Bettgeschichten – Schlaf als neuer Lifestyle- und Imagefaktor

Wer sechs Stunden schläft, ist ein Idiot, meinte Napoleon, der selbst mit nur vier Stunden Schlaf auskam. Alpha-Manager wie etwa der Chef der Deutschen Bahn und Top-Politiker wie Angela Merkel oder Obama („Vier Stunden müssen genügen“) halten es ähnlich: Wenig Schlaf ist ein Differenzierungsmittel der Erfolgreichen. Genauer: war – denn der Zeitgeist ändert sich.

Lagen bis vor kurzem noch aufputschende Ratgeber à la „What the Most Successful People Do Before Breakfast“ auf dem Nachtkästchen ambitionierter High Potentials (um dort zu erfahren, dass die Mehrheit der Überdrüber-Manager um 4.30 aufsteht, erst einen Halbmarathon ums Haus absolviert, dann auf dem Hometrainer Strategiepapiere und Mails schreibt undsofort), so blinken jetzt die Apps zur Schlafoptimierung auf ihrem Handy-Display. Mit der Verfestigung des Aufmerksamkeit-Trends wird Schlaf zum neuen Image-Faktor. Sag mir, wie lange du schläfst, und ich sage dir, wer du bist.

CIMG1690Erholsamer Schlaf ist ein knappes Gut – und (mal abgesehen von den kleinen Pillen) nicht wirklich käuflich. Er rückt in einer Performance-orientierten Speed Economy ganz nach oben in der Werte-Pyramide. Schlaf ist die neue Speerspitze eines Healthy Lifestyles und geht damit weit über das bloße Grundbedürfnis der Regeneration hinaus. Chronobiologen sind nun fast so sexy wie vegane Winzer, Schlafforscher erläutern in Talkshows, warum Menschen eine weit bessere Performance im Job erzielen, wenn sie regelmäßig und genügend schlafen. Ariana Huffington, die geläuterte Medien-Revolutionärin (Huffington Post) zeigt mit ihrem Schlaf-Pamphlet „Sleep Revolution“ gar, wie man sich „nach oben schlafen kann“. Gesundheits-Destinationen besetzen im Bereich der Prävention immer stärker den Schlaf zur Profilierung, z.B. Füssen („Gesunder Schlaf durch innere Ordnung“). Eine US-amerikanische Versicherung bezahlt ihren Mitgliedern bereits eine Ausschlaf-Prämie (der Schlaf wird selbstverständlich mit einer App überwacht).

Plötzlich assoziiert man mit Schlaf nicht mehr nur lästige Zeitverschwendung (immerhin verbringen Mitteleuropäer rund ein Drittel des Tages und damit ihres Lebens im Bett), sondern produktives Aufladen von Körper und Geist. So wie sich Yoga und Meditation gerade im effizienzgetriebenen Business-Alltag festsetzten, so wird Schlaf immer stärker zum kreativen Mind-Wandering umkonnotiert. Kreativität, das hat man inzwischen gelernt, ist als Problemlöser in einer hoch komplexen Gesellschaft unerlässlich – dafür legt man sich gerne auch mal ins Bett. Den Seinen gibt’s der Herr bekanntlich im Schlaf.

IMG_2935Das neue Schlafbewusstsein durchdringt unser Alltagsleben und bewirkt neue Produkte/Angebote im öffentlichen wie im privaten Raum. In Japan ist es selbstverständlich, dass Menschen in vollen U-Bahnen oder im Café ein Schläfchen halten – keiner stört sich daran. Bei uns muss das erstmal inszeniert werden: an den Knotenpunkten unserer nomadischen Gesellschaft – Airports, Bahnhöfe etc. – werden immer öfter Schlafkabinen installiert, selbst im traditionellen Bayern (Flughafen München). Stunden-Hotels, ich sagte es schon vor vielen, vielen Jahren, mit Schlafmöglichkeiten auf Zeit entschleunigen eine hypernervöse Gesellschaft. Schlaf-Kapseln wie etwa die vom Billigflieger Jet Blue installierten „MetroNaps“ am JFK-Flughafen in New York greifen auf, was asiatische Kulturen mit ihren Power Naps schon längst öffentlich zelebrieren: der Mensch hat Recht auf seine Eigenzeit, auf eine kurze Auszeit, ein individuelles Ausscheren aus dem synchronisierten Rhythmus der Gesellschaft, sei es am Bürotisch, in Firmen-Lounges oder in der U-Bahn.

Das neue Schlafbewusstsein führt nicht nur zu einer Renaissance des Nappings im öffentlichen Raum, sondern auch zu einem Revival des Schlafzimmers. Nach Wohnküche und Wellness-Bad ist jetzt das Schlafzimmer dran und harrt der (ästhetischen wie räumlichen) Erneuerung. Dabei kommt dem Bett in seiner Neuinszenierung als kuschelige Knautschzone und Wohnhöhle, als Retreat – eine neue Bedeutung zu. Es geht – ästhetisch – diesmal weniger um die erotische Inszenierung (wie etwa im 19. Jahrhundert), als vielmehr um das Bett als letzten Rückzugsort der beschleunigten Digital-Moderne. Gerade die Digital Natives mit ihrem Hang zum Work-Life-Blending wissen es zu schätzen, dass man im Bett, umhüllt von Kaschmir-Duftkerzen und indischen Plaids, auch gemütlich mit dem iPad oder dem Notebook arbeiten und sich dann wieder anderen Genüssen widmen kann.

Ob man dabei den Trend hin zu den (sündteuren) Boxspringbetten mitmachen muss, bleibt jedem überlassen. Fact ist, dass Konsumenten immer mehr Wert auf qualitativ hochwertige Matratzen legen. Nicht nur in Luxus-Hotels schlafen Kunden auf edlen Matratzen (bevorzugt aus der Dream Factory Schramm, einer deutschen Premium-Manufaktur), gute Matratzen sind Leistungsfaktoren in guten Hotels. Die Start-up-Szene hat ebenfalls den Schlaf entdeckt und rollt – von den USA ausgehend (First Mover: Casper) – mit üppigem Venture Capital die europäischen Märkte mit „One-fits all“-Matratzen auf.

ruby_sofieOb Tagträumer, Power Napper oder Langschläfer – erholsamer Schlaf stärkt die menschliche Resilienz und trägt damit wesentlich zur Lebensqualität wie zur Produktivität bei. Ach ja: ich selbst gehe spätestens um 22 Uhr ins Bett (und stehe zwischen 5-6 Uhr auf). Und arbeite dabei quasi (immer wieder) im Schlaf.

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