Sharing City: warum die urbane Beteiligungskultur zunimmt

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Ist die glückliche Stadt eine die teilt? Ja. Die Sharing City hegt und pflegt ihr soziales Kapital und entwickelt mit ihrer Schwarm-Intelligenz Orte von kleinräumiger Lebensqualität. Öffentliche Räume sind immer auch soziale Räume, wo sich Beziehungen entfalten können.

Die flüssige Ökonomie des frühen 21. Jahrhunderts beruht auf den Kerntugenden der digitalen Gesellschaft – Vernetzung und Kollaboration. In diesem Sinn sind auch städtische Akteure Teil eines beweglichen Ökosystems, in dem die soziale und ökonomische Wertschöpfung verstärkt partizipativ erfolgt. In unseren Städten wächst denn auch eine (nicht selten kreative) Beteiligungskultur, die Verwaltung und Bürger, Wirtschaft und Konsumenten vernetzt.

IMG_2644Der partizipative Wertewandel ist längst in der breiten Bevölkerung angekommen. So wollen 76 Prozent aller (deutschen) BürgerInnen und 75 Prozent der EntscheiderInnen, dass die Bevölkerung bei wichtigen Fragen zu öffentlichen Themen mitredet und ihre Positionen darlegt, bevor die Politik entscheidet (Quelle: Bertelsmann Stiftung, „Partizipation im Wandel… Städte im Fokus“). Keine Frage, die Macht der Crowd, der interaktive Virus verändern das atmosphärische Design der Stadt und die städtischen Gestaltungs-Prozesse. Diese Beteiligung hat aber – das muss klar gesagt werden – auch ihre strategischen (in jedem Einzelfall speziell auszulotenden) Grenzen in einer Demokratie, in der gewählte Repräsentanten eine finale Entscheidung treffen müssen.

Fact ist, die virale Beteiligungs-Kultur verändert das Gewebe der Stadt – von Nachbarschafts-Projekten über Stadtentwicklung bis hin zur Stärkung lokaler Ökonomien (CoWorking Spaces etc.), von der blühenden Sharing Economy (Repair Cafés, Food Sharing etc.) und Social Business-Modelle bis hin zu (umstrittenen) touristischen Formen des Teilens wie AirBnb und Uber.

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Better Neighbourhood

Aus passiven Stadt-Konsumenten werden aktive Stadt-Prosumenten, die sich den öffentlichen Raum erobern und diesen – also ihr unmittelbares Lebensumfeld – gemeinsam mit anderen (mit) entwickeln wollen. Diese Partizipationsmuster sind nicht mehr umzukehren, sie sind die Grundmelodie einer digital vernetzten Gesellschaft, die (konditioniert durchs Internet) auch ihre physische Realität und ihre Lebensräume selbst mitgestalten will.

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Für die Stadt-Politik ist dieses partizipative Muster nicht immer einfach zu handhaben – Konflikte unter den Akteuren sind vorprogrammiert. Kluge Verwaltungen (und davon gibt es immer mehr) sind agil und reagieren proaktiv – wenn ein Baum gefällt wird, hängt die Stadt vorsorglich eine Informationstafel an den betreffenden Ort, dass der Baum aus Krankheitsgründen leider ausgetauscht werden muss und morgen um 10.30 ein neuer gepflanzt wird…

Das Hauptmotiv der Bürgerbeteiligung liegt m.A.n. in einem legitimen Bedürfnis: jenem nach Akzentuierung städtischer Lebensqualität. Das Lokale, die eigene Nachbarschaft, erhalten eine aufgeladene emotionale Bedeutung in einer „Welt der Nicht-Orte“, die (so der Anthropologe Marc Augé) „keine Identität stiften, keine gemeinsame Erinnerung erzeugen und keine sozialen Beziehungen schaffen.“ Diese Orte „des kollektiven Identitätsverlusts” (die es in jeder Stadt gibt) werden nun aber nicht mehr einfach so hingenommen – nein, sie wollen verbessert, verschönert und mit Leben beseelt werden – es muss ja nicht gleich Urban Knitting sein (wo Laternenpfähle biedermeierlich mit Strickwaren behübscht werden).

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Allerorts engagieren sich Bürger für das „Common Good“, kämpfen für die Aufwertung städtischer Lebensräume (diese sollen naturgemäß leistbar, sozial und ökologisch verträglich sein). Viele Stadtbewohner wehren sich in Initiativen gegen die „da oben“, die nun langsam erkennen, dass aus dem Bürger, dem verwalteten Objekt, ein nun handelndes Subjekt geworden ist. Im Gegensatz zu den historischen 68ern sind die Aufbegehrenden heute keine freien Radikalen, sondern arrivierte Bürger aus der gesellschaftlichen Mitte.

Logo-Stadtisten_klein_rgbDa picknicken am Sonntag Menschen wie du und ich auf Stuttgarter Plätzen und diskutieren ihre Ideen zur Stadtgestaltung, verfassen das Stadtistische Manifest („Stadtisten sind keine Statisten. Statisten stehen am Rand oder im Hintergrund des Geschehens – Stadtisten wollen ins Zentrum der politischen Gestaltung”). Dort kippen Bürger in Jena in einer Bürgerbefragung mehrheitlich die Pläne zur Bebauung des zentralen Eichplatzes und entwickeln störrisch eine eigene Vision von innerstädtischer Lebensqualität.

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Das soziale Kapital treibt bunte Blüten – es ist ein Asset einer lebendigen Stadtkultur. In Rosenheim und anderen bayerischen Städten gestalten Architekten – vom Bund gefördert – kreative „Stadtoasen“, schaffen gemeinsam mit Jugendlichen soziale Aktionsräume für eben diese (oft vernachlässigte) Gruppe, in Hamburg turnen Arbeitslose und Manager gemeinsam im Park (Green Gym) und legen Beete an – inzwischen schicken Firmen wie Tchibo oder Ergo ihre Mitarbeiter in den Park. In Innsbruck belebt Die Bäckerei – eine Kulturbackstube – den städtischen Raum, entwickelt experimentelle, hybride Orte (wo sich Arbeit und Freizeit vermischen), z.B. Coworking-Spaces. Letztere werden ja inzwischen auch von kommunaler Seite als Instrument der Aufwertung von Immobilien und maroder innerstädtischer Zonen eingesetzt.

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„Wir sind die Stadt“ ist allerorts das interaktive Leitmotiv: und so malen biedere Hausfrauen und honorige Gewerbetreibende über Nacht einen Zebrastreifen als sicheren Übergang aufs Pflaster ihrer Straße, oder es finanzieren Bewohner lokale Crowdfunding-Projekte in ihrer Nachbarschaft (eine Fußgängerbrücke in Rotterdam, ein Pool im Hudson River, New York usf.). Es ist nicht nur das Unbehagen der Stadtbürger gegen wachsende soziale Ungleichheit und politische Missstände (von San Francisco über Istanbul bis Hongkong), es ist in unseren Breiten vor allem das Bedürfnis, das eigene Wohlergehen verantwortungsvoll mit dem kollektiven zu verbinden. Shared City eben.

 

Andreas Reiter hielt vor kurzem bei einer Tagung von Stadtmarketing Austria einen Vortrag zum Thema „Urbane Beteiligungstrends“ http://www.ots.at/presseaussendung/OTS_20141007_OTS0040/beteiligungstrends-und-kollaborative-beziehungen-in-staedten-bild

Links zu interessanten städtischen Initiativen (jeweils auch Foto-Credits):

http://www.diebaeckerei.at/

http://www.die-stadtisten.de/

http://www.jenapolis.de/

http://www.stadtoasen-rosenheim.de/

http://www.heilendestadt.de

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2 Antworten zu Sharing City: warum die urbane Beteiligungskultur zunimmt

  1. Romana schreibt:

    Wie es anderen geht, weiß ich nicht. Doch ich finde das Blau hier recht schlecht zu lesen.

    Durch das Internet wird zunehmend Kollaboration gefördert, nicht nur dass Menschen zusammen Produkte entwickeln oder an sozialen, ökolgischen Themen arbeiten sondern auch eben vor Ort: „unser Schiff soll schöner werden“.

    Der Mensch hat sicherlich ein Bedürfnis nach kreativem Selbstausdruck. Simplifiziert: „gestalte dir die Welt wie sie dir gefällt“. Ich kann’s nur begrüßen. Doch es braucht auch noch viel mehr Angebote, entspechende Struturen dafür zu schaffen. Online vernetzen und online als auch vor Ort tätig werden.

    Die Frage ist, wer will seine Ideen dem Gemeinwohl spenden und wer will dafür honoriert werden? Sicherlich wird es hier auch Unterschiede geben. Die Frage finde ich auch sehr berechtigt. Wenn Privatpersonen oder Menschen die nicht beauftragt werden, Erfindungen oder Verbesserungen zum Wohle aller machen, ist das nicht auch in der einen oder anderen Weise zu honorieren? Wie wäre es z.B. mal Straßenbelege zu innovieren?! Wieviel Geld wird jährlich für Straßenreparaturen verschwendet! http://www.zeit.de/mobilitaet/2014-10/strassenbau-sanierung-kosten

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    • Andreas Reiter schreibt:

      Ja, „unser Schiff soll schöner werden“… dies fasst seht schön die Motivation vieler in dieser neuen Beteiligungskultur zusammen… Danke. Und bezüglich Schrift: der Blog wird ohnedies demnächst im Zuge unseres neuen Webauftritts vom Layout her verändert.

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