Die bösen Guten und die guten Bösen – vom Ende des Schwarz-Weiß-Denkens

Für Kinder ist die Welt noch überschaubar und klar geordnet: es gibt die Guten und die Bösen, die Freunde und die Feinde, die Alten und die Jungen usf. Doch mit zunehmenden Jahren und wachsender Erfahrung merkt man, so einfach und linear ist das alles nicht. Und man macht eine schmerzhafte Erkenntnis: der Mensch (also auch man selbst) ist weder nur gut noch nur böse, oftmals sind die Grenzen fließend.  

Wenn etwas das frühe 21. Jahrhundert charakterisiert, dann ist es das Ende der Eindeutigkeit: hybride Lebensstile werden zur Norm: wir sind individualisiert und vernetzt, wir denken global und lokal. Wir sind nicht entweder gut oder böse – sondern sowohl als auch, mal mehr das eine, mal das andere. „Die Moderne… wollte ein Universum der Eindeutigkeit, einen Garten Eden, wo das Unkraut der Zweideutigkeit nicht mehr wuchert. Das Projekt ist gescheitert“, erkannte der Soziologe Zygmunt Bauman.  

Die bösen Konsumenten

Was für eine konsumgeile Gesellschaft! Ist nur an Marken und Status-Symbolen orientiert. Sublimiert alles über Konsum. Geht jeder noch so blöden Werbung auf den Leim.

Bei einer jährlichen Kaufkraft von 20.613 Euro pro Kopf haben die Österreicher dazu ja auch durchaus etliche Gelegenheiten. Die Konsumzyklen haben sich noch nie so schnell gedreht wie heute, und noch nie war Konsum so identitätsbildend. Welche Marke man kauft und mehr noch: welche nicht, wie man ein Label trägt (ob als ironisches Zitat oder als Ego-Booster), ob man ein Android-Typ ist oder doch ein iPhoniker, das sagt viel über einen Menschen aus.

Da mögen sie noch so über einen herfallen, die Kapitalismuskritiker und No-Logo-Veteranen – sie übersehen in ihrer Konsumkritik eines: Konsumieren ist längst eine Kulturtechnik. Konsum ist heute nicht nur ein individuelles, sondern auch ein gesellschaftliches Statement. Produkte sind Symbole, mit denen wir signalisieren: Seht her, so bin ich, das ist meine Überzeugung, das ist mein Platz in der Welt. Die einen tragen einen Trachtenjanker als Antiglobalisierungs-Reflex, die anderen schlürfen Fair-Trade-Kaffee oder kauen Hildegards Biokekse. Manche geben selbst im SUV noch eine CO2-Ablasshandlung von sich. Noch nie hat man so lustvoll – d.h. mit gutem Gewissen – konsumiert wie heute. Außer zu Zeiten von Adam und Eva. Aber da gab’s ja auch nur einen Apfel.

Die bösen Banker

Raffgierig. Zocker. Sind nur an ihren Boni interessiert. Erst müssen wir sie mit unserem Steuergeld retten und dann verweigern sie einem den Sanierungskredit fürs Wochenendhaus!

Ja, unsere Banker. Bis vor kurzem waren sie noch Schwiegermamas Liebling und gefeierte Retter von Sportvereinen, heute hält man lieber Abstand zu ihnen. Seit Ausbruch der Finanzkrise gelten sie als böse Buben, die Millionen von Menschen, ja ganze Staaten in den Abgrund rissen.

Banken-Bashing ist Volkssport geworden. Und als solcher wirklichkeitsverzerrend. Mal ganz abgesehen davon, dass man einen Investment-Banker aus der „City“ und den Sparkassenangestellten ums Eck nicht in einen Topf werfen kann – wir brauchen die Zirkulation des Geldes, sie ist der Kreislauf unserer Ökonomie. Damit der Banker aber wieder Schwiegermamas Liebling wird, muss – weltweit – eine neue Finanz-Architektur mit verbindlichen Regeln (z.B. Finanztransaktionssteuer) aufgesetzt werden und die Spieltheorie einer neuen alten Moral in Geldgeschäften weichen. „Wer im Rolls-Royce durch Frankfurt fährt, kriegt von mir keinen Pfennig Kredit“, sagte Hermann Josef Abs, Chef der Deutschen Bank in den 1950er- und 1960er-Jahren. Einen Mann mit dieser Haltung nannte man früher Bankier.

Die PIIGS-Staaten

Typisch Südländer – faul und korrupt bis auf den letzten Blutstropfen. Zahlen keine Steuern. Aber kaufen schnelle Autos, Yachten und Immobilien auf Pump – und halten dann die Hand auf. Und jetzt sollen wir sie mit unserem Geld durchfüttern.

Manche Nationen in Europa durchlaufen gerade schwere Zeiten – allen voran die Portugiesen, die Italiener, die Iren, die Griechen und die Spanier. Sie ächzen unter schwerer Staatsverschuldung, explodierender Arbeitslosigkeit und gravierenden sozialen Erschütterungen, einige sind (wie Griechenland) gar zahlungsunfähig. Und alle müssen sich auch noch die despektierliche Abkürzung PIIGS (Anfangsbuchstaben dieser Nationen) gefallen lassen. Wer dabei an das englische Wort pig (Schwein) denkt, liegt nicht ganz falsch.

Bei allem, was in diesen Ländern schief gelaufen ist, viele Leute dort (nicht jene Millionäre, die ihr Geld längst außer Land gebracht haben) verdienen wenn schon nichts dann unseren Respekt und unsere Unterstützung. Nicht nur, dass der Norden jahrelang in den Süden exportierte oder von dort Millionen Touristen importierte (also vom Süden profitierte) – Europa ist schließlich immer noch eine Werte-Gemeinschaft. Halten wir einen kurzen Moment inne und danken z.B. den Griechen: für die Wiege der Demokratie, für das köstliche kaltgepresste Olivenöl, für die tröstenden Worte eines ihrer großen Philosophen: panta rhei, alles fließt. Anders formuliert: auch diese Krise geht mal zu Ende.  

Die böse Welt

Es gibt Tage, da kann man sie nicht ausstehen, die „Gutmenschen“ (ja, ein dummer, ein böser Begriff). Da empfindet man das Lächeln selbst eines Dalai Lama als Waffe. Aber dieser Anfall von Bosheit geht bei den meisten schnell vorüber. Und man lächelt zum versöhnlichen Spruch eines klugen britischen Kopfes: „Am Ende ist alles gut, und wenn es nicht gut ist, dann ist es noch nicht das Ende“.

Dieser Text ist ein kleiner Ausschnitt von Statements von Andreas Reiter zum Thema Gut-Böse, soeben erschienen in der November-Ausgabe des Magazins „2012. Das vielleicht letzte Magazin der Welt“ aus dem Red Bull Media House. www.2012.at

 

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