Flüssige Welten, flüssige Preise

PA290159_-05-02.jpegNa endlich! 10 Euro für den Eintritt auf dem Markusplatz in Venedig… Mit variabel gestalteten Preisen für Tagesbesucher (von 3-10 Euro je nach Frequenz und Jahreszeit) will Venedig ab Mai 2019 die überbordenden Touristenmassen in der Stadt steuern. Auch wenn dieses Ticketing viele Besucher verärgern wird („Reisen ist demokratisiertes Alltagsgut“, „Die Stadt gehört allen“ undso) – ein situatives Lenkungsinstrument über den Preis ist m.A.n. längst überfällig – und das nicht nur, um den Overtourism zu bekämpfen. (Bei öffentlichen Räumen ist hier freilich eine politisch-ethische Diskussion erforderlich – um öffentliche und private Interessen, bürgerliche Grundrechte und kommerzielle Interessen möglichst auszubalancieren.)

Ich habe schon vor Jahren eine Zunahme dynamischer Preismodelle in Handel, Gastronomie und Tourismus prognostiziert – diese können schließlich für beide Seiten – Anbieter wie Nachfrager – attraktive Vorteile eröffnen. Was Airlines und Hotels inzwischen mehr oder weniger ausgefeilt betreiben, schwappt allmählich auch auf andere Branchen über. Revenue Management im Alltagskonsum. Ein Tagesskipass bei herrlichem Schönwetter, und noch dazu am Wochenende? Ja, aber dann wird man einen Zuschlag bezahlen müssen. Umgekehrt sinkt bei Schlechtwetter und Nebellage der Preis für den Kunden. Anbieter können so ihre Auslastung besser steuern, smarte Kunden situativ günstiger fahren. Noch sind solche Dynamic Pricing-Modelle erst in einigen großen Skigebieten (vor allem in der Schweiz) umgesetzt, doch ein smartes Konsumverhalten und eben solche Technologien sprechen für eine breitere Durchsetzung. Flüssige Zeiten, flüssige Preise.

IMG_3138(1)-01-01-03Flexible Preismodelle müssen jedoch weit über das alte Spiel von „Begehrlichkeit schaffen durch Verknappung“ hinausgehen. Ein Produkt allein über den Preis zu verkaufen, wäre das Ende einer nachhaltigen Positionierung. Eine Marke darf sich nicht in einen Preiswettkampf begeben, kann sich aber sehr wohl über die In-Wert-Setzung unterschiedlicher Erlebnisse über unterschiedliche Preise verkaufen. Wir haben es schließlich mit einer neuen Erlebnis-Architektur zu tun, einem kulturellen Wertewandel, der letztlich tief in die Verhaltensökonomie eingreift.

Zum einen passen starre Konstrukte generell nicht mehr zu den flüssigen Lebensstilen unserer digitalen Moderne, die Flexibilisierung von (privaten wie beruflichen) Biografien, von Arbeitszeit/-ort ist ebenso selbstverständlich wie ein 24/7-Konsum, individuelle Lösungen haben standardisierte Verfahren ersetzt. Unsere hyper-dynamische Gesellschaft ist in ihren Lebensstilen und Konsum-Präferenzen extrem ausdifferenziert und agiert situationselastisch, passende Apps und Algorithmen ermöglichen die stets beste individuelle Lösung. Begehrlichkeiten wollen sofort, on demand, gestillt werden. Dafür sind die meisten Konsumenten auch bereit, mehr zu bezahlen – wenn denn das begehrte Produkt einen starken Erlebniswert hat und das eigene Prestige triggert.

hatecke_2cool_butcher_packaging_design(1)-01-02-01In unserer Ökonomie der Aufmerksamkeit geht es primär um die „Logik des Besonderen“, wie es der Soziologe Andreas Reckwitz so schön formuliert hat: „Etwas gilt (nur dann) in der Welt, wenn es… singulär ist, wenn es affektiv anspricht.“ Damit rückt die narrative Qualität von Produkten und Erlebnissen in den Vordergrund. Anbieter müssen mit einem sanften Nudging die Entscheidungen von Konsumenten in die gewünschte Richtung „stubsen“. Begehrliche Narrative, Marken-Erzählungen, die in das Sehnsuchts- und Werteset der Nutzer treffen, sind ein wichtiger Pfeiler dieser Entscheidungsarchitektur.

Wer künftig die „Mona Lisa“ oder Klimts „Kuss“ zu Tagesrandzeiten (und möglichst in Kleingruppe) im Museum betrachten will, bezahlt dann eben einen beträchtlichen Zuschlag bei der Reservierung. Wer in Zukunft seinen Cocktail unbedingt bei Sonnenuntergang auf dem Markusplatz süffeln möchte, wird mehr zahlen müssen als an einem nebligen Vormittag – eine Differenzierungs-Strategie seitens des Kunden. Er investiert schließlich in die künftige Erinnerung und lädt damit seine eigene Biografie auf.

Neue (Preis-)Formate tragen der Sehnsucht der Erinnerungs-Sammler nach einem ungewöhnlichen und damit differenzierenden Narrativ Rechnung: Wer z.B. heute im gehypten Berliner Restaurant „Ernst“ ein 25-Gänge-Menu genießen will, muss nicht nur das „Ticket“ im Voraus kaufen, sondern pünktlich zum Auftakt der abendlichen Choreografie erscheinen. Das Abendessen wird so zu einem begehbaren Event und Identitäts-Marker, der Preis fürs Essen wird in ein Erlebnis-Ticket umcodiert. Nichts ist mehr, wie es war. Und das hat eben seinen Preis.

 

öhvDieser Beitrag wurde in „die lobby. Das Magazin der Österreichischen Hoteliervereinigung“ im Frühjahr 2019 veröffentlicht.

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