Hybrid Living – das Ende der Eindeutigkeit

DSC_0193_niedrigWenn etwas das frühe 21. Jahrhundert charakterisiert, dann ist es das Ende der Eindeutigkeit: tradierte (oft scheinbare) Gegensätze lösen sich auf, allerorts verwischen die Grenzen – zwischen Stadt und Land, Arbeit und Freizeit, Öffentlichkeit und Privatheit, Mann und Frau (an der Universität Leipzig gibt es neuerdings – genderaffin – die offizielle Anrede Herr Professorin!, auf die männliche Berufsbezeichnung Professor wird ab nun gänzlich verzichtet). Wir sind individualisiert und vernetzt, wir denken global und lokal, wir sind (je jünger, desto mehr) multitaskingfähig. urban_climbing_2In dieser fluiden Moderne (Zygmunt Bauman) haben wir keinen festen Boden mehr unter den Füßen, alles ist volatil, passiert gleichzeitig, alles ist sprunghaft, soll aber auch jederzeit und an jedem Ort machbar sein. Postämter liegen heute in Sonnenstudios („Post-Partner“), Supermärkte (REWE etwa) mutieren zu Bankfilialen, in den Alpen kann man Schneegolfen, mitteleuropäische Thermen inszenieren sich als Pazifik-Paradies. Nachts Skifahren? – jedes fünfte Bergdorf bietet Nacht-Slaloms, Night-Canyoning etc. an. Anytime, anywhere. Sportarten konvergieren  (Cross Sports),  das (ursprünglich urbane) Slack Lining wird heute von Highlinern wie Dean Potter in schwindelerregender Höhe auch in Canyons praktiziert, Free Running, Mountain Boarding u.a. Hardcore-Aktivitäten werden ebenfalls von der Stadt aufs Land übersetzt. In einer hybriden Gesellschaft ist alles transitorisch, alles geht ineinander über – auch die einzelnen Lebens-Alter: seriösen 18-Jährigen stehen erlebnissüchtige 45-Jährige gegenüber, die cool sein wollen und sich für immer jung inszenieren. Die Grenzen zwischen jung und alt verschwimmen. „Die Moderne… wollte ein Universum der Eindeutigkeit, einen Garten Eden, wo das Unkraut der Zweideutigkeit nicht mehr wuchert. Das Projekt ist gescheitert“, so der Soziologe Zygmunt Bauman. Ja, Fixes ist nicht mehr. schlafende lady_neuIn der Funktionsjacke von Wolfskind spazieren wir durch die Mönckebergstraße in Hamburg oder über den Kohlmarkt in Wien. Es könnte ja von irgendwo ein Wassertropfen herunter fallen. Urbane Cowboys leben ihre Sehnsucht nach wilder Ursprünglichkeit am Steuer ihres SUVs aus – weltweit soll der Anteil der Geländewägen bis 2017 auf 17 Prozent steigen (IHS Global Insight). Nature goes urban. In den Metropolen pflanzen die Urban Gardener, von Soho über Friedrichshain bis zum Wiener Yppenplatz, auf ihrem Balkon scharfzüngige Pimientos und stylisches vietnamesisches Schilfgras an. Ambitionierte Bobos lassen sich von Erich Stekovics inspirieren, dem selbstgekrönten „Kaiser der Paradeiser“, der am Neusiedler See über 3.000 fesche Tomatensorten aus dem Boden zieht. Natur ist in einer urbanisierten Welt eine Ersatzreligion (manche Grüne verstehen sich immer noch als Hohepriester). Die Sehnsucht der Städter nach Natur scheint unendlich, aber diese soll bitte so aussehen wie auf Seite 3 von Landlust oder Servus in Stadt und Land, den Aphrodisiaka der naturaffinen Hausfrau. Sauber, designt, gestylt und berechenbar gemacht (ähnlich wie dem Berg die Wildheit mit den Klettersteigen genommen wurde). Die kultivierte, gezähmte Natur ist das Leitbild. Nicht zufällig boomen Gartenlandschaften als Naherholungsgebiete, all die dramaturgisch konzipierten Rosengärten und kunstvollen Gartenanlagen, Cornwall lässt grüßen. So soft und schön. DSC_0108Nein, es gibt kein falsches Leben im richtigen. Lebenskunst heißt heute: Paradoxien zu managen. Auch die weichgespülten Lebenswelten, die inszenierten Naturlandschaften, die gepflegt-urbane Wildnis, die hybriden Transiträume haben ihre Bedeutung – sie sind Zeichen einer Gesellschaft im Übergang, die sich im Dunkeln vorwärts tastet. Erst wenn ihr das fehlende Ziel nicht mehr im Weg steht, wird sie etwas wirklich Neues aus sich hervorbringen.

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2 Antworten zu Hybrid Living – das Ende der Eindeutigkeit

  1. P.Polir schreibt:

    Danke für diesen Beitrag.
    Dieser erklärt auf wohltuend, eindeutige Weise, eine Entwicklung die viele noch als Chaos empfinden, aber schon zu unserer Realität gehört.
    Bitte weiter so.
    P.P.

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