Randale und Resilienz – warum das touristische Image Tirols nicht ernsthaft bedroht ist

Was haben Berlin, Mallorca und Tirol gemeinsam? Alle drei sind in ihrem jeweiligen touristischen Segment Spitzenreiter. Als Marke erstklassig geführt, als Destination begehrt, den Wettbewerbern meist um Einiges voraus. Alle drei verbuchen aber auch – ab und zu – massentouristische Kollateralschäden, Tirol zuletzt mit der Randale betrunkener Gäste im Zillertal.

In Berlin-Kreuzberg protestierten letztes Jahr Einwohner (und Grüne) immer wieder gegen die Heerscharen junger Partygänger, die besoffen durch die nächtlichen Straßen des Kiezes ziehen. Der Protest mag aus Anrainersicht verständlich sein, aus Sicht der Touristiker freilich ist er ein blödes Eigentor, schließlich bewirbt man die Stadt ja als härteste Party-Metropole des Kontinents.

In Mallorca wiederum, in vielem mit Tirol vergleichbar – rasante Entwicklung vom armen Agrarland zur wohlhabenden Region, massentouristisches Ziel, Major Brand unter europäischen Ferien-Destinationen – gibt’s den Original-Ballermann (gegen den jede Partymeile im Zillertal ein – wie man in Wien sagt – Lercherlschas ist). Doch Mallorca ist deswegen als Ganzes beileibe keine Station für anonyme Alkoholiker, sondern eine Premium-Destination mit meist hochwertigen Produkten (sowie begehrter Zweitwohnsitz betuchter Deutscher und Briten). Diese eine sechs Kilometer lange Strandzone voller Billighotels und Promille-Schuppen – eben der Ballermann – kratzt zwar seit längerem am Image der Insel, die Marke ernsthaft beschädigen konnte sie aber nicht.

Es ist das Dilemma der Erfolgreichen – je begehrter eine Destination ist, desto stärker wird sie frequentiert. Massentourismus schafft breiten Wohlstand, geht aber immer auch einher mit systemischen Risiken – ökologischen, raumplanerischen und sozialen. Diese Risiken strategisch zu steuern, ist Aufgabe der Tourismus-Politik. Dass es in massentouristischen Destinationen zu gröberen Exzessen alkoholisierter Gäste kommen kann, ist so ein systemisches Risiko. Und die Ausnahme. Die touristische Masse nämlich verhält sich – selbst noch im illuminierten Zustand – in der Regel korrekt. Tirol ist nicht die türkische Riviera mit ihrem Summer Splash, bei dem der Alkohol kübelweise inhaliert wird oder das thailändische Koh Phangan mit seinen rauschhaften Vollmond-Parties.

Wie aber kann man bei uns unappetitliche Exzesse in touristischen Hardcore-Regionen verhindern?

Kurzfristig sicherlich durch die Festschreibung eines Verhaltenskodex (à la: kein Alkohol im öffentlichen Raum, abseits von Events), durch Implementierung eines Code of Conduct, wie er etwa in einigen nordamerikanischen Ski-Resorts praktiziert wird. Um aber ein Abfärben der Saufgelage auf das Image der gesamten Destination zu verhindern, hilft langfristig nur eine klare Markenführung: Destinationen müssen stringent als Dachmarke mit differenziertem Portfolio auftreten. Das Ötztal z.B. macht dies hervorragend – die Produkte und Zielgruppen sind im umtriebigen Sölden völlig anders als jene im schicken Obergurgl-Hochgurgl, ebenso differenziert und komplementär ist das Portfolio der beiden Orte Ischgl und Galtür. In der Familien-Destination Serfaus werden sicher keine Komatrinker via Billigflieger einfallen. Letztlich geht es um die Anhebung und ständige Weiterentwicklung von Qualität – und damit auch um ein Upgrading der Leistungsträger, der Preise und Gästeschichten. Mallorca plant übrigens (seit Jahren, jetzt wird’s hoffentlich auch umgesetzt) seinen Ballermann auszuradieren und in einen Nobel-Boulevard sowie in ein klimaneutrales Luxusviertel umzugestalten.

In der Ökologie (wie auch in der Psychologie und im Standort-Management) gibt es das Phänomen der Resilienz. Ein resilientes Öko-System kehrt nach einer Störung rasch wieder in seinen Ausgangszustand zurück. Betrachtet man den Tiroler Tourismus als Ökosystem, dann ist auch dieses durch Störungen nicht wirklich zu erschüttern – wenn man denn weiterhin auf hohe Qualität setzt.

Dieser Text ist (leicht gekürzt) zuerst in der Tiroler Tageszeitung vom 15.04.2012 als Kommentar von Andreas Reiter („Brief an Tirol“) erschienen.

http://www.tt.com/Tirol/4600709-2/das-zillertal-darf-nicht-mehr-der-ballermann-sein.csp

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