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Die Rückkehr der Leichtigkeit… und was wir in Zukunft anders machen müssen

Endlich, das neue Jahr! Neue Hoffnungen gehen viral… Schwer lastete die Pandemie die letzten Monate auf uns, die meisten Menschen haben denn auch an Gewicht zugenommen. Es fehlte das Leichte, die Leichtigkeit im Leben, der Leicht-Sinn. Kein Konfetti, kein Glamour. Keine Reisen (außer rund um den eigenen Kirchturm), keine Kultur. Dafür 24/7 ein eskapistischer Dreiklang Küchentisch, Natur und Netflix.

Leben, das wurde uns in der Pandemie schmerzlich vor Augen geführt, ist nicht planbar. Wir versuchten, das unsichtbare Virus mit bunten Grafiken und ausgefeilten Statistiken auf Corona-Dashboards zu domestizieren – doch Unsicherheiten und Ängste blieben. „In der Welt sein heißt, im Unklaren sein“, so der Philosoph Peter Sloterdijk.

Jetzt aber, mit dem beginnenden neuen Jahr und den einsetzenden Impfungen, tauchen wir allmählich wieder aus diesem zähen Gegenwartsbrei auf und schnuppern Zukunftsluft. Die Ahnung eines (bald wieder) unbeschwerten Lebens blitzt auf. Die Rückkehr der Leichtigkeit. Die Nähe zu anderen Menschen. Großes Kino – spätestens ab Sommer 2021.

Damit wir aber dieses Leichte nicht wieder gefährden und die Welt post Covid nachhaltig lebenswert und zukunftsrobust machen, brauchen wir künftig neue Spielregeln, ein neues gesellschaftliches Betriebssystem, das auf Resilienz setzt. Letztere gewinnen wir als Gesellschaft, indem wir als Einzelne wie auch als Organisation verantwortungsvoll, agil und vorausschauend handeln.

Verantwortungsvoll

Als der Gesellschaft im März 2020 der Stecker gezogen und das öffentliche Leben lahmgelegt wurden, dämmerte uns schnell, was denn alles „systemrelevant“ sei und was wir wirklich brauchen / wollen für unser Lebensglück. Man muss gar nicht erst die Post-Wachstumsökonomie bemühen, aber viele haben in der pandemischen On-/Off-Welt gespürt, dass es nachher anders weiter gehen muss als vorher. Empathisches Miteinander, mehr Achtsamkeit, bewusster Konsum.

Unsere Art des Wirtschaftens wird sich verändern. Die permanente „ästhetische Selbsterneuerung“ des Kapitalismus (Andreas Reckwitz) hat viel und Wunderbares an Kreativität im Menschen freigesetzt, sie läuft aber irgendwann mal ins Leere. Kein Wunder, dass jetzt neben die narrative Qualität eines Konsum-/Freizeitprodukts immer stärker dessen transformative Qualität rückt.

Die Wirtschaft von morgen wird – das mag mancher für naiv halten – fürsorglicher. Wir sind im (langsamen) Umbau hin zu einer „Caring Economy“, einer Verschmelzung von Marktwirtschaft, Care-Arbeit und dem Non-Profit-Bereich, wie sie Riane Eisler schon vor Jahren weit- und umsichtig vorgedacht hatte.

Wir haben einige Schattenseiten unserer individualistischen Gesellschaft während der Pandemie erlebt – asiatische Gesellschaften mit ihrer kollektivistischen Fürsorge, ihrer Achtsamkeit für einander (Ich trage die Maske, damit du vor mir geschützt bist) kamen wesentlich besser und schneller aus der pandemischen Krise hervor als wir. Die Pandemie hat bestehende Ungleichheiten verschärft. Den sozialen Erosionen und Spaltungs-Tendenzen müssen wir ein anderes Narrativ gegenüber stellen, jenes einer „Responsive Society“, in der Solidarität nicht nur in der unmittelbaren Nachbarschaft („Support your locals“) gelebt wird, sondern auch in einem größeren Kontext.

Lebensstile und Produktionsweisen werden künftig noch bewusster und nachhaltiger. Die Generation Greta weiß: nur wenn wir achtsam mit den (natürlichen und menschlichen) Ressourcen umgehen, klimafreundlich wirtschaften und gesunde Lebensbedingungen schaffen, verhindern wir künftig drohende „grüne Schwäne“ (Pandemien, Natur- und Klimakatastrophen etc.). Damit geht auch eine Re-Organisation der Wertschöpfungsprozesse einher – so viel Globalisierung wie nötig, so viel Regionalisierung wie möglich. Als Modell der Zukunft sehe ich eine „Slowbalisation“, die elastisch Globales mit Lokalem verknüpft.

Agil  

Zukunft bedeutet: Entwicklung neuer Möglichkeitsräume, Wechsel vom Standbein zum Spielbein. Mehr und mehr Lebens- und Wirtschaftsbereiche (Handel, Dienstleistungen, Bildung etc.) wandern vom analogen in den virtuellen Raum. Ob Shopping, Gastronomie, Fitness oder Entertainment – die Ware kommt immer öfter zum Kunden (der Burger also zum Couch Potato). Die Pandemie beschleunigt diese Virtualisierung. Das Remote Living, eingeübt in Lockdowns, verändert Arbeitswelt und Wirtschaft radikal. Diesem Richtungswechsel begegnen Anbieter auch post Covid situationselastisch mit hybriden Formaten. Die neue Welt verbindet Analoges und Virtuelles, ein „Sowohl als auch“ ersetzt ein „Entweder oder“.

Die hohe Komplexität, gepaart mit Unsicherheit, erfordert experimentelles Herangehen statt minimal-invasiver Schritte. Und: Kollaboration. Wir agieren schließlich in komplexen, instabilen Ökosystemen. Wir alle sind assoziiert und interdependent. Das kollaborative Kapital entscheidet mehr denn je über den Erfolg von Organisationen.

Vorausschauend

Die Welt wird – trotz aller Algorithmen – immer unberechenbarer. „Corona bringt die Erwartungswelt der Wirtschaft durcheinander. Die Unternehmen… müssen… ihre Ungewissheitsanalytik schärfen” (Birger P. Briddat). In einer Welt, in der die Störung der Normalfall ist, müssen wir Zukunft anders gestalten – vorausschauend, in Möglichkeiten denkend, in Szenarien.  Die Pandemie hat uns vor Augen geführt, wie notwendig effiziente Frühwarnsysteme und Zukunfts-Simulationen sind, um wirksame Strategien zu entwickeln und nicht bloß im Aktionismus stecken zu bleiben.

In unsicheren Zeiten wird die vorausschauende Organisation zum Leitbild und szenarische Vorsorge zu einer unternehmerischen Tugend. Ein disruptives Umfeld erfordert von uns allen strategische Elastizität und ein Denken in Optionen. Denn eines gilt immer: „Der Zufall begünstigt nur den vorbereiteten Geist“ (Louis Pasteur).

Andreas Reiter im KURIER-Podcast und im KURIER-Interview über Trends im Neuen Jahr: https://bit.ly/38XOv5Q

 

 

 

 

 

2 Kommentare zu “Die Rückkehr der Leichtigkeit… und was wir in Zukunft anders machen müssen

  1. Dorli Muhr

    Lieber Andreas
    Ich bin heute Morgen nach 10 Stunden Schlaf wach geworden. Es war der allerschönste Start in ein Neues Jahr.
    Zuversichtlich und frisch starte ich, weil ich seit einer Woche faste und mir die ganze Corona-Belastung mental wie physisch weggehungert habe.
    Gerade wollte ich eine launige Nachricht an alle meine MitarbeiterInnen verfassen, und genau da kam Dein Text… der mir alles aus dem Mund nimmt, was ich denke. Nur viel schöner und professioneller formuliert.
    Danke Dir dafür.
    Ich bin sehr zuversichtlich, dass mit 2021 eine neue Ära beginnt, und wir – in den 1900ern Geborenen – müssen aufpassen, dass wir nicht plötzlich ganz alt aussehen mit unseren egoistischen Werten.

    Alles Liebe für Dich – und hoffentlich können wir bald wieder einmal gemeinsam essen, trinken und diskutieren!
    Dorli

    Dorli Muhr
    [WP-Logo_B300px_180508.png]

    Peter-Jordan-Straße 6/3, 1190 Wien
    T: +43 1 369 79 900 | M: +43 664 180 40 39
    d.muhr@wine-partners.at
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    • Andreas Reiter

      Liebe Dorli,

      das ist doch wunderbar, dein Start ins Neue Jahr und die Gleichzeitig der Gedanken. Ja, lass uns sobald es wieder geht, mal gemeinsam „essen, trinken und diskutieren“ – genau in dieser Kombination, und natürlich mit einem Wein vom Spitzerberg 🙂 Alles Beste für dich & ich freue mich auf ein Wiedersehen, Andreas

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