Nordic Living: Warum das Glück im Hohen Norden wohnt

DSC_1276Ob bei Innovations- oder Wettbewerbsstärke, bei Gender-Gerechtigkeit oder in Bildungs-Rankings – die skandinavischen Länder liegen im weltweiten Spitzenfeld meist ganz vorne. Kopenhagen, Stockholm und Oslo sind die führenden Green Cities in Europa. Die Nordic Cuisine (hyperregional, erdhaft und geradlinig wie keine andere), skandinavisches Design, schwedische Popmusik und finnische Videospiele sind weltweit erfolgreiche (Export-) Produkte. Dass die zwei „glücklichsten Länder“ der Welt (UN-World Happiness Report) – Dänemark und Norwegen – ebenfalls im hohen Norden liegen, ist da schon fast selbstverständlich.

Die skandinavischen Länder untermauern eine Standort-Theorie, die ich seit langem bei unseren Projekten verfolge: erfolgreiche Standorte beweisen ebenso Exzellenz wie Resilienz. Sie entwickeln eine herausragende Themenführerschaft in ihren Profilfeldern bei gleichzeitiger Stärkung weicher Lebensqualitäts-Faktoren. Und sie nützen eine Krise (die ja jeden irgendwann mal trifft) für einen zukunftsorientierten Strategiewechsel:

    • Finnland erfand sich nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und damit seines wichtigsten Handelspartners Anfang der 1990er Jahre als Hochtechnologieland neu und investierte massiv in den Bildungssektor.
    • Schweden, das in den frühen 1990er Jahren eine dramatische Währungs-Krise durchlebte, verordnete sich eine extreme – politisch im Konsens erarbeitete – Haushaltsdisziplin und kurbelte – durch Strukturreformen und Abwertung des Wechselkurses seine Exportwirtschaft erfolgreich an. Schweden gilt heute mit seiner soliden Haushaltspolitik als Vorbild in Europa – nicht zufällig ist die sicherste Großbank in der Europäischen Union (laut Bloomberg) die schwedische Svenska Handelsbanken.
    • Island reagierte 2009 auf den Zusammenbruch seiner drei Großbanken und infolgedessen seine Staatspleite radikal: die Bürger lehnten die Vergemeinschaftung der durch die Banken verursachten Verluste ab, zogen Manager wie Politiker zur Verantwortung, der Bankensektor wurde umgestülpt, der Gürtel – für alle – drastisch enger geschnallt. Die politische Wende führte zu partizipativen Gestaltungsprozessen (die neue Verfassung entstand interaktiv durch Crowd Sourcing), eine neue strategische Ausrichtung der Wirtschaft (Grüne Energie, Fischerei, Tourismus etc.)  führte zu einem neuen Wirtschaftsaufschwung – das Wachstum Islands ist inzwischen höher als in den meisten EU-Staaten. DSC_0492

Ja, Europa kann viel vom Norden lernen: eine nachhaltige, also langfristige strategische Ausrichtung von Politik und Wirtschaft, das Besetzen von Wachstumsfeldern gekoppelt mit einer kreativen Bildungspolitik, eine offene, tolerante Kultur (Diversität) und eine gerechte Verteilung des Wohlstands. Die Sozialleistungen sind in Skandinavien generell immer noch hoch – aber performanceorientiert, auf Effizienz ausgerichtet. Bei der Verteilungsgerechtigkeit (Gini-Koeffizient) sind skandinavische Länder ebenfalls weltweit führend, allen voran Schweden.

Weiche Faktoren bestimmen künftig immer mehr die Entwicklung von Ländern und Regionen. Einen gewissen Wohlstand – der ist ja in nordischen Ländern mehr als anderswo gegeben – vorausgesetzt (ab 85.000 Dollar steigt das Glücksempfinden nicht wesentlich), bestimmen soft facts wie Lebensqualität, soziale Beziehungen und eben soziale Gleichheit unser Lebensglück.

Glück kann man nicht kaufen, Lebensglück aber politisch forcieren: indem man stabile politische und soziale Systeme etabliert, die Zivilgesellschaft stärkt, die Work-Life-Balance in den Unternehmen verankert und den Gemeinsinn als Wert aktiviert. Dies gelingt natürlich am besten in kleinen Ländern, in überschaubaren sozialen Communities (small is beautiful), die Vertrautheit und intensive persönliche Beziehungen ermöglichen. Die Balance von Geben und Nehmen, der „altruistische Egoismus“ (wie es der Soziologe Ulrich Beck einmal treffend nannte) ist einer der Basisfaktoren für kollektives Glück. Dass Österreich beim aktuellen World Happiness Report an 8., Deutschland an 26. Stelle gereiht sind, passt – siehe die Kriterien oben – denn auch schön in die Deutungsmuster der gesellschaftlichen Happiness.

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Wer glücklich ist, schafft es auch, aus wenig viel zu machen und zaubert selbst noch aus Moosflechten, getrocknetem Schweineblut und Wachholderzweigen ein Spitzengericht, wie Magnus Nilsson in seinem Scheunen-Lokal Fäviken im schwedischen Outback, unterhalb des Polarkreises, aktuell auf Platz 34 der weltbesten Restaurants.

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2 Antworten zu Nordic Living: Warum das Glück im Hohen Norden wohnt

  1. Österreich – inmitten Europas gelegen – ist den vielen unterschiedlichen Geisteshaltungen in seiner Umgebung ausgesetzt: konservativer Westen, progressiver Norden, beharrender Süden und bescheidener Osten. Diese Kräfte zerren an nachbarschaftlichen Regionen, deren Anhängerschaften sich z.B. auch in den gestrigen Wahlergebnissen und der Wahlbeteiligung der einzelnen Regionen widerspiegeln. Der Politik eines Landes, dessen Bevölkerung sich großteils durch Medienshow und Populismus regieren lässt und Angst vor den es umgebenden Veränderungen zeigt, zu raten mit Inhalten zu überzeugen, wird nicht honoriert werden. Die Stimmung „wohin soll ich mich wenden“ führt letztendlich zu Opportunismus und Beharrertum. Weitgreifende und nachhaltigen Veränderungen benötigen zuallerst Mut und Selbstsicherheit sowie anschließend die Formulierung einer aussagekräftigen aus der Gemeinschaft entstandenen Vision. Österreichs Boot jedoch treibt mehr oder weniger zwischen den Schiffen Europas, ohne auch nur ein Anzeichen eines Überholmanövers.

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