Rough City – Subkultur als Standort-Asset

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Städte sind seit eh und je ein work in progress – und doch sind manche von ihnen fertig (Paris etwa oder Wien), andere hingegen (Berlin z.B.) häuten sich permanent. Die einen sind reif (manche überreif), die anderen sind in der Pubertät. Die einen bezaubern mit ihrer arrivierten Eleganz, die anderen verblüffen mit ihrer unschuldigen Kreativität.

Wenn in Europa eine Stadt für jugendliche Irritation steht, dann ist es Berlin. Selbst Boris Johnson, hemdsärmeliger Bürgermeister von London, lobt die deutsche Hauptstadt in Der Tagesspiegel (24.07.13) über den grünen Klee: „Ich sehe ein Paradies für Fahrradfahrer, wo sich die helmlosen Horden über die weiten Alleen schlängeln und wo ein Mercedes ehrerbietig wartet, bis eine Familie seine schnurrende Motorhaube passiert hat. Das ernsthafteste Problem öffentlicher Ordnung im Moment ist die Angewohnheit der Berliner, ihrer Freikörperkultur nachzugehen, indem sie tatsächlich Geschlechtsverkehr in einem ihrer großartigen Parks haben. Aber das Klima sozialer Gerechtigkeit ist so gut, dass die Strafen angepasst werden: Wenn man in flagranti in den Büschen erwischt wird und einen Job hat, muss man 150 Euro zahlen – aber nur 34 Euro, wenn man arbeitslos ist. Wenn das nicht mitfühlend ist, dann weiß ich nicht was sonst.“  

public_listening_berlinBerlin pflegt seine subkulturelle Lässigkeit klugerweise als Standort-Asset – nicht nur in den Büschen, sondern auch in den Hinterhöfen, in den Start-up-Fabriken und auf den Kanälen des viralen Marketing. Die Stadt ist groß genug für ihr unerschöpfliches Repertoire an Lebenszyklen und dafür, dass die Karawane auf immer neuen Trails weiterzieht – vom Prenzlauer Berg über Friedrichshain und Neukölln bis neuerdings sogar ins alte Charlottenburg. Wird Berlin erwachsen, ja darf es denn das? Oder ist nicht, wie so mancher behauptet, inzwischen Leipzig das neue Berlin?  

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Die beiden Städte sind sich atmosphärisch in manchem ähnlich. Beide nützen den Humus der Kreativen für ihre Standort-Entwicklung. Wenn der öffentliche Raum, wie Walter Ackers sagt, „gebaute Umgangsform“ ist, dann bedeutet das hier wie dort Großzügigkeit, Freiraum.

Vor allem in Leipzig, das in einem früheren Lebenszyklus steckt als Berlin. Großzügige Klinkerbauten, Gründerhäuser und dann wieder Industrie-Ruinen und riesiges Brachland, dazwischen elegante Lofts in adaptierten Fabriken. Nicht nur das (von der Kreativwirtschaft genutzte) Areal der alten Baumwollspinnerei, der einst größten Fabrik Europas, ist ein blühendes Beispiel angewandter Kreativität und strategischen Umgangs mit dem postindustriellen Erbe der Stadt.

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Man muss gar nicht das Standort-Mantra von den drei T’s bemühen – wo Tauben sind, da fliegen Tauben zu. Talente (ob in Wirtschaft oder Wissenschaft oder sonst wo) gedeihen am besten in bunten Soziotopen. On the edge. So ist Berlin längst nicht mehr nur ein Labor für Verhaltenskreative und Latte Macchiato-Eltern, sondern gewichtiger IT-Standort, mit brummenden Start-ups. Die einstige Standort-Schwäche wurde zur Stärke (die niedrigen Lebenshaltungskosten zogen erst Lebenskünstler und dann Jungunternehmer an). Und Leipzig will nicht nur kein industrieller History Park sein, sondern ist mit seinen Clustern wie Biotechnologie, Medienwirtschaft etc. und hochkarätigen Forschungseinrichtungen ein Umschlagplatz der Wissens-Industrie – es liegt im Dynamik-Ranking (Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft) inzwischen im Spitzenfeld der deutschen Städte. Und hat sich bei aller beiläufigen Schönheit, eben auch seine Narben und Wunden bewahrt. Oder wie Jonathan Tel sagt: „Great cities are tough; their ugliness is inseparable from their sexiness.“

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