Urban Selfie – die Stadt der Zukunft

riverside_1 Bevor wir die Zukunft der Stadt ausleuchten, gehen wir zurück in ihre Vergangenheit – Zukunft braucht Herkunft. Und diese liegt in den Genen der Nomaden, die seit jeher in kleinen Horden aus ihren unwirtlichen Lebensbedingungen hinter die schützenden Mauern der Stadt flüchteten.

Die „Arrival City“ (Doug Saunders) ist in der Tat eine anthropologische Konstante, die Stadt seit jeher Sehnsuchtsort und Landeplatz von Nomaden. Städte sind aber nicht nur Zielorte, sondern vor allem Möglichkeitsorte („Stadtluft macht frei“). Der Philosoph Peter Sloterdijk sieht im Bahnhof das Symbol dieses Ankommens – ja, aber heute haben wir es mit einer Vielzahl an Transitorten zu tun, die vielfältige Funktionen haben: ankommen, verweilen, abfahren, wiederkommen. Gerade diese Transiträume sind die Knotenpunkte einer mobilen Gesellschaft, hier verdichten sich Menschen und Waren, Informationen und Gefühle. In einer zunehmend digitalisierten Gesellschaft werden diese „Dritten Orte“ (Airports, Stadien, Malls, U-Bahnstationen usf.) wichtiger, als stark frequentierte Räume der physischen Begegnung.

Peter Sloterdijk beschreibt die Stadt als „Eifersuchts-Generator“. Dieses poetologische Bild aufgreifend, würde ich den Begriff Eifersucht durch „Eitelkeiten“ ersetzen und diesen durch „Identitäten“– die Stadt ist ein Spielplatz der Eitelkeiten, eine Manifestation unterschiedlichster Identitäten, eine Selfie-MaschineErfolgreiches Stadt-Marketing domestiziert nun all die Eitelkeiten der städtischen Anspruchsgruppen (Bürger, Investoren, Politiker etc.) oder versucht sie zumindest auszubalancieren. Die Stadt der Zukunft wirft – das zeigen auch die Beiträge auf diesem Kongress – drei große Themenkreise auf:

  • Die soziale Stadt
  • Die Stadt und ihre Lebensqualität
  • Das Bild der Stadt (Urban Branding).

kopenhagen_maria_11 Die soziale Stadt

Stadt ist von jeher Vielfalt, Diversität. Nur Städte, die kulturelle Vielfalt leben und weiter entwickeln, sind in einer globalen Gesellschaft überlebensfähig. Diversität ist ein Zeichen von urbaner Resilienz, von Krisenfestigkeit. In einer flüssigen Stadtgesellschaft ist das soziale Kapital eine entscheidende Größe. Man muss kein Sozialromantiker sein – aber der partizipative Wertewandel ist evident: 76% der Bürger und 75% der Entscheider in Deutschland wollen „bei wichtigen Fragen mitreden“ (Quelle: Bertelsmann Stiftung). Aus passiven Stadt-Konsumenten werden aktive Mitgestalter („Wir sind die Stadt“). Dazu gehören blühende Social Business-Aktivitäten, Crowd Sourcing usf. Stadtkultur ist vernetzte Bürgerkultur. Einer von oben verordneten „Bürgerbeteiligung“ hält der Stadtplaner Klaus Selle zu Recht den „Eigen-Sinn“ entgegen, die Partizipation „auf Augenhöhe“ sowie die Selbstorganisation der Stadt-Akteure.

Die Stadt und ihre Lebensqualität

20140420_192933Lebensqualität ist das Betriebssystem einer Stadt, der Feel Good-Faktor ihre heimliche Leitwährung. Dazu gehören sozialräumliche und atmosphärische Qualitäten, die den lokalen Spirit übersetzen und Sehnsüchte wie Wünsche bündeln. Auf der operativen Ebene erfordert dies seitens der Städte ein smartes Touchpoint-Management (Kunden-Kontaktpunkte), Erlebnisräume, die zu Kommunikation und Inspiration einladen, neue (kuratierte) Handelsformate, die zum Shopping verführen etc.

Im Kern geht es, ich wiederhole mich da immer wieder gerne, um die Verwandlung von (austauschbaren) Nicht-Orten in (attraktive) Orte, um eine Balanced City. Wenn etwas städtische Lebensqualität symbolisiert, dann ist es ein lebendiger, offener (Stadt-)Platz, die Piazza, die Agora etc. Dieser Marktplatz der Ideen, Waren und Konspiration ist die Herzkammer der Stadt-Gesellschaft – sie wird in einer digitalen Gesellschaft noch wichtiger. Der Platz ist das wichtigste städtische Kulturgut.

piran_platz_2 Das Bild der Stadt

Wer macht das Bild der Stadt? Die Bürger oder die Stadt-Marketer? Gibt es eine verbindliche Identität in diesem flüssigen Ökosystem? Kann man Städte branden? Meine Position dazu ist bekannt: jeder Organismus hat seinen genetischen Code, die Kleinstadt ebenso wie die Metropole. Städtische Komplexität lässt sich in der Marken-Profilierung wunderbar reduzieren. Unter der einen Dachmarke aber gilt es all die vielen kleinräumigen Identitäten (Achtel statt Viertel) zu beherbergen und zu akzentuieren. Lokale Mikro-Brands, die die Vielfalt der Stadt widerspiegeln.

IMG_2515 Und welche Rolle hat in diesem komplexen Geflecht das Stadtmarketing von morgen? Stadtmarketer sind Agenten des Wandels und als solche multifunktionale Helden: Community-Manager, Dompteure der Eitelkeiten, Standort-Entwickler im Konjunktiv. Insofern passt der Begriff des „Urban Curators“, wie ihn der Designtheoretiker Friedrich von Borries in die Debatte wirft, wunderbar. Der Stadt-Marketer als Kümmerer, als Kurator, der mit seiner Expertise und seinem sozialen Geschick die städtischen Puzzlesteine zusammenfügt und strategisch in Beziehung setzt…

stadt_bremenDieser Beitrag fasst einen Vortrag von Andreas Reiter zusammen, mit dem er vor kurzem auf dem Deutschen Stadtmarketingtag 2015 in Bremen Aussagen der anderen Referenten (Peter Sloterdijk, Klaus Selle, Friedrich von Borries, Christoph Burmann u.a.) kommentierte und mit seinem Ausblick auf die Zukunft verband.

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