Digitale Transformation Urban Future

Neue urbane Komplizenschaft: Open Innovation City Bielefeld

Städte sind Zukunftslabore, in ihnen wird fiebrig an der Zukunft gebastelt – in Hinterhöfen und Co-Working-Spaces, in Science Labs, an Graffitiwänden und an Küchentischen. Hatten früher all die urbanen Talente in Silos vor sich hin gewerkelt, so bringt nicht zuletzt die digitale Vernetzung einen kulturellen Wandel mit sich: hin zu einer partizipativen Stadt-Gesellschaft. Kollaboration ist die DNA der Digitalen Moderne – und diese treibt nun auch die Entwicklung von Städten und Standorten entschieden voran.

In einer flüssigen Gesellschaft, in der sich jegliche Grenzen auflösen, z.B. zwischen physischer und virtueller Realität, zwischen Produzenten und Konsumenten, in der Branchen und Technologien konvergieren, wird auch das Ökosystem Stadt flüssiger. Ein neuer kollaborativer Spirit treibt aus: Wir sind die Stadt.

Da und dort gab es schon bisher in Städten – wenngleich immer nur punktuell und nicht gesamtheitlich gesteuert – viel versprechende gemeinschaftliche Projekte: von den klassischen Bürgerbeteiligungen über die BID’s bis hin zu Kooperationen kommunaler Energieunternehmen mit Bewohnern, die über Blockchain überschüssige Energie in ihrer Siedlung austauschen usf… All diese Projekte belegen, wie aus passiven Stadt-Konsumenten aktive Mitgestalter werden und wie sehr Teilhabe und Partizipation bereits das Mindset der (Stadt-)Gesellschaft formen: Die Stadt ist unser – aller – Revier.

Wenn nun Co-Creation die Kulturtechnik unserer Netzwerk-Gesellschaft ist, wenn Wissen der einzige Rohstoff ist, der sich durch Teilen vermehrt – ja warum sollte dann nicht auch eine ganze Stadt mit einer neuen kollaborativen Logik – also gemeinschaftlich – in die Zukunft entwickelt werden?

In Bielefeld jedenfalls hat man mit diesen Gedanken jongliert und macht sich fortan als Deutschlands erste Open Innovation City auf in eine spannende Zukunft. Ausgerechnet Bielefeld – die Stadt, die es ja angeblich gar nicht gibt. Bielefeld (330.000 Einwohner, Wirtschaftsmetropole in Ostwestfalen) ist wohl Deutschlands meist unterschätzte Stadt – starkes Unternehmertum (Dr. Oetker, Schüco, Seidensticker u.a.), exzellenter Wissens-Standort (7 Hochschulen), ambitionierte Start-up-Szene rund um die Founders Foundation und den Pioneers Club… Und das mittendrin in Ostwestfalen, wo sich ja hinter jedem Wäldchen ein Weltmarktführer versteckt. Ein Pool von smarten Talenten also, deren kreative Intelligenz angezapft werden will.

Was in Unternehmen längst üblich ist – Innovation in offenen Ökosystemen und nicht mehr in Silos – wird nun in Bielefeld klugerweise als Prinzip auf die Weiterentwicklung der Stadt übertragen. Wo andernorts noch in Clustern gedacht wird, nutzt man hier die Schubkraft der Stadt-Gesellschaft, um übergreifend die Zukunft zu gestalten.

Erfolgreiche Städte und Standorte pflegen ihr kollaboratives Kapital. Bewohner, Unternehmen, Wissenschaft / Bildung, Politik/ Verwaltung und Zivilgesellschaft bilden ein agiles Ökosystem – nur so können neue flüssige Formate und Dienstleistungen (Blended Services) für die Nutzer entstehen. Benchmarks sind hier die  Smart Cities.

Im finnischen Tampere beispielsweise werden die städtischen Touchpoints mit den jeweiligen Anspruchsgruppen gemeinsam entwickelt – z.B. Digital Health Services (Tele-Medizin, Chat, Video Call, Online-Buchung medizinischer Leistungen u.a.) und nutzerfreundliche Bildungs-Plattformen (Livestreaming der Universität, direkte Kommunikation Eltern/Lehrer auf Schul-Plattformen u.a.). Diese Formate entstehen immer partizipativ, z.B. in Hackathons mit Usern.

Die Stadt Amsterdam setzt ebenfalls auf partizipative Stadt-Entwicklung: Bürger, Unternehmen und Verwaltung matchen sich auf Internet-Projektbörsen (vom Zusammenschluss ganzer Straßenblocks zu autarken Energieselbstversorgern bis zur Nahversorgung mit Kleinlastwagen in der Altstadt), der Overtourism wird mittels algorithmischem Crowd Management (Predictive Travel) entzerrt, zum Wohl der Bürger.

Auch Wien, führende Smart City in Europa, nutzt die kollaborative Kreativität der Stadt-Gesellschaft (lokale Beteiligungsprozesse, Maker Labs, Open Innovation Lab der Stadtwerke usf.). Die Customer Journey der Stadt-Nutzer (Bürger, Unternehmen, Besucher) wird über Open Data entwickelt und über Wien-Bot und städtische Apps aufgerollt. Open Innovation beruht schließlich auf einer Kultur des Vertrauens, der Transparenz und der Empathie für einander.

Und: sie braucht Experimentierräume (z.B. genossenschaftliche Wohnbauprojekte, städtische Mobilitäts-Labore, Kultur-Labs u.a.), in denen die Nutzer spielerisch neue Formate für ihre Bedürfnisse entwickeln (Urban Prototyping). Think big, act small.

Keine Frage: Die Zukunft der Stadt liegt im partizipativen (strategisch gesteuerten) Gestalten, im Citizen Sourcing. Bielefeld hat diese Zukunfts-Chance – als erste deutsche Stadt – ergriffen.

Das Projekt: https://openinnovationcity.de/

Dieser Beitrag beruht auf einer Keynote, die Zukunftsforscher Andreas Reiter zum Start des Projekts Open Innovation City Bielefeld vor kurzem hielt. Foto-Credit der beiden letzten Fotos: openinnovationcity.de