„Zukunft braucht Herkunft“

Ehrenhof Welterbestätte Zeche Zollverein Essen

Wir leben in einer Welt der permanenten Veränderung, in einer „fluiden Gesellschaft“ (Zygmunt Bauman), in der alles ständig im Fluss ist. Europa ist im institutionalisierten Krisenmodus, Terrorgefahren wachsen, Verunsicherung macht sich breit. Je unsicherer die Welt, je kürzer die Lebenszyklen von Produkten und Lifestyles, desto hartnäckiger werden die Sehnsüchte ausgelagert in Freizeit- und Konsumwelten. In einer gesättigten Wirtschaft werden insbesondere Freizeit-Erlebnisse – weit mehr als Produkte – zur Sehnsuchtsfläche für Konsumenten.

Wer sein Urlaubsglück sucht, hat viele Motive, auf zwei davon will ich hier näher eingehen:

  • Identitätssuche & (Selbst)Verständnis
  • Das (Natur)Schöne in der Digital-Moderne.

Identität

mqTradierte Sicherheiten brechen weg, biografische Optionen – und Risiken – poppen auf. Was einst fest war, ist nun flüssig. Willkommen im Standby-Betrieb der Digital-Moderne. Das Leben in der Digital-Moderne bringt multiple Identitäten hervor und zwingt den Einzelnen zu einem ausgeklügelten Identitäts-Management in den sozialen Netzen: die familiäre Identität managen wir z.B. auf Facebook, die visuelle Identität auf Instagram, die berufliche auf Linkedin usf., mit Freunden kommunizieren wir in WhatsApp-Gruppen. Wer bin ich und wenn ja wie viele, heißt es bei Richard David Precht. Das Thema Identität und Identifikation zieht sich wie eine Zeitlinie durch postmoderne Biografien.

In einer Welt, in der Gemeinschaften immer unverbindlicher werden und der Einzelne stärker anonymisiert wird, wächst die Sehnsucht nach sozialer Resonanz. Nach einer Community, die einen trägt und einbindet, nach echten, intensiven Begegnungen. Anthropologen wissen, wie wichtig die „Grammatik der Anerkennung“ ist, also das Zusammenspiel von Werten, Ritualen, Helden und Symbolen (wie es Gert Hofstede in seinem kulturellen Zwiebelmodell einst sehr schön analysiert hat und wie es jedem Markenmodell zugrunde liegt). Je stärker – und das trifft gerade beim Reisen zu – Selbstbild und Fremdbild in einer Destination kollidieren, das Globale und das Lokale aufeinander treffen, desto wichtiger sind hier Moderatoren.

rgburg_steinerne_brückeGroße Speicher kultureller Identität – wie sie etwa UNESCO-Welterbestätten darstellen – sind glokale Identitäts-Labors: sie bewirken einen Transfer nach außen (indem sie Werte, kulturelle & ästhetische Leistungen u.a. des jeweiligen Ortes vermitteln) und sind ein Identitäts-Stifter nach innen. Welterbestätten sind Identitäts-Transmitter und – als kulturelle oder naturräumliche DNA einer Destination – somit immer auch Treiber der Marke und einer markenzentrierten Produkt-Entwicklung.

Das (Natur-)Schöne

Die Digital-Moderne produziert funktionelle Orte und austauschbare (halb-)öffentliche Räume (Shopping Malls, Einkaufsstraßen etc.), bei denen die „Ästhetik des Glatten“ (Byung-Chul Han) dominiert. Auch unsere digitalen Werkzeuge sind glatt: Smartphone, Tablet, Internet. Es regiert die Oberfläche. Alles funktioniert, aber wenig berührt.

halong_1.JPGJe mehr im Alltag die „Nicht-Orte“ dominieren, die laut Marc Augé keine „Identität stiften, keine gemeinsame Erinnerung erzeugen“, desto mehr entwickeln Menschen eine Sehnsucht nach Tiefe, nach dem Schönen, nach Struktur und Harmonie. Die Altstadt von Dubrovnik oder von Salzburg, die Eleganz der Lübecker Kirchtürme, die beiläufige Erhabenheit der Kalksteinfelsen in der Halong-Bucht wecken Hochgefühle in uns. Wow! Menschen suchen in ihrer Freizeit Begegnungen und Orte, die sie im Inneren berühren. An magischen Orten treffen die Sehnsüchte mit den UNESCO-Welterbe-Kriterien zusammen („Meisterwerk der menschlichen Schöpferkraft“, „von außergewöhnlicher Naturschönheit“ usf.).

CIMG2231Doch die Magie all dieser Orte ist verletzlich. Ich plädiere daher seit Längerem für eine strategische Steuerung – das heißt: Besucher-Limitierung – von touristischen Hot Spots. Das mag gegen den demokratischen Grundgedanken des Reisens verstoßen, ist aber m.A.n. die beste Lösung in diesem Konflikt Quell- und Zielkultur. In Venedig (56.000 Einwohner, knapp 20 Millionen Besucher p.a.) müssen Tages-Touristen künftig spezielle Eintrittsgebühren zahlen (nicht aber Einheimische und Hotelgäste). Cinque Terre (7.000 Einwohner, zuletzt 2,5 Mio Besucher p.a.) plant ebenfalls Begrenzungen, Barcelona und Dubrovnik werden hoffentlich bald folgen – und die Kreuzfahrer-Massen durch hohe Mautgebühren reduzieren. Intelligente und faire Pricing-Modelle (First Track etc.) sind hier gefordert.

Wer vom kulturellen Erbe redet, darf aber nicht nur ans Bewahren des Erbes (Spannungsfeld „Schützen-Nützen“) denken, sondern auch an die Erben. Damit diese das Erbe in die Zukunft bringen (und nicht verjubeln), bedarf es eines Identitäts-Transfers in narrativen Erfahrungsräumen. „Zukunft braucht Herkunft“ (Odo Marquard), nicht mehr und nicht weniger.

unescoUNESCO-Jahreshauptversammlung_207_7123_Dieser Beitrag beruht auf einer Keynote, die Andreas Reiter vor kurzem auf der UNESCO-Welterbe-Jahrestagung in Regensburg hielt.

Tipp: Auf außergewöhnliche Art und Weise sind die UNESCO-Welterbestätten in NRW (Industriekultur etc.) von der Agentur Reality Zoom dokumentiert – in virtuellen Erlebniswelten: http://www.reality-zoom.de/

 

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