Urban Living: zwischen Slim Fit und kuratiertem Wohnen

Sag mir, wie du wohnst, und ich sage dir, wer du bist… Zu den wichtigsten Identitäts-Markern des Menschen gehört, neben Partner/Familie und Beruf auch die Wohnung. Sie ist die äußerste Hülle des Menschen. Sie ist der unmittelbarste und intimste Ort, an dem man „früher oder später eine Geschichte erfindet, die man für sein Leben hält“ (Max Frisch).

Damit wir gerne wohnen, sind einige Voraussetzungen unabdingbar. Zu solchen Basic Needs  gehören Sicherheit, Privatheit, Komfort u.a – quasi die anthropologischen Primärtugenden. Es steigen, abhängig von kulturellen und Milieu-Unterschieden, nicht nur die ästhetischen und funktionellen Ansprüche an Wohnungen, sondern auch die Wohnfläche (sie liegt in Mitteleuropa bei rund 45 m² pro Person.)

Doch gerade in den angesagten Schwarmstädten und in den Metropolen, in die es die jungen Leute zieht, wird leistbares Wohnen – mit den gewohnten Ansprüchen – zur gesellschaftspolitischen Herausforderung. Der Verteilungs-Kampf entzündet sich immer stärker entlang der Wohnungsfrage und den steigenden Mieten: im einstigen Subkultur-Biotop Berlin etwa verdoppelten sich die Mietkosten in 20 Jahren von 4,30 Euro pro Quadratmeter (1998) auf 9,70 Euro (2018). Jetzt steht – wir schreiben das postrevolutionäre Jahr 2019! –  ein Volksbegehren zur Enteignung privater Wohnungsunternehmen in Berlin an, die Stadt will zudem die Mieten auf 5 Jahre hin einfrieren – eine Idee, die manche Politiker gerne auf andere Standorte skalieren würden. Da scheint eine Schmerzgrenze vieler Bewohner erreicht – insbesondere auch die der jungen Talente, die häufig in befristeten, „prekär bezahlten Jobs“ arbeiten, mit den „Anforderungen einer hippen irgendwas mit Projektmanagement-Ausschreibung…“ (Bianca Jankovska, Das Millennial Manifest).

Die jungen Millennials haben nicht umsonst die Sharing Economy erfunden – diese erst ermöglicht ihnen den Zugang zu Produkten und Services, die sie sich sonst oftmals nicht leisten könnten (von der Mobilität on demand bis zu günstigen Städtetrips). Europaweit, so ergab der Life at Home Report 2018 von IKEA, vermietet knapp jeder Vierte in Gemeinschaftswohnungen seinen Wohnraum über AirBnB. Doch genau hier drehen bekanntlich viele Städte, von Amsterdam bis Wien, die Daumenschrauben an, um ihren umkämpften Wohnungsmarkt zu schützen. Man kann den Wohnungsmarkt bis zu einem gewissen Grad regulieren, aber nicht kulturelle Veränderungen aufhalten.

Eine davon ist: Wohnen wird durchlässiger, die Immobilie mobiler. Jeder Lebenszyklus verlangt nach anderen Wohn-Lösungen. Ehemals getrennte Funktionen wie Wohnen und Arbeiten vermischen sich, Bewohner und Touristen finden sich in temporären Communities zusammen. Lebensstile werden flüssiger. Flüssige Moderne, flüssige Formate.

Wohnen im städtischen Raum kennt künftig folgende ausdifferenzierte Formate:

  • Renaissance des kommunalen Wohnbaus
  • Kuratiertes Wohnen
  • Co-Living
  • Slim Fit-Housing.

Der städtische Wohnungsmarkt segmentiert sich in Zukunft noch stärker, spiegelt die gesellschaftliche Polarisierung wieder. Um den sozialen Frieden in einer von KI und Automatisation getriebenen  Ökonomie zu garantieren, kommt es künftig zu einer Renaissance des sozialen Wohnens, zu einer neuen Welle des kommunalen Wohnbaus (da wird oft neidvoll nach Wien geschaut, wo 31 % der Bewohner in kommunalen Bauten leben). Soziale Balance aber kann nur mit einer Durchmischung in den Quartieren gelingen – ansonsten verbleiben alle in ihren Bubbles, die einzelnen Milieus driften noch weiter auseinander.

Im oberen Segment hingegen entwickelt sich das kuratierte Wohnen: je nach Lifestyle-Milieu und Bedürfnissen werden hier griffige Wohn-Labels entwickelt, die Identität und Prestige der Nutzer stärken. Branded Living also, bevorzugt an symbolträchtigen Orten, z.B. einer Waterfront. Wohnen wird hier zu einem Narrativ der Performer: Seht her, ich habe es geschafft.

Bei den Jungen wird es bunter und unüberschaubarer, unzählige Formen des Community Living greifen hier um sich und wuchern rhizomartig über die noch nicht gentrifizierten Stadtteile. Pragmatismus, kooperative Formate (Co-Living) und Experimentierlust verschränken sich hier, gerade auch in Formaten abseits der tradierten Wohn- und Hausgemeinschaften, Baugenossenschaft u.a. Pop-up-Housing (Container auf dem Dach u.a.) gehört hier ebenso dazu wie die kreative Bespielung von Transformationsräumen (umgebaute Parkhäuser, Wohnen in ehemaligen Handels- und Gewerbeflächen u.a.).

Und: es sind die 2nd und 3rd Cities, die künftig für junge Talente interessant werden. Denn diese folgen gerne den Kreativen Milieus und den Start-up-Karawanen, die sich inzwischen auch in Clustern in mittleren Großstädten (Karlsruhe, Augsburg etc.) niederlassen.

Die flüssige Moderne bringt aber auch eine Neucodierung des temporären Wohnens mit sich. Während in den Speckgürteln der Städte die Einfamilienhäuser-Träume junger Familien wuchern, wird in den verdichteten Metropolen das Slim-Fit-Wohnen stärker ausgerollt, Ressourcen schonende Mikro-Appartements hochgezogen. Mini-Flächen, smart konzipiert – im High-End-Segment für urbane Performer ebenso wie im Budget-Bereich.

Funktionen werden ausgelagert, ein 360°-Service bespielt die Customer Journey. Die Wohnung ähnelt einem Smartphone-Display mit all seinen Selbstoptimierungs-Apps. Das smarte Mini-Appartement deckt die Grundbedürfnisse ab, fungiert als Hub im städtischen Netzwerk. So eine Wohnung abonniert man wie Netflix, convenient und geschmeidig. Mehr nicht. Die wahren Glücksgefühle aber, die sozialen Begegnungen, die gibt’s draußen in der analogen Nachbarschaft, diese wird als Ankerplatz für die eigene Identität umso wichtiger.

 

Dieser Beitrag beruht auf einer Key Note, die Andreas Reiter vor kurzem auf Einladung des Urban Land Instituts in den Räumlichkeiten der Wirtschaftskanzlei Wolf Theiss Partner in Wien hielt.

©Daniela Klemencic / Wolf Theiss

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