Extrem-Sport: in der Arena der Individualisierung

Ötztal_längenfeld_foto_Rainer_Eder_In einer zunehmend virtuellen und ortlosen Gesellschaft wird alles Körperliche bedeutungsvoll: über den Körper begreift der Mensch (im Sinn von Anfassen), mit ihm handelt er, verleibt sich die Welt ein… Ob Essen oder Body Design, ob Sex oder Workout – der Körper wird zum letzten analogen Spielfeld. Und zur Distinktions-Arena: all die glutenbefreiten Foodies und mit Magnesium bestäubten Speed-Kletterer – sie sind die Virtuosen der Individualisierung.

Nichts aber durchdringt unsere Alltagskultur so tief wie der Sport. Gerade weil die Grenzen zwischen Sport, Lifestyle und Gesundheit zerfließen, gerade weil unsere Biografie so stark von Selbst-Optimierung bestimmt wird, gilt eine sportive Lebensweise als oberstes Gebot. Abend für Abend schnürt man seine Laufschuhe, zieht sich das neue Funktions-Shirt über und läuft los. Move your ass and your mind will follow.

wien_marathon_2Sport scheint wie keine andere Freizeitaktivität geeignet, den Menschen aus seiner Alltags-Routine herauszuholen und ihm – wenn auch nur für kurze Zeit – ein attraktives Sinnangebot zu machen. Playing with a Purpose. In einer Gesellschaft, die sich vom Haben zum Erleben entwickelt, zählt der Weg zum Ziel mindestens so viel wie dieses. „Mein langer Lauf zu mir selbst“ nannte denn auch der deutsche Ex-Außenminister Joschka Fischer sein Buch, in dem er den Laufweg zu seinem „idealen Kampfgewicht“ beschrieb.

Sich anstrengen, über sich hinauswachsen, ein selbstgestecktes Ziel erreichen – in seiner sportlichen Freizeit kann der Mensch (im Gegensatz zur durchorganisierten Arbeitswelt) endlich mal Subjekt und nicht Objekt sein“ (Karl-Heinrich Bette). Wer im Downhillpark auf seinem neuen Carbon-Rad den Trail hinunter donnert, hat zumindest bis zum nächsten Dirt Jump das Steuer in der Hand. Der Biker folgt damit einem konstruktivistischen Leitbild – der Einzelne führt Regie in seinem Leben, hat dieses, wenigstens in der Freizeit, in der Hand. Kein Wunder, dass z.B. im Iran Klettern ein Trendsport vor allem bei jungen Frauen ist – auf den Felsen weitab der Städte klettern sie, endlich ohne Kopftuch, den Zwängen und der Kontrolle ihrer Gesellschaft davon.

x_cross_2Freizeit-Aktivitäten spiegeln immer auch gesellschaftliche Werte wieder. In einer hoch kompetitiven Gesellschaft (schneller-höher-weiter) bedeutet daher Sport – in seiner darwinistischen Auslegung – permanente Selbst-Optimierung: man will und muss ja als erster ins Ziel kommen. „Das Selbst verdankt sich einer Erzählung“, weiß der Philosoph Byung-Chul Han. Die Erzählung der Digital-Moderne heißt „Perfektion“. Unterstützt von Fitness-Trackern und anderen digitalen Devices arbeitet der Mensch an sich und nähert sich seinem Ideal – im Schweiße seines Angesichts, beim Training, Workout oder im Wettkampf.

Kein Wunder, dass der (Extrem-)Sportler als Role Model auch in der Wirtschaft gern gesehen ist und bei firmeninternen Motivations-Sessions die Mitarbeiter zu Höchstleistungen anspornen soll. Mach was, so die Botschaft, aus deinen Potenzialen, geh ein Risiko ein, streng dich an – und du kannst gewinnen. Die Laufbahn, der Höhenflug, ein Überflieger sein – die Wirtschafts-Welt steckt voller sportlicher Metaphern.

Sport – vor allem als Breitensport – birgt viele Facetten und Funktionen in sich (z.B. gesellschaftliche Teilhabe, Gesundheitsvorsorge, aber auch einfach „nur“ Spaß an der Bewegung u.a.). Nichts aber triggert die mediale Aufmerksamkeit so sehr wie der Extremsport. Speed. Power. Gefahr. Vor allem dort, wo es dramatisch in die Höhe und in die Tiefe geht – insbesondere in den Alpen, Europas steilster Adrenalin-Rampe.

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Die alpine Geographie begünstigt Speed-Wettkämpfe und waghalsige Soli am Abgrund – ob auf dem Bike, die Felswand hoch kletternd, ob auf Skiern oder Boards, ob in- oder außerhalb der schwarzen Piste, ob auf flowigen Single-Trails oder gewundenen Passstraßen, ob hinauf oder hinunter, ob gesichert oder im Freestyle.

sportograf-64525761_kljpgDie Vertikale ist der Spielplatz der Endorphin-Süchtigen. Dies ist auch die Alleinstellung des Hochgebirges und der alpinen Hot-Spots – eine kraftvolle Marken-Erzählung, ein attraktives Standort-Narrativ, getragen von

  • Helden (vom Weltmeister über den Red Bull-Werkssportler bis zum Instagram-Boulderer)
  • Ritualen (z.B. das Hahnenkammrennen, Ötztaler Radmarathon, MB-Weltcup in Champéry, dem steilsten Downhill-Trail der Welt u.a.) sowie einer klaren
  • Botschaft: „Choose your daily battles“.

 

sportland_tirolD!cid_image001_jpg@01D2C7E0ieser Beitrag beruht auf einem Vortrag, den Andreas Reiter vor kurzem auf dem Zukunftstag des Landes Tirol hielt (Credit Foto rechts: Land Tirol)

 

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