Neu-Land: die Wiederauferstehung des ländlichen Raums

Die Geographie entscheidet über die Biographie, vorerst zumindest: 2050 sollen 8 von 10 Bewohnern Deutschlands in Städten leben. Die großen Metropolen und die angesagten Schwarmstädte saugen weiterhin junge Talente ab, fegen ganze Dörfer leer. Auf dem Land bleiben die 3 A’s zurück: die Alten, die Abgehängten, die Arbeitslosen. Stadt. Land. Schluss.

Wer jedoch diese Dynamik einfach so fortschreibt, verkennt die Kraft evolutionärer Wild Cards. Das Ende der Peripherie, der Rückbau ganzer Landstriche ist keineswegs so ausgemacht, wie es Prognosen verkünden. „Wenn es einen Wirklichkeitssinn gibt, muss es auch einen Möglichkeitssinn geben“ (Robert Musil). Neue Möglichkeiten für sich selbst sehen und diese ergreifen – ja, das verbindet man gemeinhin mit der Stadt… Galt die Stadt traditionell als Verkörperung einer besseren Zukunft („Stadtluft macht frei“), so sind künftig auch ländliche Regionen vermehrt Projektionsräume für ein besseres Leben.

Was es dafür braucht? Natürlich strategische Investitionen in eine zukunftsfitte Infrastruktur (5G, neue agile Mobilitätskonzepte usf.), in modulare Daseinsvorsorge (Bildung, Gesundheit etc. an konzentrierten Spots)… Und: Jobs, Jobs… Doch diese gibt es, wenngleich nicht überall, so doch in den vielen mittelständischen Unternehmen, die (häufig überraschend) mitten auf dem Land sitzen, man denke nur an die zahlreichen Hidden Champions in den mitteleuropäischen Regionen. Die seit einigen Jahren praktizierte Verlegung von Bundesbehörden in Randregionen ist sinnvoll nur dann, wenn sie etwa von F&E-Einrichtungen u.a. begleitet wird.

In erster Linie aber braucht es eine kraftvolle Vision, ein Narrativ des Aufbruchs. “The countryside as frontline of transformation“ (Rem Koolhaas).

Wie sehr die Erzählung eine Rolle spielt, das Image, das da „draußen in der Welt“ zirkuliert, zeigt ein Blick in die Geschichte: die heute blühenden und wohlhabenden Tourismus-Destinationen in den Alpen waren noch vor 150 Jahren bitterarme, trostlose Landstriche, in denen sich die Menschen nur dürftig über Wasser halten konnten. Erst die romantische Sehnsucht der Städter nach unberührter Natur hatte eine Entwicklung in Gang gesetzt, die viele dieser Regionen, von Südtirol bis zum Allgäu, zu begehrten Lebens- und Wirtschaftsräumen machte. In dieser Entwicklung spielen Narrative eine treibende Rolle. Es gilt, neue und starke Bilder in die Köpfe und Herzen der Menschen zu pflanzen und so Begehrlichkeiten zu wecken.

Warum und wie der ländliche Raum den Relaunch schafft?

  • Auf der (künftigen) Stadtflucht-Welle schwimmen: Städte stoßen immer öfter an ihre Grenzen (rasant steigende Mieten, wachsende soziale Ungleichheiten), ihr Erfolg als Magnet für junge Talente und Investoren erweist sich da und dort als Bumerang. Stadtflucht als Gegenbewegung: Junge Menschen kehren den Großstädten mit ihren strukturellen Krisen den Rücken und verwirklichen ihre Vorstellung vom guten, leistbaren Leben auf dem Land – in der ortlosen Digitalen Moderne längst keine Utopie mehr. Wo sich Arbeit und Freizeit überlappen, kann man – in den wissensbasierten Berufen – auch jenseits urbaner Hubs gut leben.
  • Das Land als Zukunftslabor: im Radius der Metropolen basteln ambitionierte Menschen – oft Zugezogene – an neuen Lebensentwürfen, ob in Brandenburg rund um Berlin, im Schwarzwald oder im Piemont. Sie experimentieren mit achtsamen Lebens- und Wirtschaftskonzepten – vom Co-Living bis zur regionalen Kreislaufwirtschaft. Die neuen LandbewohnerInnen glauben an eine bessere Welt und entwickeln eine nachhaltige, Ressourcen schonende Ökonomie.

  • Proaktives Narrativ: die Smart Rural Aerea. Diese Erzählung dockt nicht an eine Retro-Idylle an, sondern verknüpft die hohe Lebensqualität des Landes mit der algorithmisch getriebenen Daten-Ökonomie von morgen. Dank der strategischen Verschränkung von Big Data, Green Tech, Künstlicher Intelligenz, Manufaktur und Präzisionslandwirtschaft wird die Produktion nachhaltig gestaltet, das Land wieder attraktiv für  Start-ups und junge Wissensarbeiter, z.B. Daten-Analysten. Künstliche Intelligenz und Automatisation treiben Infrastruktur und Dienstleistungen auch in ländlichen Regionen an – so wird z.B. künftig dank automatisiertem Verkehr (Führerschein gibt’s dann nicht mehr) Mobilität für 8- wie 80-Jährige möglich. Kostenloser ÖPNV (wie es ihn heute in Luxemburg oder Estland gibt) erschließt ländliche Räume, PPP-Modelle garantieren eine gut abdeckende Mobilität.
  • Die kollaborative Region: das Erfolgsrezept erfolgreicher Regionen ist immer auch der innere Zusammenhalt – die Bewohner und Akteure, die Zivilgesellschaft ebenso wie Wirtschaft und Politik fühlen sich verantwortlich für ihren Lebensraum, für das „Common Good“. Innovations-Netzwerke (Cluster, F&E u.a.) stärken das regionale Kapital. Ein unschätzbarer Mehrwert (in einer zunehmend virtuellen Welt) ist vor allem die physische Nähe auf dem Land: sie bietet in ihrer Kleinteiligkeit nicht nur Überschaubarkeit, sondern erzeugt auch Vertrauen – Grundlage für nachhaltige menschliche wie geschäftliche Beziehungen.

Am Anfang aber ist, wie gesagt, die Vision. Hier gilt es, keine Retro-Bilder vom idyllischen Landleben zu erzeugen (also nicht in die idealisierende Romantik-Falle zu tappen), sondern ambitionierte Narrative, die das Land als das zeigen, was es künftig sein kann: unbeschriebene Möglichkeitsräume, die ein gutes Leben in einer smarten Welt bieten.

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Dieser Beitrag beruht auf einer Keynote, die Andreas Reiter vor kurzem bei einer LEADER-Konferenz in Bayern hielt.

P.S.: Für „ecoplus. Niederösterreichs Wirtschaftsagentur“ entwickelten wir in diesem Frühjahr Szenarien gemeinsam mit Unternehmen, wie sich diese in einem volatilen Umfeld inmitten globaler Handelskonflikte, Ressourcenknappheit u.a. erfolgreich neu aufstellen können.

Bild1Eines der Szenarien fokussiert eine regionale, Ressourcen optimierte Kreislaufwirtschaft – die Wertschöpfung wird nachhaltig über Plattformen via Smart Data ausgestaltet. Diese Szenarien werden wir im August 2019 beim Europäischen Forum Alpbach präsentieren.

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