Apokalypse now and never

wien_bunker_defSchon das Datum an sich ist chic: 21.12.2012. Normalerweise schreitet man an so einem Tag als Paar händchenhaltend ins Standesamt, diesmal aber ist Weltuntergang angesagt. Ein Datum von popkultureller und zugleich banaler Tragweite (übrigens auch noch offizieller Winterbeginn). Apokalyptiker mit beschränkter Haftung hatten eine Stelle im Langzeit-Kalender der Maya als Weltuntergang interpretiert, dabei geht am 21.12.2012 nur ein Kalenderzyklus (der 13.) zu Ende, um einem neuen Zyklus (dem 14.) Platz zu machen. Das Ende ist also der Anfang.

Die Merchandising-Artikel für den Weltuntergang (Schutzbunker, Wasserfilter, Survival-Kits usf.) sind ausverkauft, die Hotlines bei den Sektenberatungsstellen brummen, die Medien bäumen sich noch einmal quotenmäßig auf. Millionen von Touristen quetschen sich am 21.12.2012 auf eine der Maya-Pyramiden zwischen Mexiko und Guatemala und feiern den Nicht-Untergang. Im südfranzösischen Pyrenäen-Dorf Bugarach schließen sich New Age-Phantasten und Journalisten ein und warten darauf, dass Außerirdische die Auserwählten abholen. Tom Cruise wiederum verbringt den Tag angeblich im türkischen Sirince – auch dies eine historische Startrampe ins Jenseits, weil von hier einst die Jungfrau Maria in den Himmel aufgestiegen sein soll. Black Tourism at its best.

Die Geschichte wiederholt sich. Die Erde verglüht, einigen wenigen Auserwählten gelingt aber noch rechtzeitig die Flucht ins Paradies. Das Ende ist der Anfang. Seit Adam und Eva verfolgt uns dieser Mythos der Glückssuche nach der Vertreibung.

Weltuntergangs-Szenarien gab es schon immer, jede Kultur und jede Epoche hat in ihr Betriebssystem Endzeit-Szenarien eingebaut – mit findigen Urhebern wie Nostradamus, Martin Luther bis hin zu modernen Sektenführern. Die finale Katastrophe verschiebt sich also von Mal zu Mal. Auch am 21.12.2012. Die Motive sind immer dieselben: Disziplinierung – die Bösen werden bestraft, die Guten überleben. Exlusivität: die Auserwählten kommen ins Paradies. Revision: Verändere dein Leben, denn noch ist es nicht zu spät.

okto_tvAber noch nie war dieser Event – genauer: dieser Nicht-Event – so hedonistisch und stringent durchgestylt, ein Hollywood-Blockbuster von Roland Emmerich (The Day After Tomorrow, 2012 u.a.) ist nichts dagegen. Und so konsumieren wir, die Mitglieder einer kraftlosen, von echten Krisen (z.B. Finanzkrise) überforderten Gesellschaft, erste Reihe fußfrei das Nichteintreten einer Katastrophe.

Meine These: indem wir uns aus sicherer Konsum-Distanz heraus mit dem Schrecken beschäftigen, umgehen wir die eigentliche Arbeit, die vor uns liegt: die Restrukturierung der Gesellschaft, den nachhaltigen Umbau unserer Wirtschaft. Das Endzeit-Szenario 2012 ist ein – willkommenes – Ventil, damit die Gesellschaft Druck ablassen, ihre Ängste abladen kann. Ein virtuelles Psycho-Gaming. Aber eben auch Risiko-Management, wie es jedes Unternehmen, jeder Mensch hin und wieder betreiben sollte – das Ende simulieren, um Strategien zu entwickeln, damit dieses NICHT eintritt. Eine Katharsis, die uns reinigt und hoffentlich offener macht für die kostbaren Glücksmomente im Leben. Denn es wird weitergehen.

Andreas Reiter im Interview zum Thema:

Okto TV: http://okto.tv/unicut/9241/20120704

Servus TV: http://www.servustv.com/cs/Satellite/VOD-Mediathek/001259088496198?p=1259088496182

ORF: http://tvthek.orf.at/programs/4204899-Kreuz—Quer

http://www.tt.com/Freizeit/5742700-2/die-vier-letzten-wochen.csp

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http://diepresse.com/home/leben/mode/1324428/Weltuntergang_Wir-lassen-uns-nicht-Maya-machen   sowie Salzburger Nachrichten:

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