Vertrauen: Leitwährung der Netzwerk-Ökonomie

IMAG1004

Umbruchphasen wie die unsere erzeugen hoch komplexe, instabile Systeme, in denen die Störung (spätestens seit der Finanzkrise) zum Normalfall wird. Dementsprechend nimmt das Bedürfnis nach Sicherheit und Orientierung zu. Ist das Immunsystem der Gesellschaft geschwächt, besinnt man sich umso stärker jener Werte, die eine Gemeinschaft zusammenhalten und ihre Resilienz, ihre Widerstandskraft stärken.

Die Solidargemeinschaft ist etwa so ein zentraler Wert, in der die einen für die anderen einstehen, um das gemeinsame Ganze am Laufen zu halten. Ärgerlich, wenn ausgerechnet in der Rekonvaleszenz-Phase des westlichen Kapitalismus neue Erreger auftauchen wie die sich zuletzt häufenden Fälle „moralischer Instanzen“, die ihre private Gier vor das Gemeinwohl stellen. Die einen gehen kreativ und via Schweizer Konten mit ihren Steuerpflichten um wie Alice Schwarzer oder Ulli Hoeneß, Gutmensch vom FCB, andere vergessen jahrelang wegen hoher Arbeitsbelastung ihre Einnahmen zu versteuern wie Theo Sommer, Ex-Chefredakteur der ZEIT. Natürlich „bereuen“ diese prominenten Steuersünder hinterher und leisten meist, ganz im Sinn der katholischen Ablass-Dramaturgie, „Sühne“, etwa indem sie gemeinnützige Stiftungen etc. gründen. Da haben sie wiederum dem Durchschnittsbürger, der seine Putzfrau nicht anmeldet oder samstags pfuscht, einiges voraus.

schwarz_weißEs geht hieraber nicht um das Bashing von vermeintlichen moralischen Ikonen (das besorgen die Medien) – der Mensch ist nun mal wie er ist (also weder nur altruistisch noch nur egoistisch). Es geht um die Betonung der wertvollsten Ressource einer funktionierenden Gesellschaft: Vertrauen. In einer zunehmend virtuellen Gesellschaft ist Vertrauen die heimliche Leitwährung. Das soziale Kapital ist geradezu die Voraussetzung einer intakten Community – und einer vernetzten Wirtschaft.

DSC_0504Untersuchungen über glückliche Staaten belegen es seit Jahren: weiche Faktoren wie soziale Beziehungen und der Ausgleich sozialer Unterschiede entscheiden mit über unser Lebensglück. In den wirtschaftlich erfolgreichen Staaten Skandinaviens ist der soziale Zusammenhalt nicht zufällig viel stärker ausgeprägt als in südlichen Ländern wie Griechenland oder Italien (wo die Familie, nicht aber das staatliche Gemeinwohl im Fokus steht). Der Zusammenhalt einer Gesellschaft basiert, so eine Studie der Bertelsmann Stiftung („Radar gesellschaftlicher Zusammenhalt“), im Wesentlichen auf dem Vertrauen in Mitmenschen und in Institutionen.

Wenn aber nun etablierte Institutionen dieses Vertrauen der Bürger verspielen, geht es ans Eingemachte. Der ADAC, im Automobilland Deutschland bislang so etwas wie eine kollektive Identitäts-Maschinerie und „als Idealverein eine große Solidargemeinschaft“ (ADAC-Präsident Meyer 2002), trickst bei Statistiken, offenkundig beim imageträchtigen Autopreis „Gelber Engel“ (nun überlegen die Autokonzerne zu Recht unisono, die ADAC-Preise der vergangenen Jahre zurückzugeben).

Was, außer dem „Lieblingsauto der Deutschen“, wird noch alles manipuliert? fragt sich verärgert der verunsicherte Konsument. Braucht der Markt mehr Moral? Braucht er Unternehmen mit gelebter gesellschaftlicher Verantwortung (und nicht nur mit einer aufgebrezelten Compliance-Agenda)? Klares: ja!

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Der moralische Markt beruht nicht auf einem noch strafferen Regelwerk, sondern auf gelebten kulturellen Werten. Max Weber forderte einst, die „Kultur des Marktes“ müsse „eine Kultur des Maßes“ sein. Maß bedeutet nicht Mittelmaß, es ist vielmehr der Missing Link zwischen individuellem Profit und sozialer Verantwortung, so etwas wie die ethische Ideallinie des (rheinischen) Kapitalismus. Geben und Nehmen, persönlicher Gewinn und kollektiver Nutzen, Egoismus und Altruismus müssen sich die Waage halten, wie es einst Ideal des „ehrbaren Kaufmanns“ war.

Je virtueller und komplexer unsere sozialen und geschäftlichen Netzwerke werden, desto wichtiger wird dabei Vertrauen, ein verbindliches Werteset. „Vertrauen ist die Strategie mit der größten Reichweite. Wer Vertrauen schenkt, erweitert sein Handlungspotenzial erheblich“, hatte der Soziologe Niklas Luhmann richtig erkannt. Wer das beherzigt, wird im „Caring Capitalism“ von morgen aktiv mitspielen.

Ausgezeichnete Studie der Bertelsmann Stiftung zum Thema „Gesellschaftlicher Zusammenhalt“ im Vergleich europäischer Staaten: http://www.gesellschaftlicher-zusammenhalt.de/

Dieser Beitrag wurde unter Gesellschaftlicher Wandel abgelegt und mit , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s