Time Slot: wie unsere Nonstop-Gesellschaft tickt

marco cloud

Die Welt ist im rasanten Umbruch. Die Steigerungsspirale dreht sich unablässig – schneller, höher, weiter. Die digitale Vernetzung beschleunigt unsere Interaktionen. Wir leben im Transit, rund um die Uhr vernetzt. Wo mit der Geschwindigkeit eines Mausclicks Informationen, Waren und Kapital über den Globus gejagt werden, da wird der digitale Nomade zur Leitfigur und das soziale Netzwerk zur Oase.

Man kann diese globale Beschleunigung (wie etwa der Philosoph Paul Virilio) kritisch sehen: „Die Geschwindigkeit frisst den Raum. Die Welt wird kleiner…, so klein, daß sie wie ein Gefängnis wirken wird.“ Kulturpessimisten wittern selbst hinter banalen Binsenweisheiten wie „Der Weg ist das Ziel“ die Verlustanzeige einer Gesellschaft, die sich bei all dem Tempo selbst aus den Augen verloren hat. Da wir die Ziellinie nicht mehr sehen, so unterstellen die apokalyptischen Warner, inszenieren wir notgedrungen den Weg. Und mobilisieren uns dabei zu Tode: wir wechseln – in serieller Monogamie – Partner, Jobs und Lebensorte, verwischen die letzten Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit, hypermobile Nomaden eben, mit Smart Phone, Rucksack und Coffee to go. So wenig (freie) Zeit war nie.

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Man kann – und ich tue das hier – aber auch zu einem anderen, optimistischeren Zeit-Befund kommen. Noch nie war die Grammatik der Zeit so bunt und vielfältig wie heute – denken wir nur an Narrative wie Eigenzeit, Qualitätszeit, soziale Zeit, Auszeit usf. Unsere Lebens-Zeit ist alles andere als linear, sie ist vielmehr geprägt von hybrider Rhythmik, von sich ständig ändernden, einander ablösenden Zyklen, von Disruptionen und Überschneidungen. Der Zeit-Lauf gleicht einem Wellenreiten. Die 24-Stunden-Ökonomie verlangt uns eine intelligente Anpassungsgeschwindigkeit ab. Intelligent bedeutet aber nicht zwangsläufig schneller – sondern eine an die jeweilige Situation angepasste Geschwindigkeit.

478941_10150744358190772_1650511863_oWenn die Welt beschleunigt, wenn Lebenszyklen immer rascher rotieren, dann wird der Faktor Zeit emotional überhöht. Freie Zeit ist ein knappes Gut, ein Statussymbol. Man muss sie sich ja auch hart erarbeiten. 3 Wochen zu Fuß durch Patagonien – das ist Luxus. Frei-Zeit ist harte Währung. Sabbaticals z.B. sind eine Belohnung für ausgebrannte Führungskräfte. Arbeitnehmerfreundliche Unternehmen wie z.B.  Volkswagen schalten die Server nach Feierabend ab, so dass Mitarbeiter (unterhalb der 1. Ebene) keine Mails mehr auf ihrem Smart Phone empfangen können – Stress-Prävention nach dem Geschmack der Gewerkschaft.

lange_zeitAlles, was viel Zeit – oder noch besser: Zeitlosigkeit in sich trägt, ist in einer beschleunigten Kultur ein hochwertiges Gut. Nicht zufällig erlebt die Manufaktur, das gute alte Handwerk eine Renaissance bei kaufkräftigen Konsumenten, handgenähte Schuhe, Trachten, Holzmöbel aus der Werkstatt boomen usf. Für Zeitmesser (nicht Uhren!) aus z.B. dem sächsischen Städtchen Glashütte legt der Kenner exorbitante Preise hin. Die Wertschätzung für Weine – Wein ist geronnene Zeit – war selten so hoch und so flächendeckend wie heute. Slow-Food-Produkte finden stärkeren Absatz, nicht nur bei differenzierungssüchtigen Bobos. Und wer so richtig einen Boxenstop sucht, findet ihn beim Slow TV (im norwegischen Fernsehen etwa sind stundenlange Reportagen übers Stricken gerade ein wahrer Straßenfeger).

Das Entscheidende sind die Pausen. Die Ruhe, vor der die Musik überhaupt nur hörbar wird. Das haben die Ökonomen in ihrer Weltanschauung vergessen: Es gibt kein Rating für Muße“ (Gerhard Polt in SZ Magazin 47/2011).

Wir leben in paradoxen Zeiten, nicht umsonst servieren Zeit-Manager ihren ausgebrannten Klienten Zen-affine Mantras wie „Wenn du es eilig hast, geh langsam“… Die Beschleunigung deswegen verteufeln? Aber nein. Sie ist Problem und Lösung zugleich, sie gehört zum evolutionären Programm der Gesellschaft, die ihre jeweilige Taktung (oder Taktik) selbst finden muss. Als vor hundert Jahren die erste Eisenbahn über Land tuckerte, folgte ein Aufschrei des Entsetzens über das „Teufelswerk“. Aus der Geschichte wissen wir: der Mensch adaptiert sich an jede Beschleunigung.

less_moreUnd findet Strategien, wie er diese am besten bewältigt. Nicht zufällig jonglieren heute gestresste Menschen mit Begriffen wie Auszeit und Qualitätszeit. Gerade von Frauen – den mehrfach belasteten Game Changern – können wir lernen, wie man Eigenzeit mit der sozialen Zeit harmonisiert, wie man zur rechten Zeit beschleunigt und dann wieder bremst, aber auch wie man dem „Alltagstrott“ wertvolle Nischen abgewinnt: Time Slots, wie man wieder in Resonanz findet mit sich. Zeit bedeutet schließlich immer auch Lebenszeit – ein endlicher Erlebnis-Raum in 4D, in dem wir Glück wenn schon nicht maximieren, so doch optimieren sollten.

image_miniDieser Blogbeitrag ist die adaptierte Fassung eines Beitrags von Andreas Reiter im eben erschienenen Magazin „ausblicke“, einer (immer wieder inspirierenden) Zeitschrift für Entwicklung im ländlichen Raum.

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