Rethink Mobility – Wie Mobilität der Zukunft aussieht

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Die Welt verstädtert – heute schon lebt jeder zweite Mensch in Städten, im Jahr 2030 werden es bereits 70 Prozent sein. Die Lebensqualität einer Großstadt misst sich in Zukunft mehr denn je darin, wie effizient diese Infrastruktur und Wege-Netze organisiert und dabei den ökologischen Fußabdruck minimiert. Die großen städtischen Ballungsräume sind schließlich nicht nur für 80 Prozent der weltweit erbrachten Wirtschaftsleistung verantwortlich, sondern auch für 80 Prozent der emittierten Treibhausgase. Intelligente Verkehrssysteme optimieren nachhaltig die Mobilitätskette von Bürgern und Unternehmen und entlasten so deren Zeit-Budget (EU-weit verursachen Staus Kosten von immerhin 1,5 Prozent des BIP).

Städtischer Verkehr erfährt einen Paradigmen-Wechsel: der Anteil des Öffentlichen Verkehrs nimmt stetig zu (in Wien z.B. macht er bereits 39 Prozent aus), der private Auto-Anteil hingegen sinkt (in Wien auf aktuell 27 Prozent). Die Stadt kommt auf Schiene.

wien_fußgängerDiese Entwicklung ist nicht nur von oben (also klima-/politisch) getrieben, in ihr spiegelt sich auch ein gesellschaftlicher Wertewandel. Pragmatischer Nutzen eines Verkehrsmittels geht immer öfter vor persönlichen Besitz. ÖPNV-Nutzung und Car-Sharing erhöhen ihren Anteil am urbanen Verkehr, das eigene Auto hingegen verliert an Prestige – ein Imagewandel, der Autoproduzenten in Europa zu schaffen macht. Ein Viertel der unter 25-Jährigen kann auf ein eigenes Auto verzichten, drei Viertel der 20-29-Jährigen haben einen Führerschein, aber die Hälfte fährt kaum Auto (Quelle: Center of Automotive Management bzw. Timescout).

Zudem nimmt das Umweltbewusstsein zu, Städte werden grüner. In Kopenhagen und Amsterdam fährt jeder Zweite mit dem Fahrrad zur Arbeit, eigene Fast Lanes für Radfahrer priorisieren die Mobilität auf zwei Rädern, in Amsterdam werden im Winter demnächst sogar Fahrradwege (mit Geothermie) beheizt. Ob freilich ein Fußgängerbeauftragter! wie künftig in Wien die Mobilität auf zwei Beinen erhöht, darf bezweifelt werden.

Das Mobilitätsverhalten ändert sich, wird flexibler. In einer dynamischen Nonstop-Gesellschaft agieren Konsumenten zunehmend situativ, wechseln je nach Bedarf die Verkehrsträger. Dies erfordert eine Neuorganisation des städtischen Verkehrs hin zur integrierten Mobilität. Intermodale Verkehrsnutzung heißt das Passwort für effiziente Verkehrssysteme und flexible Mobilitätsmuster von morgen.

kopenhagenKommunale Verkehrsbetriebe vernetzen sich mit Car-Sharing-Anbietern, vor den Bahnhöfen stehen Mietfahrräder bereit, Hotels bieten ihren Gästen E-Bikes an, vor stark frequentierten Lebensmittelgeschäften sind Elektroautos abgestellt. Von diesen Drehscheiben, die öffentlichen mit individuellem Verkehr verschränken, hängt in Zukunft funktionierende Mobilität – und diese heißt on demand – ab.

Urbane Intelligenz zeigt sich einerseits im Einsatz smarter Technologien wie

  • z.B. lückenlose Sensorennetze im städtischen Raum, die Staus und freie Parkplätze an das App im Auto melden)
  • elektronische Leitsysteme, die den Verkehrsstand überwachen und so etwa Busse je nach aktueller Passagierzahl an Haltestellen in höherer oder niedrigerer Taktung los schicken oder bei erhöhten Feinstaubwerten im voraus den privaten Verkehr zugunsten des öffentlichen umschichten
  • Car-to-Car-Kommunikation und autonomes Fahren (Auspark- und Stauassistenten etc.).

Es geht jedoch nicht nur um den Einsatz smarter Technologien und Leitsysteme, sondern vor allem auch um die prozessorientierte, strategische Vernetzung von Akteuren so unterschiedlicher Branchen wie ÖPNV, Bahn, Handel, Energie, IKT, private Mobilitätsanbieter, Garagenbetreiber usf. rund um das Thema Mobilität. Schließlich suchen Kunden bequeme und einfache One Stop-Lösungen – wie z.B. eine Mobilitätskarte für alle in der Stadt angebotenen Verkehrsmittel oder eine App für das Smartphone, die den schnellsten Weg von A nach B und das dafür geeignetste Verkehrsmittel ermittelt. Selbst schwerfällige Tanker wie DB (Flinkster) oder ÖBB (Smile) machen die ersten Schritte hin zur Vernetzung mit externen Partnern. Neue Mitspieler aus dem Telekom – und IKT-Sektor drängen künftig als Mobilitätsanbieter auf den Markt (im Finanzsektor sind Google  (Google Wallet) & Co. ja bereits Angreifer auf die traditionellen Finanzdienstleister wie Banken etc.).

Die Asiaten sind da schon weiter. In U-Bahn-Stationen von Seoul und Shanghai können Metro-Passagiere in virtuellen Supermarkt-Regalen (über QR-Codes) ausgestellte Produkte bestellen und sich nach Hause liefern lassen – so werden Wartezeiten bequem genutzt. Haltestellen als Schnittpunkte von Verkehrsmitteln kommt hier künftig eine noch größere strategische Bedeutung zu einerseits als inszenierter Point of Sale und andererseits als Markenkontaktpunkt, der die Markenwelt und das städtische Corporate Design konsistent übersetzt (Barcelona ist hier ein First Mover, aber auch Innsbruck ist mit seinen Designer-Stationen auf die Hungerburg gut unterwegs). Wartezeiten müssen im Sinn der Kunden optimiert werden, Haltestationen sind ideale Umschlagplätze, Touchpoints für Infotainment, Einkaufen etc.

tirolcitymap_frontside_low1Damit Mobilität effizient über Branchengrenzen hinaus angeboten wird, müssen Räume neu gedacht und re-kombiniert werden. Ein wunderbares Beispiel lieferte hier, bereits vor einigen Jahren, die Architekten-Gruppe YEAN (Young European Architects Network), die eine Region wie Tirol umdefinierte zur TirolCITY.

COLLAGE_YEAN3Ausgehend vom Inntal, einem ohnehin stark urbanen Agglomerationsgebiet, wird die Gebirgsregion als Ganzes zum städtischen Ballungsraum erklärt: durch das Inntal fährt die TirolMETRO, am Eingang zu den Seitentälern verlinkt jeweils eine Gondel die Bahnstation mit den einzelnen Orten im Tal. Integrierte Mobilität eben, wie sie derzeit in Vorreiter-Städten in ersten Pioniermodellen erprobt wird.

Dieser Beitrag erschien in seiner ursprünglichen Form als Trend-Kommentar von Andreas Reiter im Heft 05/2013 „Österreichs Energie“ (http://oesterreichsenergie.at/), dem Magazin der österreichischen E-Wirtschaft, und wurde hier erweitert und modifiziert.

euroforum

Andreas Reiter sprach vor kurzem auf einer Tagung für ÖPNV in Berlin über „Mobilität der Zukunft“.

Wer Räume neu denkt, erfindet auch Mobilität neu. Kreatives Redesign am Beispiel Tirol City von der Gruppe YEAN: http://www.nextroom.at/publication.php?id=1032

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9 Antworten zu Rethink Mobility – Wie Mobilität der Zukunft aussieht

  1. Schellhorn, Sepp schreibt:

    grossartig ________________________________________

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  2. Klemens Surmann schreibt:

    Toller Artikel, mit gleich so vielen angesprochenen und wesentlichen Punkten.

    Bei uns (http://gothaer2know.de/blogparade-mobilitaet/ ) läuft momentan eine Blogparade zum Thema „Mobilität“. Dieser, ja jetzt schon fast ein Jahr alte Artikel hier betrachtet genau die Bereiche, auf die wir es bei unserer Blogparade abgesehen hatten.

    Da sich hier auf diesem Blog unter anderem intensiv mit der Thematik beschäftigt wird, würden wir uns über Ihre Sichtweise mittels eines Beitrags zu diesem Thema sehr freuen. Vielleicht besteht ja Lust, gerne auch an einer Neuauflage des hier vorliegenden Beitrags?

    Beste Grüße
    Klemens

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    • Andreas Reiter schreibt:

      Lieber Herr Surmann, danke🙂

      Ich habe mir Ihren Blog angesehen – Kompliment, die Aufbereitung des Themas spricht für die Marke Gothaer…. Wegen eines Beitrags können wir gerne mal näher sprechen… Als Zeitfenster müßten wir allerdings von meiner Seite her Sommer etc. ins Auge fassen… Schöne Grüße an Sie, Andreas Reiter

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  3. Klemens Surmann schreibt:

    Hallo Herr Reiter,

    danke auch für Ihr Kompliment.

    Sommer wäre ja für unsere Blogparade leider zu spät, aber wir können uns gerne dann trotzdem wegen eines Beitrages noch einmal austauschen. An dem Thema wollen wir natürlich weiterhin dran bleiben.

    Ansonsten, wie gesagt, wenn Ihnen zeitnah etwas zu diesem Themenkomplex in den Sinn kommt, geben Sie einfach bei uns per Kommentar oder E-Mail Bescheid, dann könnten wir unsere Leser auf Ihren Beitrag hinweisen.

    Beste Grüße
    Klemens Surmann

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  4. Klemens Surmann schreibt:

    Lieber Herr Reiter,

    das machen wir — sehr gerne. Melden Sie sich einfach bei mir.

    Beste Grüße
    Klemens Surmann

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  5. Pingback: Gothaer2Know | Blogparade: Gibt es überhaupt noch Mobilität?

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