Skifahren als genetisches Programm?

Der gelernte Österreicher wird ja quasi auf Skiern geboren, kein Land in Europa hat einen so hohen Anteil an Skifahrern (55%). Skifahren gehört offensichtlich zur genetischen Grundausstattung der ÖsterreicherInnen. Damit das auch weiterhin so bleibt, investieren die heimischen Seilbahnbetreiber (oft die Kreativsten in der Tourismus-Branche, siehe Dachstein, Ötztal & Co.) viel Geld, vor allem in High-Tech-Hardware und Beschneiungsanlagen.

Dennoch erlaube ich mir immer wieder, bei aller Sympathie für die Kreativen der Berge, auf ein sich veränderndes Winter-„Gefühl“ bei europäischen Gästen hinzuweisen, bei dem künftig das Skifahren nicht mehr im Vordergrund steht, sondern immer mehr Teil eines ganzheitlichen Schnee-Erlebnisses sein wird.

Die Wintertouristiker reagieren dabei naturgemäß empfindlich, man betont gerne das „Potenzial von 38 Mio. Skifahrern in Europa“ (61% fahren überhaupt nicht), die Medien bringen den Schnee weiter zum Schmelzen: „’In 15 Jahren wird der klassische Schilauf tot sein“, verstört Reiter die Schination’“ (Kleine Zeitung), die „Presse“ gibt meine Aussage im Artikel „Die sterbende Skination“ freilich korrekt wieder: „In Österreich, meint Reiter, werde Skifahren immer weniger Teil der nationalen Identität sein.“

Beweggründe für diese Entwicklung finden sich viele: fehlende Schulskikurse, teure Skikarten. Beides spielt m.A.n. eine Rolle, aber eben nicht nur. Erstens kann man einen Freizeit-Lifestyle nicht verordnen, auch nicht verpflichtend qua Schulbehörde. Es ändert sich schlichtweg das Freizeitverhalten der Europäer (und nicht nur da: Ende der achtziger Jahre wurden weltweit rund 10 Mio. Paar Ski pro Jahr verkauft, heute sind es knapp 3 Mio.). Zweitens gibt es auch andere Freizeit-Vergnügen – z.B. Thermen – mit einem ähnlichen hohen Tagessatz wie auf der Piste. Teuer für Familien ist es hier wie dort, günstige Packages da wie dort ebenfalls, hier ist kreative Fairness beim Pricing gefordert.

Aus meiner Sicht gibt es keine monokausalen Ursachen für die – allmählich – nachlassende Magnetwirkung des Skisports auf Urlauber. Zu den oben genannten Gründen kommen auf unseren Hauptquellmärkten – Deutschland, NL – sozio-demografische Entwicklungen dazu (Alterung der traditionellen Skifahrer, zunehmender Migrations-Hintergrund in den urbanen Ballungsgebieten). Zudem locken neue (günstige) Urlaubsdestinationen im Süden usf. Zwar kommen neue Skifahrer-Quellmärkte (Tschechien, Russen etc.) dazu, sie werden aber langfristig nicht die Lücke füllen können. Auch gibt es neue (schneesichere!) Skigebiete im Kaukasus, Bulgarien etc., die eine ernsthafte Konkurrenz für heimische Ski-Destinationen darstellen werden. Vom Klimawandel, der mittelfristig vor allem kleinere Skigebiete im Osten Österreichs bedroht, ganz zu schweigen.

Auch die Ski-Industrie trägt ihren Teil dazu bei: sie hat schließlich seit dem Carver (Mitte der 1990er Jahre) keine radikale Innovation mehr auf den Markt gebracht. Da muss man sich nicht wundern, wenn die Jungen lieber abseits des Mainstreams den Berg hinunter gleiten, als Freerider neben der Piste.

Frühwarnung ist eines (und aus meiner Sicht Teil eines Risiko-Managements). Proaktive Strategien, Entwicklung neuer Produkte (der Winterberg als schräge Spielwiese) aber sind das andere – und viel wichtiger. Skifahren wird immer Teil des heimischen Winterurlaubs bleiben, aber erfordert komplementär Innovationen am Berg, die das Schneevergnügen insgesamt neu und attraktiv inszenieren.

Links zum Thema:

http://diepresse.com/home/sport/wintersport/635627/Oesterreich-Die-sterbende-Skination

http://www.kleinezeitung.at/nachrichten/wirtschaft/2690839/haengen-kaerntner-schi-den-nagel.story

http://www.seilbahnen.at/start/files/argumente-ggsterbendeskination.pdf

http://www.nzz.ch/magazin/reisen/langlaufen__wintersport_der_zukunft_1.9464830.html

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