Selfie Town: Warum Venedig eine andere Zukunft für seine Vergangenheit braucht

01_IMG_9165_Innenstädte sind Orte der Erinnerung, Speicher des kollektiven Gedächtnisses. In kaum einer europäischen Stadt ist Geschichte so konzentriert wie in Venedig, und kaum einer steht zugleich das Wasser so bedrohlich bis zum Hals. Aqua alta. Der unaufhaltsame Verfall dieser alternden Stadt-Schönheit ist Teil ihrer DNA und damit der Erzählung, die sie zu einer weltweit begehrten Marke macht.

04_IMG_9159_Venedig ist eine Stadt der Paradoxien: sie schrumpft und wächst zugleich. Auf der Altstadt-Insel leben nur noch knapp über 50.000 Bewohner (rund 1.000 Menschen verlassen sie jährlich), gleichzeitig drängen 30 Millionen Touristen pro Jahr herein – im Gänsemarsch durch die verwinkelten Gassen und über eine der 411 schmalen Brücken. Reisegruppen stapeln sich entlang der Kanäle und machen Selfies vor atemlos schönen Stadt-Palais. Liebespärchen stehen ergriffen vor maroden Bürgerhäusern, an deren Mauern die Fäulnis hochkriecht und das Salzwasser kleine Wellen schlägt. Die verwundete Schönheit dieser Stadt ergreift jeden Betrachter, Morbidität und Melancholie bilden die venezianische Grundmelodie und ihr Markenversprechen. Am Canal Grande glitzernde Luxus-Hotels, ums Eck leerstehende Palazzi mit verbarrikadierten Fenstern. Tod in Venedig.

Wie Europa in 30 Jahren aussehen könnte, kann man schon heute an Venedig ablesen: die Stadt ist ein Living Museum, ein History Park, in den jeden Tag rund 80.000 Touristen drängen. Venedig mag demografisch auf die Größe eines Provinzstädtchens abgeschmolzen sein, ist aber touristisch eine Alpha City, eine Global Brand, die gleich dutzendfach als Destination skaliert wurde (The Venetien in Las Vegas, Macau etc.), eine Blaupause für globale Immobilien-Phantasien (gerade wird in Dubai das Unterwasser-Resort „Floating Venice“ gebaut).

IMG_9378_Die touristische Monokultur Venedigs, gepaart mit geographischen Besonderheiten (Insellage) und einer verfallenden Bausubstanz, machen aus dem städtischen Lebensraum einen Transitraum – nicht nur für Touristen, sondern auch für Einheimische. Die Alten sind im Aussterben, die Jungen sind abgewandert, pendeln von Mestre und anderen leistbaren Vororten auf dem Festland zur Arbeit in die Hotels und Gastronomie. Ansonsten Souvenir- und Maskenläden, Flagship-Stores für Premium-Marken und hunderte touristische Tankstellen mit viel Spritz und viel Tramezzini.

02_IMG_9356_Wenn wir mit dem Blick des Stadt-Soziologen auf Venedig schauen, ist die Wunde schnell freigelegt: in dieser Stadt wird kaum noch gelebt, dafür aber umso virtuoser simuliert. Act like a local. Die Stadt ist eine Fake City, ein beeindruckendes Bühnenbild zwar, jedoch ohne echtes Leben zwischen den Mauern. Die touristische Mono-Kultur ist für die Stadtgesellschaft (hier wie anderswo) der Anfang vom Ende.

05_IMG_9417_„Die Stadt“, so der Soziologe Walter Siebel in seinem Buch ‚Die Kultur der Stadt‘ „ist ein Ort des Theaters, bei dem die Anwesenden Schauspieler, Statisten und Zuschauer zugleich sind.“ In Venedig aber gibt es fast nur Zuschauer und kaum (echte) Akteure, bestenfalls Statisten. Man durchstreift einen (faszinierenden) Themenpark in seinem absteigenden Lebenszyklus. An manchen Häusern hängen nicht zufällig Transparente: „Venezia è una vera città“ (Venedig ist eine echte Stadt), so als müssten sich die Bewohner der Echtheit ihrer Existenz versichern.

Natürlich gibt es auch noch lebendige Nachbarschaften, in denen gelebt, geliebt und gestritten wird, wo die Wäsche von den Leinen hängt wie in Castello, in San Polo etc., oder (wieder) Handwerker in ihren Studios werkeln, Elena Rizzi mit ihren reduzierten Schmuckstücken etwa oder die Vorarlbergerin Gabriele Gmeiner, die am Campiello del Sol kunstfertig Maßschuhe anfertigt. Viele Häuser im Zentrum aber sind verwaist, von einem Hollywood-Star oder einem Scheich aufgekauft oder von Oligarchen als Stop Over genutzt. Sterbebegleitung, erste Reihe fußfrei.

03_IMG_9466_Gesellschaftskritiker rufen gerne die „Disneyfizierung“ Venedigs aus oder das „Malling of the City“. Die einen fordern eine Obergrenze für Touristen, die anderen wollen (zu Recht) die Kreuzfahrtschiffe mit den ungeliebten Tagestouristen außen vorhalten, jetzt soll (endlich) ein elektronisches Zugangssystem für den Markusplatz eingeführt werden. Die Demarkationslinie im Kulturkampf freilich geht tiefer: Soll, darf das internationale Kapital das historische Kapital (das kulturelle Erbe) umschreiben, transformieren? Nüchtern gesagt, ja. Wer denn sonst? Und wo wenn nicht hier, in dieser einstigen Metropole, die durch Merkantilismus groß geworden ist und deren Erbe ansonsten in Fäulnis und Salzwasser zerfällt?

06_IMG_9274_Dass die Versöhnung von Kapital, Kunst und Kommerz gelingen kann, beweist die Fondaco dei Tedeschi. Dieser 500 Jahre alte Palazzo an der Rialto-Brücke – jetzt im Besitz des Luxus-Konzerns LVHM (Louis Vuitton etc.) – wurde von Rem Koolhaas sehr achtsam und sehr mutig (Rolltreppen im Inneren) zu einem vierstöckigen Edel-Store umgebaut. Eine gelungene Transformation, die den merkantilen Spirit des Hauses fortschreibt.

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Venedig – immerhin auch Austragungsort der Biennale und auch sonst ein kultureller Hotspot – könnte ein wunderbares Future Lab sein, in dem neue kreative Formate der städtischen Transformation erprobt, mutige Allianzen zur Stadterneuerung geschmiedet und neue Strategien in Zeiten des Overtourism entwickelt werden. Aber dafür braucht diese Kulissen-Stadt erstmal eine neue Erzählung nach innen, die sie wieder mit (Alltags-)Leben beseelt.

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