Europa geschafft hat) als Label tot, feiert aber ihre tägliche Wiederauferstehung in kleinteiligen Nachbarschaften, am Küchentisch städtischer Performer, in TikTok-Videos verhaltensorigineller Ideen-Produzenten.
Das Stadt-Marketing wird neu konfiguriert, es geht zu Ende mit all jenen Marketing-Narrativen, die man erste Reihe fußfrei konsumiert. Vielmehr steht die Alltagswirklichkeit städtischer Mikrowelten im Vordergrund, in die der Konsument als Co-Kreateur eintauchen darf und in denen das kreative Moment im Ent-decken selbst entsteht. Aus dem User wird der ProdUser. Der „tourist gaze” weicht (in den Leitmilieus) dem “native gaze”. Der neue städtetouristische Wettbewerb dreht sich um das Hyperlokale, das (natürlich ökologisch wie sozial achtsam) kreativ ausgestaltet ist – eine Differenzierungsleistung, die ihren Preis (weil Wert) hat.

Das neue Branding greift auf, was ich seit vielen Jahren als urbanes Reframing postuliere: je komplexer und digitaler die Welt, desto wichtiger die Ökologie der Nähe – Achtel statt Viertel, Sechzehntel statt Achtel. Städte sind neuronale Netzwerke, in denen durch (gesteuerte) Transfers und Reibung das Neue entsteht. Damit geht auch touristisch ein Paradigmenwechsel einher: vom Beyond the Ordinary zum Ordinary. Das Alltagsleben als Destination. Der Hintereingang als Leitmotiv. Eine ästhetische Dekonstruktion – denn plötzlich wird Selbstwirksamkeit wichtiger als das Selfie, Lifeseeing ersetzt Sightseeing. Oder, wie Alfred Preissler, Fussball-Legende aus dem Ruhrpott, einst sagte: „Entscheidend is’ auf’m Platz“.

Dieser Wettbewerb des Hyperlokalen produziert nicht nur neue Memes in den Köpfen der Distinktions-Künstler und Marketing-Agenturen. Er geht vor allem einher mit einem (allmählichen) Wertewandel unserer Gesellschaft, in der Sehnsüchte und Ressourcen ausbalanciert werden, Betriebswohl und Gemeinwohl, Ego und Eco System. Wenn Stadterleben – wie eingangs erwähnt – das eigene Leben intensivieren soll, dann müssen wir in Zeiten der Transformation auch eine neue „Ethik der Intensität“ entwickeln. Und dabei stehen wir erst am Anfang.
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Teile dieses Beitrags erschienen zuerst im wunderbaren Buch „Verändert Linz“, das die beachtenswerte Transformation der einstigen Industriestadt zur Kreativ-Stadt analysiert.



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