Feel Good-Faktor als Fortschrittsindex

Die Gesellschaft ist im Wandel, das Betriebssystem der Marktwirtschaft wird gerade wieder einmal neu aufgesetzt. Eine verstärkte Werte-Diskussion hat – bedingt durch die Krisenjahre – in Politik und Wirtschaft eingesetzt und bestehende Strukturen in Frage gestellt. Im Fokus steht dabei auch eine Neudefinition von Wohlstand, die sich nicht mehr ausschließlich am BIP orientiert.

Unter Volkswirtschaftlern ist es schon seit längerem ein offenes Geheimnis: das Bruttoinlandsprodukt allein kann den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Fortschritt nicht mehr zeitgemäß abbilden. Seit den 1970er Jahren gibt es zahlreiche Versuche, den herkömmlichen Wohlstandsbegriff durch ökologische und soziale Parameter zu erweitern, also so etwas wie einen BIP Plus-Wohlstandsindikator zu entwickeln. Modelle wie der European Happy Index oder der  Human Development Index gingen in Richtung eines ganzheitlichen Fortschritts-Indikators, konnten sich aber nicht wirklich durchsetzen. Auch der Himalaya-Staat Bhutan, der das “Bruttosozialglück” in seiner Verfassung verankert hat, erschien den wenigsten geeignet als Vorbild für OECD-Volkswirtschaften.

Seit einigen Jahren ist im Standort-Wettbewerb derFeel Good“-Faktor so etwas wie eine heimliche Leitwährung. Think Tanks wie die Deutsche Bank Research untersuchen die Zusammenhänge zwischen prosperierenden Volkswirtschaften und der Lebenszufriedenheit ihrer Bewohner. Neben harten Standortfaktoren misst sich die Wettbewerbsfähigkeit eines Standorts immer stärker auch an weichen Faktoren (z.B. Bildungs- und Gesundheitsniveau, Sicherheit etc.). Zahlreiche internationale Rankings (u.a. von Mercer oder Economist) bewerten heute Städte und Länder hinsichtlich ihrer Lebensqualität. Diese Rankings sind, bei all ihrer diskutierbaren Beurteilungslogik, wichtige Instrumente in der Vermarktung der Standorte sowie im Benchmarking.

Das entscheidende Umdenken brachten jedoch erst die Verwerfungen der Wirtschaftskrise. Die OECD und die EU-Kommission ließen ganzheitliche Wohlstands-Kriterien entwickeln. Auch in Kanada, Großbritannien oder in Deutschland (mit seiner vor kurzem eingesetzten Bundestags-Enquete „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“) suchen hochrangige Kommissionen nach einer Alternative zum BIP. In Frankreich berücksichtigt das nationale statistische Zentralamt, auf Empfehlung des Nobelpreisträgers Joseph Stiglitz, künftig Kriterien wie das verfügbare Einkommen der Haushalte oder den Wert sozialer Transferleistungen als ergänzende Messgrößen zum BIP.

Eurostat will noch in diesem Jahr wichtige Wellbeing-Parameter (z.B. Sicherheitsgefühl) und künftig sogar soziale Messgrößen (Zahl der Freunde, Betätigung in Vereinen etc.) als zusätzliche Messgröße zum BIP einführen. Und selbst Italien, nicht unbedingt ein Innovationsführer, begnügt sich nicht mehr mit dem BIP als alleinigem Wohlstands-Maßstab – bis Ende des Jahres soll dort ein Fortschrittsindex eingeführt werden, der auch Kriterien wie Umwelt- und Lebensqualität mit einbezieht.

Erstaunlich, dass in Österreich mit seiner ausgewiesen hohen Lebensqualität diese europäische Diskussion noch nicht geführt wird. Themenführerschaft gehört offenbar nicht zum Genprofil der stillen Genießer.

Zum Thema: Buchbeitrag Andreas Reiter über Lebensqualität (in: „Lebensqualität und Standortattraktivität“, Pechlaner/Bachinger (Hg.), Berlin 2010):

http://www.ztb-zukunft.com/pdf/lebensqualitaet.pdf

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