Digitale Transformation Konsum-Trends Place Making Urban Future

Remote Living: die Innenstadt in Dekonstruktion

Die aktuellen Mobilitätsdaten der großen Städte zeigen, dass sich die Bewegungsströme (und das schon Wochen vor dem zweiten Lockdown) wieder extrem reduzieren und die Menschen ihr Leben erneut aus der Distanz heraus, von zu Hause aus, arrangieren. Remote Living. Wir werden – auf lange Sicht – immer mehr zu einer ortlosen Gesellschaft, einer placeless society, Medien-Theoretiker wie Peter Weibel sprechen vom „Ende der Nahgesellschaft“.

Die neue Ortlosigkeit ist jedoch nur zu einem Teil der Pandemie geschuldet. Covid-19 ist kein Game Changer, sondern nur Beschleuniger bestehender (oft nur im Hintergrund ablaufender) Entwicklungen. Die Transformation unserer Städte wird schließlich schon seit längerem angetrieben von der Digitalisierung und dem Umbau hin zu klimafreundlichen Lebens- und Wirtschaftsräumen. Es ist insbesondere die digitale Transformation, welche das Display der Stadt und ihre Besucherströme verändert:

  • Zunehmende Virtualisierung von Wirtschaft und Gesellschaft (Handel, Dienstleistungen, Bildung etc.)
  • Primat der Plattform-Ökonomie (stationäre Formate und starre Flächenkonzepte erodieren)
  • Blended Living (Arbeit und Freizeit überlappen sich immer stärker, multilokales Arbeiten setzt sich als künftige Arbeitsform durch, der Bedarf an Büroflächen sinkt. Mitarbeiter, die früher in der Mittagspause Restaurants etc. in der Innenstadt aufsuchten, „entgehen“ als Homeworker dem Stadtraum als Nutzer und als Konsumenten).

Die Pandemie beschleunigt Veränderungen in unserem Konsum- und Freizeitverhalten. Das Draußen (Outdoor-Aktivitäten, Natur-Erlebnisse) wird ebenso wichtig wie das Drinnen (Cocooning in den eigenen vier Wänden), E-Bike und E-Sports stehen gleichberechtigt nebeneinander. In pandemischen Zeiten, in denen wir von Anfang an konditioniert wurden, Abstand zu einander zu halten (klingt schrecklich!), wächst naturgemäß die Online-Ökonomie rasanter als die analoge. In Krisen (das zeigen auch frühere Pandemien wie etwa Sars in Südostasien) verliert das physische Produkt an Begehrlichkeit gegenüber digitalem Konsum.

So manches Konsumverhalten hat sich daher in den letzten Monaten gedreht: die Casualisierung verändert die Sortimente im Handel (z.B. Sneakers statt Business-Schuhe), kontaktloses Zahlen verstärkt sich, Restaurant-Besuche werden sukzessive durch Home-Delivery ersetzt, selbst die jungen Generationen Y und Z lassen sich den Burger via App nach Hause liefern. Was für die jungen Couch Potatoes die Bequemlichkeit, ist für die älteren Konsumenten die Sicherheit.

Der „To go“-Lifestyle bestimmt zunehmend unser Mindset. Kein Ort, nirgends?

Im Handel sehen wir nicht nur derzeit eine große Shopping-Müdigkeit (was soll man auch in Zeiten der kleinen Kreise und des Remote Living groß einkaufen, was braucht man schon Neues im Home Office?), es verändern sich (mittelfristig) auch Einkaufs-Formate. So entkoppeln sich beispielsweise Showroom und Verkauf immer mehr, der Store wird zur Story, der Händler zum Marken-Dramaturgen. Die Inspiration zum Einkaufen findet die Konsumentin nicht nur in ihren Instagram-Stories, sondern auch in  cool designten Schauräumen, eingekauft wird dann jedoch anderswo, meist online. Die Pandemie führt zu einer Neuordnung von Nähe und Distanz, virtueller und physischer Realität, und diese wiederum bringt neue Einkaufskanäle (z.B. Social Shopping auf Instagram & Co.) und Shop-Konzepte hervor.

Und wie verändern sich Konsument*innen? Im Windschatten der Pandemie reflektieren sie Produkte und damit Einkäufe noch kritischer, die Sinnstiftung (und damit die Marken-Relevanz) rückt jetzt noch mehr in den Vordergrund als bisher. Was stärkt mein Ich, welche Marke geht mit meinen Werten konform, unterstützt sie mich in meiner Lebensführung? Der Management-Vordenker Stephan A. Jansen spricht hier treffend von der „transformatorischen Qualität“ von Produkten. Und auch diese Werte-Verschiebung wirkt sich auf die Innenstadt aus.

Aus der jahrzehntelangen symbiotischen Zweierbeziehung Innenstadt-Einzelhandel wird eine Mehrfachbeziehung. Natürlich wird auch weiterhin in der Innenstadt von morgen eingekauft, aber eben selektiver, bewusster (auf der Suche nach Differenzierungs-Produkten/Erlebnissen). Shopping ist künftig freilich nur ein Puzzle-Teil im städtischen Erlebnis-Set (Gastronomie, Kultur, Unterhaltung usf.).

Die Erfolgsformel der Innenstädte liegt in der Verschränkung der 3 K’s: Kommunikation, Konsum und Kultur. Und diese entfaltet sich am wirksamsten an hybriden Orten. Multifunktionale Formate sind die neuen innerstädtischen Magnete (und die unmittelbaren Nachfolger der einstigen Kaufhauskultur), sie liegen bevorzugt an den Kreuzungspunkten der digitalen Nomaden, etwa im Umfeld von Bahnhöfen. Ikea errichtet in Wien gerade ein innerstädtisches Einkaufshaus am Westbahnhof, die 7-stöckige Shoppingwelt wird ergänzt durch Gastronomie, ein Lifestyle-Hotel u.a. Begrünte Fassaden und eine (allgemein zugängliche) Dachterrasse machen aus dem Einkaufsort einen Dritten Ort, der vor allem eines generieren soll: soziale Qualität. In Basel wird gerade auf den begrünten Dächern eines Migros-Marktes eine Sekundarschule (von Herzog & de Meuron) errichtet, in Innsbruck gibt es eine ähnliche Mischung Einkaufszentrum mit Gymnasium obendrauf schon länger.

Die ortlose Gesellschaft, erschöpft vom virtuellen Dauerfeuer der Zoom-Konferenzen und konsummüde, braucht künftig mehr denn je solche „tätowierten Orte“. Nach der Pandemie werden wir ein Revival all dieser Dritten Orte erleben – hybride Räume der Kreativität, des konzentrierten Nichtstuns, der Inspiration und natürlich auch des Konsums. Bibliotheken verschränken sich örtlich mit Markthallen, Schulen mit Theatern und Kletterhallen, Restaurants mit Urban Farming auf den Dächern. Es ist dies der Beginn einer neuen Ära sozialer Orte, die mehr denn je unterschiedliche Lebenswelten zu kraftvollen Resonanzräumen verschränkt. Leben findet künftig drinnen wie draußen Stadt.

 

Dieser Beitrag beruht auf einer (digitalen) Keynote, die Andreas Reiter vor kurzem beim Handels-Talk 2020 der IHK NRW gehalten hat.

 

 

Andreas Reiter im Interview mit dem KURIER über die Auswirkungen der Digitalisierung auf das städtische und private Leben.

 

0 Kommentare zu “Remote Living: die Innenstadt in Dekonstruktion

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.