Kreativität: Betriebssystem unserer Wissensgesellschaft

Kreativität wurde in den letzten Jahren stark demokratisiert. In einer wissensbasierten Gesellschaft verändert sich der Anspruch an Kreativität, der Zugang zu dieser Ressource wird entspannter, spielerischer. Das hat auch mit unseren Kommunikations-Tools zu tun: der digitale Nomade hat stets sein Smartphone in der Hand und spielt damit rum, bastelt hier an seinem Facebook-Auftritt, verpasst dort seinem Foto einen besseren Anstrich mit einem App, schiebt auf seinem iPad seine Prezzi-Kreation hin und her. Die Werkzeuge des 21. Jahrhunderts sind Spielzeuge, trojanische Pferde der Kreativität.

Früher hingegen wurde Kreativität nur einigen wenigen zugestanden, Ausnahme-Talenten, Künstlern oder gar nur Genies. Dieses Genie stand ja, von seiner Job-Description her, immer auch an der Kippe zum Wahnsinn, war ein Außenseiter, ein Rebell, der die Gesellschaft aufbricht, ihre Regeln auf den Kopf stellt. Noch Joseph Beuys sah es als die größte Aufgabe der Kunst an, eine „Gesellschaftsordnung wie eine Plastik zu formen“. Seit den 1960er Jahren aber kann man mit Kunst nicht wirklich mehr schocken, da mögen sich Artisten wie Jeff Koons oder Lady Gaga noch so abstrampeln.

Der Begriff Kreativität ist heute aus der Kunstszene stark in die Wirtschaft immigriert, wir haben es immer mehr mit angewandter Kreativität zu tun, die entsprechend pragmatisch und ökonomisch besetzt ist.

Das ist nichts Neues, Kunst und Kapital gehören seit eh und je zueinander wie die Butter aufs Brot. Musen küssten noch nie kostenlos, da ist schon ein Mäzen im Hintergrund vonnöten. Der CEO lädt sein Ego mit einem Gemälde um 150.000 Euro auf, das über seinem Schreibtisch hängt, das tut ihm gut und der Kunst. Kunst ist immer beides, Religion und Rendite – unter Letztere fällt ja auch ein Erkenntnisgewinn oder ein schöner Augenblick, den ich einem Kunstwerk verdanke.

Kreativität hat für Menschen immer eine erotische, weil ursprüngliche Anziehungskraft, auch wenn sie profanisiert wird und sich in die – scheinbaren – Niederungen des Alltags begibt. Gerade in der Versöhnung von Kunst und Alltag sehe ich die kreative Leistung unserer Zeit. Kreativität veredelt schließlich menschliche Tätigkeiten – aus Lebensmitteln werden Genussmittel, aus Alltagsgegenständen Lifestyle-Artikel, der Tischler wird, wenn er nicht durch die chinesische Werkbank ersetzt werden will, zum Designer usf. Winzer sind heute längst nicht mehr „nur“ Weinbauern, sondern Lifestyle-Produzenten, die rund um ihren Wein eine Markenwelt kreieren, mit designten Etiketten, ambitionierter Architektur ihrer Weinhöfe etc.

Kreativität ist das Betriebssystem einer wissensbasierten Gesellschaft, sie übersetzt zuerst Information in Wissen und dieses dann in hochwertige Produkte. Dieser Transfer ist für sich schon ein kreativer Akt. Kreativität hat heute aber auch viel mit Symbol-Produktion zu tun, mit Image-Design, mit Markenbildung. Im ikonografischen Wettbewerb entscheidet häufig der Einsatz der griffigsten Symbole und Geschichten über den Erfolg eines Unternehmens.

Im Übergang von der Industrie- zur Wissensgesellschaft bilden sich neue Kultur-Techniken heraus, Kreativität – als Katalysator für Innovationen – spielt da eine entscheidende Rolle. Unternehmen und Wirtschafts-Standorte können sich nur durch Kreativität behaupten. Und so wird das „Ver-rückte“, das Andersartige, die Abweichung vom Mainstream, das „Think Different“ (Apple) zum Differenzierungs-Merkmal von Unternehmen, Mittelmaß führt bekanntlich nie zum Erfolg.

Es ist kein Zufall, dass Volksökonomen und Standort-Forscher ein neues Leitmilieu entdeckt haben, gewissermaßen den Vierten Sektor – die Kreativ-Wirtschaft. Auch wenn die Creative Industry oft als Allheilmittel für marode Standorte herhalten muss – sie ist unbestritten ein wachsender Wertschöpfer vor allem in den Städten, wo sich Industrie und kreative Dienstleister verzahnen und verdichten, Campus und High-Tech-Labors, Medien und kulturelle Szenen, Gastronomie und Clubs. In Wien zählt heute jeder siebte Arbeitsplatz zur Kreativwirtschaft, der Anteil der Kreativwirtschaft am weltweiten Bruttosozialprodukt beträgt laut Weltbank immerhin sieben Prozent. Die „kreative Klasse“ wird heute als Treiber des ökonomischen Wachstums von großen Metropolen heftig umworben, viele Städte entwickeln spezielle Masterpläne, um die Kreativen anzuziehen.

Die Wissens-Ökonomie fordert wie nie zuvor menschliche Kreativität und Innovationsgeist heraus. Sie belegt einmal mehr die hochgradige Verwandtschaft zwischen Wirtschaft und Kreativ-Szenen. Die beiden sind wenn schon keine eineiigen Zwillinge, so doch Geschwister. Unternehmer wie Kreative tragen das gleiche Gen in sich: den Willen zu Wachstum und Gestaltung sowie den Mut zum Risiko. Und beide bringen nur dann erfolgreich Neues auf den Markt, wenn sie die etablierten Regeln ihrer Branche brechen.

Dieser Text ist die Zusammenfassung eines Interviews mit Andreas Reiter in der neuen Ausgabe von “2012. Das vielleicht letzte Magazin der Welt”, Thema : “Requiem für einen Planeten”.

http://www.2012.at

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