Die Musealisierung der Welt

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Die Bewohner der pittoresken Rue Crémieux in Paris gehen auf die Barrikaden: sie wollen ihre Straße mit den bunten Häuserfassaden – ein Hot Spot für Instagrammer (#ruecremieux, aktuell 32.070 Posts) – an beiden Enden mit einem Tor abriegeln und so abends und am Wochenende die Touristen aussperren. Closed Shop.

Man kann die von Selfie-Jägern belagerten Bewohner verstehen oder gar bedauern – doch dieses Beispiel ist nur eines von vielen in einer Welt, in der ziemlich viele Menschen unablässig und überall bedeutungsvolle Bilder von sich kreieren, auf der Suche nach einer sehr speziellen Erzählung, einem außergewöhnlichen Rahmen für ihr Ego. Die eigene Identität, so fragil und so flüssig sie oft sein mag, soll sich schließlich festigen durch die sorgfältig arrangierten Bilder – ob beim Kopfstand in der Rue Crémieux, beim Business-Marathon auf den Lofoten oder beim Lach-Yoga im schicken Ökohotel.

„Die Ökonomie der Singularitäten ist eine performative Ökonomie, mit Gütern als anziehenden Aufführungen vor einem Publikum“, brachte es der Soziologe Andreas Reckwitz wunderbar auf den Begriff. Ja, postmoderne Konsumenten sind Symboljäger und Distinktionskünstler. Mal Publikum, mal Selbstdarsteller – permanent seziert der Mensch seine Empfindungen, arrangiert diese zu immer wieder neuen Erzählungen über sich selbst. Er hegt die eigene Stimmung in flüssige (Instagram-) Stories ein oder in feste – analoge – Erlebniswelten.

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Letztere freilich verschwinden immer öfter hinter Drehkreuzen. Die analoge Welt schließt sich immer mehr ein (und viele aus), nicht nur in der Pariser Rue Crémieux. Der Eintritt für öffentliche Hot Spots wird schon bald zur Norm – Venedig, Amsterdam, Dubrovnik (ab 2021) für Tages- bzw. Kreuzfahrtgäste sind hier die Vorreiter, aber auch auf Spitzbergen müssen Tagesbesucher erst an den Kassen vorbei. Wer sich durch die engen Gassen der italienischen Orte Polignano a Mare und Civita di Bagnoregio drängen will, muss ebenfalls dafür bezahlen. In China haben Bauern ihre Äcker zu Selfie-Gärten umgestaltet, für die sie selbstverständlich Eintritt verlangen. Die Ökonomisierung der Orte geht einher mit deren Musealisierung. Wir betreten Kunstwelten, clean und aseptisch wie ein Instagram-Foto. Die Fiktion ist die eigentliche Realität.

Die Welt wird zunehmend zum Museum, zu einem Ort des kuratierten Staunens. Das Begehren wird mit einem Ticket eingelöst. Mood to rent. Nichts passiert mehr zufällig, der Nutzer wird getrackt und getriggert, Algorithmen nehmen uns an der Hand und führen uns  zum Objekt der Begierde, zu den erwarteten Überraschungen. Und so treiben wir brav dahin in Bubbles, in eng geschlossenen Blasen, in unseren angestammten Milieus. Immer auf der Suche nach einer neuen, aufregenden Erzählung, in die wir schlüpfen können.

1_gron_museumKonsumprodukte und (mehr noch) Erlebnisse haben metaphysische Ersatzfunktionen – sie müssen berühren, transformieren, Identifikation bieten. Da muss großes Theater her, Gefühle, die einen sich selbst wieder spüren lassen, egal ob in aufregenden Retail-Konzepten, auf der kunstvoll illuminierten Piazza oder eben in der Pariser Rue Crémieux. Dafür bezahlt man gerne Eintritt, schließlich kann man dort besichtigen, was einem am liebsten ist: die eigenen Fantasien und Fiktionen. Denn wirklich überraschen kann einen in dieser kuratierten, perfekt arrangierten Welt nichts mehr.

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