Feinsinnig: warum der Bregenzerwald die kultivierteste Alpenregion ist

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In unserer Aufmerksamkeits-Ökonomie spielt das Schöne eine tragende Rolle. Aber was ist Schönheit? Liegt sie tatsächlich im Auge des Betrachters, dann müsste Selfie-Queen Kim Kardashian (aktuell 43,1 Millionen Follower auf Instagram und 34,4 Millionen auf Twitter) so ziemlich eine Schönheit sein. „Ohne Verhüllung gibt es keine Schönheit“, weiß der Berliner Philosoph Byung-Chul Han („Die Errettung des Schönen“) und demaskiert aber gleich das Gefällige, das Glatte als Schönheitsideal unserer Zeit: „Das Glatte ist die Signatur der Gegenwart. Es verbindet Skulpturen von Jeff Koons, iPhone und Brazilian Waxing miteinander.“

bregenzerwald_1Gut, also Instagram mit seiner glatten Ästhetik beiseite und auf zur Suche nach dem wahren Schönen. Ich fand es vor kurzem – analog – im Bregenzerwald in Vorarlberg.

Dieses westlichste Bundesland Österreichs besitzt, mehr als andere Alpenregionen, ein Höchstmaß an Lebenskultur sowie eine Balance harter und weicher Standortfaktoren:

  • umsichtige und zukunftsorientierte Regionalentwicklung: das dicht besiedelte Rheintal mit seinen 29 Gemeinden wird polyzentrisch und multifunktional hinsichtlich seiner Einrichtungen bespielt, mit Wachstumsachsen entlang der zur Stadt-Bahn ausgebauten Eisenbahn
  • regionale Wirtschaftskreisläufe sind hier keine Marketingblase, sondern bewährte Praxis
  • hohe Anforderungen an die Gestaltung von (individuellen wie kollektiven) Lebensräumen und an Produkt-Qualität (Manufaktur statt Industrie)
  • ein überaus geschärfter Sinn für (Alltags-)Kultur und Gemeinsinn.

adlerDas ohnehin schon bemerkenswerte Vorarlberger Streben nach Exzellenz potenziert sich im Bregenzerwald. Ob Baukunst (Holzarchitektur) oder Genussmittel (allen voran der Käse), ob gepflegte Kulturlandschaften, Kunst oder Handwerk – hier konzentriert sich mehr als anderswo die Schönheit jenseits des Gefälligen, des Glatten. Kaum eine Region weltweit verfügt über eine derartige Dichte an hochwertiger Holz-Architektur, setzt derart harmonisch alte und neue Baukultur in Beziehung, bei privaten Wohnhäusern wie bei kommunalen Bauten (Rathaus, Schulen, Feuerwehr etc.), und das noch im kleinsten Dorf.

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Handwerkskunst trifft hier auf High Tech, regionale Identität auf Weltoffenheit. Wo sonst wäre in einem kleinen Ort (wie z.B. Andelsbuch) ein Rathaus möglich, das mit seiner kühn-modernen Formensprache in jedem skandinavischen Szenebezirk stehen könnte. Wo sonst legen Bewohner beim Bau ihrer Häuser höchsten Wert auf handwerkliche und bauliche Stimmigkeit oder transformieren alte Bausubstanz behutsam und mutig in neue Wohnwelten. Hier ist das schöne Leben zu Hause. „Urlaub für Feinsinnige“, lautet nicht zufällig der Claim der Tourismus-Destination.

brunnenDie Schönheit des Bregenzerwaldes beruht auf einem Höchstmaß an ästhetischer Sensibilität der Bewohner. Das Schöne geht aber weit über die Ästhetik hinaus, es steht in einem größeren Kontext, in einem Werteset. Achtsamkeit bestimmt die DNA der „Wälder“ und durchdringt jeden Lebensbereich. Nun ist ja Achtsamkeit – verstanden als Mindfulness – unter urbanen Entschleunigungs-Fetischisten („Keine Whatsapp vor dem Frühstück“) und Slow Living-Anhängern mit ihren selbstgefertigten Holzbrillen und veganen Eiscocktails gerade ziemlich angesagt. Bei den Bewohnern des Bregenzerwaldes gehört sie jedoch seit eh und je zur genetischen Grundausstattung.

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Konzentrat der kultivierten Feinsinnigkeit sind für mich die sieben Busstationen („Bushüsle“) in Krumbach. Internationale Architekten (darunter ein chinesischer Pritzker-Preisträger!) stellten hier – kostenlos und weil’s eine Ehre für sie ist, etwas beizutragen zum Dialog mit der einheimischen Baukunst – ungewöhnliche Bushaltestellen in die Landschaft. Diese Installationen gehören zum Besten, was es an narrativer Erlebnisarchitektur in Europa gibt. Ach ja, sogar das Warten (auf den Bus) hat hier mit Achtsamkeit zu tun. Einfach. Schön.

http://www.kulturkrumbach.at/

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