Gardening – das letzte Glück der Postmoderne

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Das Glück des postmodernen Städters ruht auf drei Pfeilern: Sex, Social Cooking und – Gärtnern. Alle drei haben mit Genuss zu tun, wobei Gärtnern wohl das langlebigste Vergnügen ist.

Über 45 Millionen Deutsche bewirtschaften einen eigenen Garten, 150.000 Kleingartenvereine gibt’s im Geburtsland des Schrebergartens, in Österreich wiederum werden rund 40.000 Kleingärten gehegt und gepflegt. Nein, nicht nur bierbäuchige Gartenzwerg-Karrikaturen schlurfen durch diese Psychotope, auch immer mehr junge Familien aus urbanen Leitmilieus bevölkern Lauben und grüne Lungen.

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Die boomende Gardening-Bewegung kennt viele Ausprägungen – ob das Züchten der eigenen Pimientos auf dem Balkon, ob verwinkelter Bauerngarten hinterm Haus, ob cool designte Landschaftsgärten, militärisch gestutzte Buchshecken oder das Guerilla Gardening, bei dem sich Nachbarn wie du und ich Brachland im städtischen Raum „untertan“ machen und den Beton zum Blühen bringen. Streuobst, ick hör dir trapsen.

P1030268_Gesellschaftskritiker rümpfen widerwillig die Nase – „Der deutsche Garten, er ist auch ein Narkotikum“ (Georg Seeßlen), die Garten-Center jubilieren und die Hipster (Achtung: Flower-Selfie mit geblümtem Bart) buchen ungerührt einen mehrsprachigen Kompost-Workshop im Nachbarschaftsgarten. Alles Schwachsinn, kleinbürgerliche Selbstverwirklichung oder gar antikapitalistischer Reflex im Szeneviertel?

Sowohl als auch. In einer städtischen Welt der „Nicht-Orte“ (Marc Augé) ndelt der eigene Garten zahlreiche antizivilisatorische Sehnsüchte. Er ist nicht nur eine Insel der Entschleunigung inmitten einer nervösen Pop up-Kultur, ein Symbol des Groundings. Der Garten ist die (erdige) Antithese zum disruptiven Wachstum der digitalen Ökonomie – Pflanzen wachsen allmählich, nach eigenem Rhythmus, sie gehorchen dem Gesetz der Evolution und nicht dem der Revolution. Dieser überschaubare und – dabei nicht wirklich kalkulierbare – Lebenszyklus eines Gartens, dieser beständige Wechsel von Wachsen und Vergehen, von Blühen und Verblühen ist es, wonach sich der digitale Nomade sehnt.

2008, als die strukturelle Krise der westlichen Markt-Gesellschaft sichtbar ihren Anfang nahm, konnte man dieses Phänomen noch als Reflex gegen die Auswüchse der Wachstumsideologie abtun. Eigene Tomaten auf dem Balkon züchten, die Kräuter für das Pesto – selbst Promis brüsteten sich damals mit dieser Selbstversorgung auf der Dachterrasse.

Doch in den letzten Jahren ist der Garten raumgreifend mehr und mehr zur Ersatz-Religion geworden, zur Firewall vor Performance-Denken und konsumistischer Monokultur.  Back to earth: die eigenen Finger schmutzig machen, säen, pflegen – und irgendwann (hoffentlich) auch ernten.

Der eigene (und sei er noch so kleine) Garten widerspiegelt die Sehnsucht nach wildem, ungezähmten Wachstum, nach Aufblühen der eigenen Freiheit. Der Garten ist der letzte Zufluchtsort des Städters, den dieser (außer seinem Körper via Body Design mit Piercings, Tattoos etc.) nach seinem Willen gestalten kann.

green_gymSoziale und ökologische Werte gehen in urbanen Garten-Projekten eine spannende Symbiose ein – Urban Gardening als Crowd Sourcing mit dem grünen Daumen, als grüne Landmark wie die High Line in New York, ein blühendes Beispiel für Bottom up-Initiativen und der wohl schönste grüne Catwalk weltweit. Immer mehr Häuser lassen an ihren Fassaden vertikale Gärten emporwachsen (Monsieur Blanc sei Dank), in Tokyo vermietet eine Bahngesellschaft neuerdings Gartenbeete auf dem Bahnhofsdach – an Pendler, die sich dort gärtnernd von anstrengenden Zugfahrten erholen können. In London gibt es an an einer Buslinie mehrere „essbare Gärten“ (eingetragene Marke: ‚The Edible Bus Stop‘). Und dass Fitness im Park (Green Gym) angenehm zielführender ist als im Studio, spricht sich auch herum. Naturräume haben bekanntlich eine regenerative Wirkung und reduzieren Stress.

DSC_0153Die Postmoderne lebt von und mit Paradoxien. Eine davon lautet: die Stadt von morgen wird grüner, Stadt und Natur verschmelzen immer mehr. Es ist in der Tat ein Zeichen des guten Lebens, wenn man abends seine Pflanzen auf dem Balkon gießt, ihnen beim Wachsen zusieht und zufrieden in den Himmel über den Dächern der Stadt schaut. Oder wie Hanno Rauterberg in seinem klugen Buch „Wir sind die Stadt“ schrieb: „Wer gärtnert, lebt in Erwartung“.

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