Die (großen) Städte stehen derzeit unter gewaltigem Druck: Rückzug des stationären Einzelhandels aus den Innenstädten, nachhaltiger Abbau der Büroflächen (Remote Work), Stillstand des internationalen Tourismus und (als Langfrist-Herausforderung) die klimaneutrale Transformation. Auch wenn viele städtische Akteure derzeit mit der Sorge um den Niedergang der Innenstädte infiziert sind – die Chancen auf einen nachhaltigen Umbau und auf eine starke Zukunft der europäischen Stadt waren noch nie so groß wie heute.

Tradierte Strukturen brechen auf, neue Möglichkeitsräume entstehen. Nichts verändert das Display der Stadt und ihre Besucherströme so sehr wie die Digitale Transformation. Die Online-Wirtschaft wächst rasant (nicht nur im Handel, auch in vielen Dienstleistungen), die Plattform-Ökonomie und zuletzt Corona lassen stationäre Formate erodieren (der Handelsverband Deutschland befürchtet den Verlust von über 50.000 Handelsbetrieben). Dieser schmerzliche Aderlass darf freilich die aktuelle Diskussion über die „Rettung der Innenstädte“ nicht nur auf den Handel reduzieren und z.B. auf die Nachnutzung von 50 stillgelegten Karstadt-Filialen (übrigens wunderbare Experimentierfelder für neue Urbanität). Zum einen ändert sich das Kaufverhalten radikal (schon vor Corona), Flächen schrumpfen, da sich u.a. Showroom und Verkauf immer mehr entkoppeln und die Schere zwischen E-Commerce und Social Shopping größer wird.

Zum andern sind wir mitten drin in einer generellen (digitalen) Transformation unseres Lebens und Wirtschaftens. Die Placeless Economy erfordert kraftvolle, neue Narrative, kreative Experimente im öffentlichen Raum, mutige Nachnutzungskonzepte und vor allem cross-sektorale Strategien. Mit minimal-invasivem Denken und ebensolchen Eingriffen (hier ein Plattförmchen und dort ein Pop-up-Radweg) wird man da nicht weiterkommen.

Covid-19 wirkt zudem als massiver Verstärker des multilokalen Arbeitens und des Remote Work – in einer weltweiten Umfrage von KPMG (8/20) erklärten 69% der Unternehmen, auch in Zukunft mehr Homeoffice einzusetzen und damit weniger Büroflächen zu benötigen (Immobilien-Experten gehen hier von rund 10%iger Schrumpfung aus). Dieses sich seit längerem abzeichnende Blended Living macht das Gewebe der Stadt durchlässig und fluide. Die Gesellschaft wird zunehmend ortlos – und braucht gerade deswegen starke, bedeutungsvolle Orte.

Stadt-Räume sind infolge der digitalen Umcodierung in Bewegung wie selten zuvor – wir müssen daher auch die Innenstadt, das emotionale Epizentrum der Stadt, neu denken – über den traditionellen Marktplatz und über Gastronomie und Event-Locations hinaus. In der Innenstadt von morgen wird gewohnt, gearbeitet, wird sich amüsiert und eingekauft (auch wenn derzeit der Handel noch das Hauptmotiv für einen Besuch der Innenstadt ist – er wird künftig drastisch nach hinten gereiht). Weniger Handel und weniger Büros, dafür mehr Wohnen und junges Leben (Campus, Kultur, Schulen…), smarte Produktion. Die Digital-Moderne erfordert hybride, multifunktionale Formate.

Waren die letzten Jahrzehnte geprägt von der Aufmerksamkeits-Ökonomie und deren Steigerung der “Lebensintensität” (Tristan Garcia) über Differenzierungs-und Erlebnis-Konsum, so steht künftig ein integrativer Ansatz im Fokus. Städtische Orte werden diverser und laden sich agil mit neuer Bedeutung auf. Innenstädte der Zukunft entwickeln eine multifunktionale Exzellenz, so wie das geplante „Haus des Wissens“ in Bochum: dieses vereint, auf kluge Weise und ambiental anspruchsvoll, Bibliothek, Volkshochschule, Univercity und Markthalle. Die Erfolgsformel für Innenstädte lässt sich auf die 3 K’s bringen: Konsum, Kultur und Kommunikation. Zukunft ist immer vielfach, nicht einfach. Die hohe Komplexität und systemische Verflechtung erfordern smarte Crowd Sourcing-Strategien in der Stadtgesellschaft.

Manchmal funktioniert es (erstaunlich) auch Top-Down: In Paris verordnet die Stadt (über eine gemeinnützige Tochter, die leerstehende Einzelhandelsflächen aufkauft und günstig an Klein-Unternehmen vermietet) einen strategischen Mix an Einzelhandel in einzelnen Stadtteilen und garantiert damit lebendige Quartiere. Der Deutsche Städtetag hat vor kurzem einen staatlichen „Bodenfonds“ vorgeschlagen, mit dem Kommunen Immobilien in zentralen Innenstadtlagen erwerben und diese damit (multifunktional) attraktiver gestalten können. Wie sich die Zeiten (und damit die Instrumente) ändern können!

Das Betriebssystem Stadt wird neu aufgesetzt. Das Wechselspiel zwischen (virtuellem) Space und (analogem) Place führt zu einer Dekonstruktion des städtischen Gewebes, zu einer neuen Balance zwischen Öffentlichem und Privatem, Nähe und Distanz, Urbanität und Dritter Natur, einer neuen Flächen-Gerechtigkeit. Diese Transformation erfordert experimentellen Mut. Lebenswerte Städte konfigurieren den öffentlichen Raum neu, wie etwa Wien mit seinen zahlreichen “Kühlen Meilen”, wo Straßen – manche dauerhaft, manche temporär für den Hitzesommer – zu einem wertigen Lebens- und Spielraum umfunktioniert werden. So entsteht urbane Lebensqualität sowie ein Community-Gefühl anstatt Dichtestress. Gerade die Pandemie hat viele Kommunen für Experimente offen gemacht, für ein Prototyping, für die kreative Umgestaltung von „Nicht-Orten“ zu Orten, für Begegnungszonen, skalierbare Pocketparks und andere grüne Pop-up-Formate…

Never waste a good crisis. Schon einmal diente eine Gesundheitskrise dazu, die Stadt in die Moderne zu katapultieren: im 19. Jahrhundert forcierten Epidemien (Typhus, Cholera u.a.) einen Hygiene-Schub und eine radikale Erneuerung der städtischen Infrastruktur – kommunale Versorgungsnetze entstanden, Wasserleitungen etc., auch in die privaten Haushalte zogen neue Hygiene-Konzepte ein. Die Geschichte der modernen Stadt verdankt sich dem medizinischen Fortschritt. Und so wird die Stadt nach Covid vor allem eines sein: eine Healthy City, in der sich das Verhältnis von Nähe und Distanz, Konsum und Freizeit, von Freiraum und urbaner Dichte neu ordnet. Vertikale Begrünung (auch aus Klimaschutzgründen), Dritte Natur, gesunde Mobilität (Rad/Fußgänger) sind die bestimmenden Themen der nächsten Jahre.
Glücklich aber sind die Städte, die nah am Wasser gebaut sind. Zukunftsrobust freilich sind diese erst dann, wenn sie auch ihre öffentlichen Räume strategisch klug auf das Wasser ausdehnen. Kopenhagen ist hier – wieder einmal – Vorreiter: mit den “Copenhagen Islands” entstehen mitten im Hafen neue Sehnsuchtsorte, eskapistische Freiräume für Bewohner wie Touristen – bewegliche, schwimmende Parks, für jeden frei zugänglich. Bei Bedarf (z.B. für Veranstaltungen) können diese schwimmenden Inseln modular zu einem “Kontinent” zusammengeschlossen werden. (Post-) pandemisches Design für die flüssige Moderne – so entsteht eine neue Ära der städtischen Lebensqualität.

 

Dieser Blog-Beitrag beruht auf einer Key Note, die Andreas Reiter vor kurzem beim (digitalen) BID-Kongress der DIHK (Deutsche Industrie- und Handelskammer) hielt, Download der Präsentation: https://bit.ly/34MsTJd

Unsere Erkenntnisse über die Stadt der Zukunft geben wir gerne auch in Publikationen weiter, aktuell z.B. im inspirierenden Magazin Innenstadt des „Netzwerk Innenstadt NRW“ (01/20) https://bit.ly/2YJFkSb oder als Ansprechpartner für Medien, wie im aktuellen Public Marketing (6-7/20).

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