Digitale Transformation Urban Future

Die produktive Stadt von morgen

Städte sind in einem evolutionären (nicht disruptiven) Umbruch. Die zwei großen Treiber der Transformation Digitalisierung und Dekarbonisierung – beschleunigen den Strukturwandel, von der Plattform-Ökonomie über multilokales Arbeiten bis hin zum ökologischen Umbau der Stadt. All diese Entwicklungen verändern das Display der Stadt, ihr ökonomisches und soziales Gewebe. Und eben auch ihre physischen Orte.

Stand in den letzten Jahren die erodierende Innenstadt im Zentrum der Aufmerksamkeit sowie soziale Themen (z.B. leistbares Wohnen), so werden wir uns künftig viel stärker mit Standortfragen beschäftigen (müssen). 7 von 10 Europäern leben in Stadtgebieten, in denen 2/3 des EU-BIP generiert werden. Städte, und hier vor allem die großen Metropolregionen, sind der Motor von Volkswirtschaften, sie müssen sich in einem weltweiten kompetitiven Umfeld behaupten. Es ist somit nicht egal, mit welchem Treibstoff dieser Motor getankt wird und vor allem, wo denn die Reise überhaupt hingehen soll. 

Unter diesen Vorzeichen und dank zunehmender Virtualisierung rückt die urbane Produktion nun wieder in den Fokus der Aufmerksamkeit. In den letzten Jahrzehnten hatte man die Produktion ja immer mehr an die Peripherie verschoben. Im dichtverbauten Stadtgebiet gibt es nur noch selten (große) produzierende Unternehmen – Henkel in Wien mit seinem Central Europe Headquarter ist hier ein Best Practise unter den Ausnahmen: inmitten eines dichtbebauten Wohngebiets steht das größte Flüssigwaschmittel-Werk des Konzerns, emissionsarm, an der Kreislaufwirtschaft orientiert; Henkel pflegt zudem beispielhafte Beziehungen zur Nachbarschaft, sponsert Schulen, engagiert sich in zahlreichen sozialen u.a. Initiativen, gibt ein eigenes Magazin für die Nachbarschaft heraus usf. Partizipative Quartiers-Entwicklung also.

Natürlich werden die großen Industrien weiterhin im Industriegebiet am Stadtrand oder in der Fläche produzieren… Aber die kleinteiligen, smarten Produktionen kehren künftig vermehrt in die Stadt zurück. Produzieren im Bestand heißt hier die Devise – eine große Herausforderung (Schallschutz, Nutzungskonflikte etc.). Der Game Changer ist hier die Digitalisierung (KI, Robotik, Internet der Dinge etc.) sowie eine neue Makers-Kultur (3D-Druck, Lasercutter, FabLabs u.a.), die den Konsumenten zum Produzenten macht und die stärker in die Stadt-Gesellschaft integriert ist als bisher.

Das neue, dezentral organisierte Urban Manufacturing erfolgt kollaborativ und emissionsarm. Diese Transformation erfordert seitens der Stadt

  • eine vorausschauende Bodenpolitik: Brach- und Konversionsflächen (man denke nur an die ausrangierten Karstadt-/Kaufhof-Filialen) tun sich in Großstädten immer wieder auf. Gefordert sind hier ein Frühwarnsystem, Brachflächenkataster, Branchen-/ Cluster-Entwicklung usf., um die hohe Flächen-Konkurrenz zwischen Wohn-, Sozial- und Gewerbeflächen wirksam zu managen
  • eine intelligente Standort-Agglomeration: Produktion/Kleingewerbe, Forschung & Entwicklung, Dienstleister & Kreative, Start-ups – sie alle wollen in ein kollaboratives Setting und in Innovations-Netzwerke gut eingewoben sein.

Die produktive Stadt der Zukunft ist durchlässig und co-kreativ. Eine digitale Ökonomie funktioniert wie ein neuronales Netzwerk, alles fließt ineinander, alle Akteure sind Komplizen, interdependent. Das traditionelle Silodenken – hier wird gewohnt, dort wird produziert – ist obsolet geworden, die Trennung der Funktionen (= alte Industrielogik) hebt sich in der digitalen Moderne selbst auf. Binäres Denken war gestern… Die Next Generation ist agil, der Zugang zu Leistungen und Ressourcen ist ihr wichtiger als Besitz. Die Zukunft gehört dem multilokalen Arbeiten, situationselastisch über unterschiedliche Orte verteilt (Büro, Home Office, unterwegs). Große Konzerne eröffnen bereits Satellitenbüros in städtischen Ballungsräumen, z.B. angedockt an Coworking Spaces.

Leitbild der produktiven Stadt ist das nutzungsgemischte Quartier. Dieses verbindet stadtgerechte Produktion mit Wohnen, Wissenschaft und Freizeit. Das Modell der urbanen Dörfer, die 15-Minuten-Stadt, die alle wichtigen Infrastrukturen in 15 Minuten erreichbar macht, könnte auch auf durchmischte Gewerbegebiete übertragen werden: sie werden zu dezentralen Smart Hubs mit multifunktionaler Exzellenz und Nahversorgung für das Quartier.

Die produktive Stadt lebt von Verdichtung, Durchmischung und intelligenten Kreisläufen. Die Gebäude und Räume selbst sind nutzungsflexibel, klimagerecht (Material- und Energiekreisläufe, Green Building, organische Baustoffe wie Holz, Entsiegelung & Retentionsflächen, energetische Nutzung der industriellen Abwärme usf.). Die Sharing-Kultur schlägt sich in gemeinsamem Parkraum-, Abfall- und Up-Cycling-Management der Unternehmen nieder sowie in integrierter Mobilität/Logistik (in den FabLabs werden ja meist nur kleine Losgrößen produziert). Wachsenden Stellenwert haben die soziale Infrastruktur und damit auch die sozialen Räume: die Gewerbezone von morgen bietet eine hohe Begegnungs- und Aufenthaltsqualität, begrünte Außenflächen, die zur Kommunikation und Interaktion einladen. So entstehen innovative Ideen, in einer Kultur der Diversität.

Neue smarte Produktionstechnologien verändern auch die Gebäude-Typologien, die Fabrik von morgen wächst (wie so vieles in der Stadt) nach oben. Eine solche vertikale Fabrik hat bereits vor einigen Jahren die Wiener Traditionsmarke Manner hochgezogen (übrigens 300 m neben meinem Büro). Auf sieben Stockwerken wird hier in der Süßwarenfabrik – inmitten eines dicht bebauten Gründerzeitviertels – von oben nach unten produziert (ganz oben wird die Schokoladenmasse hergestellt, einen Stock darunter in den Teig eingerührt usf. und im Erdgeschoß warten die Trucks zur Auslieferung). Perfekte Logistik, smart und emissionsarm. Mit der industriellen Abwärme werden 600 Haushalte in der Nachbarschaft beheizt. So geht die urbane Produktion von morgen.

Dieser Beitrag beruht auf einem Vortrag, den Andreas Reiter vor kurzem auf einer Tagung des DIHK in Offenbach gehalten hat. Den Vortrag können Sie hier herunterladen: https://bit.ly/3EW0EHk

Seit vielen Jahren denken wir vom ZTB Zukunftsbüro die Stadt voraus und geben unser Zukunfts-Wissen und unsere Transformations-Expertise in Vorträgen, Strategie-Workshops etc. sowie in Interviews (hier z.B. der „Esslinger Zeitung“, dem Zukunftsmagazin der „Kronenzeitung“ oder dem Magazin der IHK Hannover, „Niedersächsische Wirtschaft“) weiter.

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