Der Blaibach-Effekt oder die neue Kreativität auf dem Land

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Land unter: 2050 sollen nur noch 16 Prozent der Deutschen auf dem Land wohnen (derzeit ist es knapp ein Viertel). Die Jungen (allen voran die jungen Frauen) zieht es in die Schwarmstädte, wo Jobs, Bildung und Lifestyle-Angebote locken, auf dem Land bleiben die 3 A’s zurück – die Alten, die Ausrangierten, die Abgehängten. Das Land wächst nur dort, wo es Um-Land ist, Entlastungsraum für Großstädter, eine Spielwiese für die Sehnsucht nach (günstigem) Leben im Grünen, nach weichgezeichneter Instagram-Landidylle.

Land unter? Ach was! Natürlich gibt es in Europa periphere Regionen, die sich unaufhaltsam leeren, die sich selbst und ihrer „Verwilderung“ überlassen werden (müssen) – der Mensch geht, der Wolf kommt. Diese Verwaldung und Renaturierung sehe ich in einer urbanisierten Welt jedoch überwiegend positiv. Und: Daseinsvorsorge und die dafür nötige Infrastruktur lassen sich schließlich nicht mehr in Mikro-Strukturen aufrechterhalten, sondern nur noch konzentriert in Agglomerationen entlang der wichtigsten Verkehrsachsen.

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Gleichzeitig aber gibt es von Oberitalien bis Brandenburg immer mehr ländliche Räume, die eine mutige, mitreißende Vision für die Zukunft entwickeln. Und diese hat, fast immer, mit Kreativität zu tun. Ob im Bregenzerwald, der wohl lebenswertesten Region im deutschsprachigen Raum (https://blog-ztb-zukunft.com/2015/08/16/feinsinnig-leben-im-bregenzerwald), wo Handwerkskunst auf High Tech trifft und verfeinerte regionale Produkt-Kultur auf Weltoffenheit, wo sich 80 Betriebe aus 30 Branchen vernetzen und innovative Ausbildungsmodelle entwickeln; oder in der umtriebigen Oststeiermark, die mit ihren „kreativen Lehrlingswelten“ junge Talente vor Ort bindet – angesichts des dramatischen Strukturwandels schärfen ländliche First Mover (so sie Lebensraum bleiben wollen) ihre Anpassungs-Intelligenz und heben ihr Kreativ-Potenzial.

In den „Smart Rural Areas“ von morgen eröffnet gerade die Verschränkung von High Tech und Kreativität, von Industrie 4.0 und Manufaktur den Menschen auf dem Land neue Perspektiven. In Österreich sind heute schon 18% der Betriebe der Kreativwirtschaft im ländlichen Raum angesiedelt. Das Land wird zum Zukunftslabor, zum Maker’s Lab. In einer hybriden Gesellschaft wird die Stadt grüner und das Land kreativer. Damit diese Entwicklung aber nachhaltig ist, braucht es eine neue Erzählung: „Erzählen führt zur Selbstfindung“, so der Philosoph Byung-Chul Han.

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Eine starke Zukunfts-Erzählung hat sich etwa das kleine Blaibach in der Oberpfalz (Bayern) gegeben, in dessen Ortsmitte 2014 ein Granitblock wie ein Meteorit eingeschlagen hat – das neue Konzerthaus. Dieser wundersame Quader, von Architekt Peter Haimerl souverän in den Untergrund (das Unterbewusste) hineinkomponiert, wurde in kürzester Zeit weit über Europa hinaus bekannt und leitete, mit anderen räumlichen Erneuerungen, einen Relaunch des Ortes ein. Unterm Pflaster wächst das Land… „Mit Architektur und Kultur können auch im ländlichen Raum neue Werte und vor allem eine neue Art von Identität geschaffen werden, ein Kreisverkehr kann das nicht“, sagt Jutta Görlich.

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Ihre Künstleragentur beierle.goerlich hat den Wandel im Ort mit wunderbar irritierenden Fotografien begleitet, Häuser, die z.B. vor dem Abriss standen, dokumentiert und in großformatigen Fotografien im Dorf plakatiert, um die Bewohner miteinander ins Gespräch um die großen Themen Erinnerung und Zukunft zu bringen. „Die fotografischen Interventionen erweitern visuell die Idee der Dorfrevitalisierung… Viele Gemeinden gehen nun die Probleme mit größerer Offenheit an, sind aufgeschlossener für bisher unerprobte Ansätze, die auf individuelle Begebenheiten reagieren.“

07_bgDer Blaibach-Effekt? „Der ländliche Raum bietet ein großes Potential für Kreativität, weil die Szenen nicht definiert sind, das Publikum nicht übersättigt und der Raum für Innovationen größer ist, als in der Stadt“, so Jutta Görlich.

Kreativität wird – angesichts der Umbrüche – auch im ländlichen Raum immer mehr zum identitätsbildenden Faktor. Im Kern geht es dabei nicht um vordergründige Marketing-Maßnahmen oder um Event-Chichi, sondern um die Freilegung der eigenen Identität und um eine daraus abgeleitete kraftvolle Zukunfts-Vision. Rural Branding also.

Die Profilierung folgt dabei stets der gleichen simplen Dramaturgie:

  • Fokussierung auf die eigene Kern-Kompetenz
  • Entwicklung von Leuchtturmprojekten
  • Themenführerschaft & Kommunikation.

06_bg__Wenn rundum alles in Bewegung ist, in Transformation, dann werden auch ländliche Räume immer mehr zu Brennpunkten des Wandels. Die einen gehen, die anderen kommen. Sie kommen entweder auf Zeit, wie in Blaibach als kulturinteressierte Gäste, die mit den Bewohnern in den Gasthäusern ins Gespräch treten, „umrahmt von gemeinsamen kulturellen Erlebnissen“. Oder sie kommen, im besten Fall, als Rückkehrer aus der Stadt, die ihre Heimat nun wieder attraktiv und lebenswert finden. Die Ausheimischen als neue Einheimische. Jutta Görlich: „Die Stadtflüchtigen interpretieren den ländlichen Raum neu, sie triggern kreative Momente, die in den Strukturen bereits angelegt sind und sie verleihen dem Land ein neues Gesicht.“

Foto-Credit für obige Fotos: beierle goerlich  (https://beierlegoerlich.com)
http://www.peterhaimerl.com/

Der ländliche Raum zieht zunehmend kreative Köpfe an. Wir vom ZTB Zukunftsbüro begleiten regionale Kreativ-Cluster in eine vielversprechende Zukunft. https://vimeo.com/214199567

 

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